9. Mai 2012 12:11; Akt.: 9.05.2012 12:30

Traumchronist und Mediziner: Arthur Schnitzler vor 150 Jahren geboren

Arthur Schnitzler: Bühnen-Dauerbrenner und subtiler Psychologe Arthur Schnitzler: Bühnen-Dauerbrenner und subtiler Psychologe - © Archiv
Arthur Schnitzler war Arzt und Seelenforscher, Literat und intellektuelle Autoritätsperson der Wiener Moderne. Sigmund Freud bezeichnete ihn als seinen “Doppelgänger”, heute gilt er als einer der bedeutendsten Dramatiker der deutschsprachigen Theaterliteratur. Am 15. Mai jährt sich Schnitzlers Geburtstag zum 150. Mal.

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Arthur Schnitzler wurde 1862 in eine jüdische Familie des Wiener Großbürgertums geboren. Sein Vater, Professor an der Universität, war ein bekannter Hals-Nasen-Ohren-Spezialist, und auch Schnitzler selbst absolvierte nach der Matura am Akademischen Gymnasium ein Medizinstudium und arbeitete im Krankenhaus. Aber schon die Studienjahre waren von literarischer Arbeit, einer mitunter existenzgefährdenden Spielleidenschaft, ausgiebigen Kaffeehausbesuchen und zahlreichen Affären begleitet.

Seine Dissertation verfasste Schnitzler über Hypnose, mit Sigmund Freud, der etwa gleichzeitig Medizin studierte, verband ihn auch später wohlwollender Austausch und das gemeinsame Interesse am Unterdrückten. “So habe ich den Eindruck gewonnen”, schrieb Freud zu Schnitzlers 60. Geburtstag, “dass Sie durch Intuition – eigentlich aber in Folge feiner Selbstwahrnehmung – alles das wissen, was ich in mühseliger Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe.”

Schnitzlers Werke werden zum Stoff für Film und Fernsehen

Sein literarisches Debüt hatte Schnitzler mit “Liebeslied der Ballerine” im Jahr 1880 gegeben. Zu den heute meistgespielten Theaterautoren gehört er mit Werken wie “Anatol”, “Reigen”, “Professor Bernhardi” oder “Das weite Land”. Mit “Leutnant Gustl” führte er den inneren Monolog in der deutschsprachigen Literatur ein. Nicht nur mit der “Traumnovelle” lieferte er bis heute Stoff für Film und Fernsehen. Wesentliche Themen seiner Arbeit sind Ehebruch, weibliche Sexualität, Tod, Traum- und Innere Welten, aber auch der immer stärker werdende Antisemitismus seiner Zeit. Viele dieser Themen behandelte er auch in seinen ausführlichen Tagebüchern.

Der Siegeszug des Antisemitismus blieb Schnitzler knapp erspart: Schon nach dem Selbstmord seiner Tochter Lili im Jahr 1928, die er nach der Scheidung von seiner Frau Olga Gussmann allein aufgezogen hatte, war Schnitzler tief erschüttert. Am 21. Oktober 1931 starb er 69-jährig an einer Hirnblutung. Sein Ehrengrab im alten Israelitischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs befindet sich neben Friedrich Torberg und Gerhard Bronner.

Wichtige Werke von Arthur Schnitzler

Arthur Schnitzler hinterließ ein bis heute viel gespieltes, bearbeitetes und neu aufgelegtes Werk als Prosa- und Theaterautor sowie als Tagebuchschreiber. Im Folgenden eine Auswahl wichtiger Werke.

Prosa:

“Leutnant Gustl” (im Original: Lieutenant Gustl) – Die Novelle wurde 1900 erstmals in einer Zeitung veröffentlicht. Mit diesem Text begründete Schnitzler die Form des inneren Monologs in der deutschsprachigen Literatur und stellt die Ängste, Obsessionen und Neurosen eines jungen Leutnants der k.u.k. Armee dar.

“Der Weg ins Freie” – Schnitzlers erster Roman erschien 1908. Als Porträt der Wiener Gesellschaft zur Jahrhundertwende behandelt er die Welt der zumeist jüdischen Intellektuellen, die sich im Salon des Bankiers Ehrenberg treffen und unter anderem Themen wie Zionismus und Sozialismus besprechen.

“Fräulein Else” – In der 1924 erschienenen Novelle schildert Schnitzler aus der Innenperspektive einer 19-Jährigen, wie sich die junge Frau einem moralischen Konflikt stellt: Um ihrem verschuldeten Vater Geld zu beschaffen, soll sie sich einem Kunsthändler nackt zeigen.

“Traumnovelle” – 1925 in einer Modezeitschrift erschienen, beschreibt die Novelle die Ehe des Arztes Fridolin und seiner Frau Albertine. Beide werden von ungestillten erotischen Begierden und Träumen heimgesucht, die sich durch wechselseitige Entfremdung zu einer Ehekrise auswachsen.

“Spiel im Morgengrauen” - Die Novelle handelt von einem jungen Leutnant, der all sein Geld am Spieltisch verliert. Sie erschien 1926/27.

Theaterstücke:

“Anatol” - 1893 veröffentlichte Schnitzler “Anatol”, ein Schauspiel über einen jungen, philosophischen Dandy, der sich zwischen zahlreichen Liebschaften Fragen nach Treue, Bindung und Partnerschaft zu entziehen versucht.

“Liebelei” – Das 1895 im Burgtheater uraufgeführte Stück behandelt mit der außerehelichen Liebschaft ein typisches Thema der Wiener Jahrhundertwende-Gesellschaft.

“Der einsame Weg” - Im Jahr 1904 in Berlin uraufgeführt, handelt das traurige fünfaktige Stück von einem Familiendrama in Wien um 1900.

“Das weite Land” – Das Drama um den Wiener Fabrikant Friedrich Hofreiter, der zwar selbst notorischer Ehebrecher ist, die Untreue seiner Frau Genia allerdings nicht verzeihen kann, wurde 1911 an einigen deutschsprachigen Bühnen gleichzeitig uraufgeführt.

“Professor Bernhardi” – Das Stück um den erfolgreichen Wiener Internisten, der im antisemitischen Klima seiner Zeit Opfer eines Rufmordes wird, wurde 1912 in Berlin uraufgeführt. Aufführungen in der Donaumonarchie waren bis 1918 wegen seiner systemkritischen Inhalte verboten.

“Reigen” - Die Uraufführung des Bühnenstücks in zehn Dialogen löste im Jahr 1920 große Theaterskandale sowohl in Berlin als auch in Wien aus. Quer durch die sozialen Schichten gibt es erotische Dialoge von Paaren unmittelbar vor und nach dem Sex wieder. Im “Reigen-Prozess” wurde ein Aufführungsverbot für das Stück verhängt. Das Stück darf erst seit 1982 wieder auf Bühnen gespielt werden.

Tagebücher – Schnitzler war ein penibler Tagebuchschreiber. Seine etwa 8.000 Seiten starken Aufzeichnungen liegen in einer zehnbändigen Edition vor und umfassen die Jahre 1879 bis 1931.(APA)



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