Überlegener Hirscher-Sieg in Sölden

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Perfekter Saisonauftakt für Hirscher
Perfekter Saisonauftakt für Hirscher
Nach neun Jahren hat Marcel Hirscher Österreich erlöst. Der Weltcup-Gesamtsieger gewann am Nationalfeiertag nach einer Sensations-Vorstellung den Auftakt-Riesentorlauf in Tirol mit 1,58 Sek. Vorsprung auf den Deutschen Fritz Dopfer sowie 2,06 auf den Franzosen Alexis Pinturault. Während Topfavorit Ted Ligety nur Zehnter wurde, verpasste Benjamin Raich als Vierter das Podest um eine Hundertstel.


15.000 Fans waren bei Kaiserwetter aus dem Häuschen, als Hirscher am österreichischen Nationalfeiertag zu seinem 24. Weltcupsieg raste. Der Salzburger hatte schon als Halbzeitführender überrascht, nachdem er trotz eines groben Fehlers Ligety um 19 Hundertstel hinter sich gelassen hatte. Im Finale patzte der US-Amerikaner beim Versuch, als erster Fahrer Sölden vier Mal in Folge zu gewinnen, aber entscheidend. Nach einem Fehler vor dem Flachen wurde der US-Olympiasieger sogar nur Zehnter.

Hirscher hingegen fuhr auch in der Entscheidung souverän und holte mit seinem allerersten Triumph auf dem Rettenbachferner auch seinen zehnten Riesentorlauf-Sieg überhaupt. Einen Tag nach dem Sieg für Anna Fenninger startete damit auch der 25-jährige Salzburger nicht nur perfekt in seine Titelverteidigung, sondern beendete auch zwei Serien. Nach neun Jahren (Hermann Maier 2005) ging die Sieglosigkeit der ÖSV-Herren in Sölden zu Ende, erstmals seit 2002 (Nicole Hosp und Stephan Eberharter) standen Österreicher beim Gletscher-Heimauftakt in beiden Rennen ganz oben.

“Ich hab’s nicht glauben können im Ziel”, gestand ein überglücklicher Hirscher nach dem Rennen. Der Weltcup-Titelverteidiger war vor dem Rennen extrem nervös gewesen, erst nach Bestzeit in Lauf eins hatte er sich entspannt gezeigt.

Dank neuer Ski und spezieller Bindungsplatte für unruhige Verhältnisse fuhr der Annaberger, der über den Sommer deutlich Muskelmasse aufgebaut hat, in Sölden erstmals auch im flachen Streckenteil auf und gewann. Allerdings nicht vor Ligety, sondern Dopfer, dessen Coach den unrhythmischen zweiten auf den Athleten abgestimmten Lauf gesetzt hatte. “Bisher ist mir Sölden nicht entgegen gekommen”, freute sich der in Innsbruck geborene Fahrer, der es als erster deutscher Herr auf das Sölden-Podest schaffte.

Bei Hirscher war die Erleichterung unübersehbar. “Es ist einfach nur cool”, sagte der Annaberger, der hier vor zwei Jahren von Ligety noch um dreieinhalb Sekunden distanziert worden war. Diesmal blieb der Amerikaner über drei Sekunden zurück.

Mit seiner Machtdemonstration am Nationalfeiertag drehte Hirscher erstmals den Spieß um und übernahm sechs Monate nach seinem Finalerfolg im Lenzerheide-Slalom sofort wieder das rote Trikot des Gesamtführenden. Besser hätte der Start in den Versuch, als erster männlicher Skifahrer die große Kristallkugel vier Mal in Folge zu gewinnen, nicht beginnen können.

“Es war schon lange nicht mehr so anstrengend, ich weiß gar nicht, wo genau ich eigentlich schnell war”, sagte Hirscher nach seinem Triumph auf dem Gletscher. “Gott sei Dank schieben die Ski brutal an, da geht echt die Post ab. Das Ganze ist richtig schräg. Ich bin echt befreit, jetzt habe ich eine echte Gaude”, sprudelte es aus dem Österreicher heraus.

Nur vier Österreicher kamen beim ersten Rennen mit Andreas Puelacher als neuem Herren-Cheftrainer ins 30er-Finale, als drittbester schaffte der Tiroler Christoph Nösig ein Jahr nach seinem Kreuzbandriss als 19. ein gutes Comeback. Philipp Schörghofer hingegen kam über Platz 25 nicht hinaus.

Knappest möglich scheiterte Benjamin Raich bei seinem 14. Versuch, in Sölden auf das Podest zu kommen. Um sage und schreibe eine Hundertstelsekunde verpasste der 36-jährige Tiroler Platz drei und wurde stattdessen zum bereits vierten Mal nach 2005, 2007 und 2008 Vierter. “Natürlich wäre es möglich gewesen, eine Hundertstel schneller zu fahren. Aber das hier ist nun mal nicht einer meiner Lieblingshänge, es war trotzdem ein sehr schöner Tag”, sagte der faire Pitztaler.

“Ich werde in den nächsten Wochen sicherlich sehr gut schlafen!” Ein erschöpfter, aber zufriedener Marcel Hirscher verabschiedete sich am Sonntag vom Rettenbach-Gletscher. Der Salzburger wirkte sichtlich erleichtert, hatte er doch im Sommer viel riskiert und einige neue Dinge probiert.

“Ich wusste wie im Vorjahr durch die internen Vergleiche, dass ich schnell fahren kann. Aber ich wusste nicht, was das international bedeutet”, erklärte der 25-Jährige, warum er vor dem Gletscher-Heimauftakt extrem nervös gewesen war. Die Verwirrung im Ziel (“Ich habe die Anzeige nicht gesehen”) wich nach dem überlegenen Sieg schnell der Erleichterung. “Aber es war ein harter Kampf, meine Zehennägel brennen jetzt noch”, gestand er eine Stunde nach dem Rennen.

Die “Nuss” Ligety sei nach dem kapitalen Fahrfehler des nur zehntplatzierten Amerikaners aber trotzdem nicht geknackt. “Das heute zählt deshalb nicht”, so Hirscher in Sölden. Der Salzburger bestritt auch, in Sölden bereits den perfekten Schwung gezeigt zu haben. “Da geht noch was”, verwies er darauf, dass er gut zehn Schwünge angedriftet habe. “Die gehen sicher auch noch auf Zug.”

Hirscher hatte nach seinem dritten Weltcup-Gesamtsieg fast fünf Monate auf Skifahren komplett verzichtet, sich beim Körper-Training erstmals dem intensiven Crossfit zugewandt. Und er habe zusammen mit Atomic auf dem Materialsektor beim Sommertraining in Ushuaia sehr viel riskiert, offenbar sowohl bei Ski als auch spezieller Bindung.

“Das meiste ist aber innen (im Ski, Anm.) drin. Es hat mutige Schritte gebraucht, damit etwas weitergeht. Vieles hat sich jetzt als richtig herausgestellt”, erklärte der Österreicher, dass Material und Fitness entscheidend seien. “Die Schwünge beschleunigen jetzt extrem, ich muss schauen, dass ich mit dem Körper nachkomme.”

Am Nationalfeiertag in Sölden zu siegen, sei auch für ihn etwas Besonderes, gestand Hirscher. “Dass ist für mich auf einer Stufe mit Schladming.” Nach neun Jahren hat mit Hirscher wieder ein Österreicher den Gletscher-Auftakt gewonnen. “Ich weiß, dass das für Österreich eine Riesen-Bedeutung hat. Ich kann mich noch genau erinnern, wie das damals war, als der Hermann (Maier, Anm.) gewonnen hat. Da waren alle Zeitungen voll damit.”

Der Sieg, die tollen Werbebilder einer perfekten Winterkulisse, all das sei für Österreich bedeutend, ist Hirscher bewusst. Ihm selbst ist wichtig, dass der Sieg nun für Entspannung sorgt. “Es wird jetzt sehr viel Ruhe in meinen Körper einkehren. Das ist superschön, ich freue mich, weil ich in den nächsten Wochen sicher gut schlafen werde, weil ich sagen kann, dass sich die mutigen Schritte gelohnt haben. Dafür muss man erst die Eier haben und das durchziehen. Solche Sachen sind aber notwendig, um Außergewöhnliches zu leisten.”

Obwohl es kaum besser beginnen hätte können, weiß Hirscher, dass Sölden nur ein erster, kleiner Schritt in eine hoffentlich erfolgreiche Titelverteidigung war. Ligety habe gepatzt und Alexis Pinturault gezeigt, dass er “mehr als bereit ist”.

Das nächste Rennen ist der Slalom am 16. November in Levi. In seiner Weltmeister-Disziplin hat Hirscher erst drei Trainingstage in Ushuaia in den Beinen. Die finale Vorbereitung auf das Lappland-Rennen steigt aber ohnehin wieder zusammen mit dem Team in Schweden.

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