Urteil im Prozess um Grazer Amokfahrer erwartet

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Alen R. zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig oder nicht?
Alen R. zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig oder nicht? - © APA
Im Grazer Straflandesgericht dürfte es heute, Donnerstag, eine Entscheidung der Geschworenen bezüglich des Grazer Amokfahrers geben. Alen R. wird zur Last gelegt, im Juni 2015 durch die Innenstadt gerast zu sein, wobei drei Menschen starben und rund 50 wurden zum Teil schwer verletzt wurden.

Nach sieben Verhandlungstagen werden die Geschworenen die zentrale Frage nach der Zurechnungsfähigkeit beantworten müssen. Zwei Gutachter attestierten dem Betroffenen Schizophrenie und damit Unzurechnungsfähigkeit, der dritte sprach von schwerer Persönlichkeitsstörung, stufte ihn aber als zurechnungsfähig ein. Es geht bei der Entscheidung der Laienrichter nun darum, ob R. nur in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen oder zusätzlich auch verurteilt wird.

Entscheidung vermutlich erst in den Abendstunden

Die Ausführungen der psychologischen Sachverständigen Anita Raiger sowie die ergänzenden Erörterungen des psychiatrischen Gutachters Jürgen Müller dauerten den ganzen Vormittag. Es folgt die Beratung über die Fragen an die Geschworenen, anschließend finden die Schlussplädoyers statt. Mit einem Urteil dürfte erst am Abend zu rechnen sein.

Verteidigerin Liane Hirschbrich hinterfragte rund eineinhalb Stunden lang die Ausführungen der Psychologin, die bei Alen R. eine zielgerichtete Tat für möglich hielt. Folgt man den Ausführungen von Raiger, ist der Betroffene zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig gewesen. Dieser Meinung war auch Psychiater Manfred Walzl gewesen, seine Kollegen Peter Hofmann sowie Jürgen Müller waren anderer Ansicht.

Ankläger: “Sie können nicht falsch liegen”

Die Schlussplädoyers der beiden Staatsanwälte waren kurz und bündig, die Verteidigerin hielt sich noch kürzer. Seitens der Ankläger wurde nochmals das Horror-Geschehen aufgerollt: “Er hat vielen Menschen großes Leid zugefügt”. Die Anwältin forderte nur erneut, Alen R. für nicht zurechnungsfähig zu erklären.

“Ein längeres Verfahren neigt sich dem Ende zu”, begann Staatsanwalt Rudolf Fauler seine Schlussworte. Er ließ nochmals die Amokfahrt vom 20. Juni 2015 Revue passieren und verwies auch auf die “vielen vergossenen Tränen.” Die Handlungsweise von Alen R. sei objektiv als “Mord und Mordversuch anzusehen”, betonte der Ankläger.

Sein Kollege Hansjörg Bacher ging auf die Frage der Zurechnungsfähigkeit ein. “Sie können nicht falsch entscheiden, sie haben immer einen Professor hinter sich”, betonte der Staatsanwalt. Zwei psychiatrische Sachverständige hatten R. für nicht zurechnungsfähig eingestuft, einer für zurechnungsfähig. “Sie dürfen nach Ihrem Bauchgefühl entscheiden”, gab Bacher den Laienrichter mit auf den Weg.

Auch die Anwälte der Opfer kamen zu Wort. “Ich habe die Möglichkeit, 57 Opfern eine Stimme zu geben”, meinte Gunther Ledolter. Der Anwalt der Eltern des getöteten Buben, Bernhard Lehofer, erklärte, seine Mandanten wollten in erster Linie “dass das, was ihnen passiert ist, nie wieder jemandem passiert.” Er betonte, dass er nicht an die Unzurechnungsfähigkeit des Betroffenen glaube: “Ich bin felsenfest überzeugt, er spielt uns was vor.”

Verteidigerin Liane Hirschbrich beschränkte sich auf drei Minuten Redezeit und forderte lediglich die Geschworenen auf, ihren Mandanten als nicht zurechnungsfähig einzustufen. Um 16.45 Uhr zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück.

Drei Hauptfragen an die Laienrichter

Zwei Stunden hat die Verlesung der Fragen an die Geschworenen im Prozess gegen Alen R. gedauert. Die zentralen Fragen sind, ob es dreifacher Mord und 108-facher Mordversuch war, außerdem wurde die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit gestellt.

Die erste Hauptfrage lautete, ob es im Fall der drei getöteten Menschen Mord war. Die zweite Frage drehte sich um jenen Mann, auf den Alen R. mit einem Messer losgegangen war und der dabei schwer verletzt wurde. Hier wurde gefragt, ob das Mordversuch war, ebenso wie bei den übrigen Verletzten oder nur Geschockten, auf die der mutmaßliche Amokfahrer direkt zugesteuert haben soll.

Die Zusatzfrage bei allen drei Hauptfragen dreht sich um die Zurechnungsfähigkeit. Dann kamen zahlreiche Eventualfragen, in denen es um die Verletzungen oder Bedrohungen von weiteren über 100 Personen ging. Da jeder Fall einzeln aufgelistet wurde, dauerte die Verlesung ungewöhnlich lange. Sollten die Geschworenen allerdings alle drei Hauptfragen mit “ja” beantworten, entfällt bei der Urteilsverkündung die Verlesung der Eventualfragen.

(APA)

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