US-Skisport kehrt mit Weltcup-Premiere in Killington “heim”

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Für Mikaela Shiffrin ist es so etwas wie ein Heimrennen
Für Mikaela Shiffrin ist es so etwas wie ein Heimrennen - © APA (AFP/Archiv)
25 Jahre nach dem letzten Weltcuprennen in Neuengland (Waterville 1991) und fast 40 nach den letzten in Vermont (Stratton 1978) kehrt der Skirennsport in den USA an die Ostküste und damit seine eigentliche Heimat zurück. Die Damen-Weltcuprennen am Thanksgiving-Wochenende in Killington sorgen daher für Riesen-Aufmerksamkeit. “Die Begeisterung ist unfassbar”, berichtet OK-Chef Herwig Demschar.

Der 56-jährige Österreicher lebt und arbeitet seit über 20 Jahren in den USA und ist in Killington Organisationschef. Bis 1994, der Saison mit dem tödlichen Unfall Ulrike Maiers, war Demschar ÖSV-Damenchef. Danach wechselte der Steirer in die USA, wo er zunächst das Team rund um Olympiasiegerin Picabo Street betreute, ehe er bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City, Turin und Vancouver in führenden Management-Positionen tätig war. Demschars Söhne Dominic (23) und Daniel (21) sind dank australischer Staatsbürgerschaft bei WM- und Olympia gestartet.

Seit 2007 entwickelt der Grazer für die amerikanische “Powder Corp” Skigebiete in den USA. 170.000 Kilometer legt er deshalb jährlich im Flugzeug zurück. In Killington ist der Österreicher auch Herr über mehr als 320 freiwillige Helfer. “600 hatten sich beworben, wir mussten leider vielen absagen”, berichtet Demschar.

Die Begeisterung im Osten über die ersten Weltcuprennen seit Jahrzehnten ist unübersehbar. “Alle sind begeistert. Selbst der Orts-Sherriff winkt mir mittlerweile zu. Mini-Videos von der Schneeproduktion haben innerhalb kürzester Zeit zehntausend Views bekommen”, schilderte Demschar den Status Quo.

Nervös sei er aber schon, gab der Österreicher zu. Denn die innerhalb kürzester Zeit ausverkaufte Veranstaltung entwickelte sich zunehmend zu einem Mega-Event. Bis zu 7.000 Fans werden an jedem Renntag des reiseintensivsten Wochenendes in Nordamerika erwartet. Ein mittleres Verkehrschaos dürfte im 800-Einwohner-Ort am Fuße des mit 611 Hektar größten und deshalb “Beast of the East” genannten Ski-Ressorts im Osten der USA nicht auszuschließen sein.

Das ist für ein Skisportevent in den USA durchaus außergewöhnlich. Mittlerweile haben sich sogar über 200 Medienvertreter und selbst TV-Stationen aus New York angesagt, obwohl kein Olympia-Jahr ist. In den Griff bekommen muss das John Dakin, davor jahrzehntelang Pressechef in Vail und Beaver Creek.

Der Hype um die Weltcup-Rennen in Vermont hat Gründe. Der hügelige Nordosten der USA hat viel Wintersport-Geschichte, die Menschen dort sind aktiv und passiv sportbegeistert. Jake Burton hat hier seine ersten Snowboards entwickelt. Auch die ersten Ski-Pioniere aus Österreich wirkten in den 1950er und 1960er-Jahren zunächst im Osten, ehe der Treck weiter nach Westen in die deutlich größeren Rocky Mountains zog.

Dafür haben die vergleichsweise niedrigen Berge Neuenglands, die für ihren fantastischen “Indian Summer” bekannt sind, ein enormes Einzugsgebiet. 70 bis 80 Millionen Menschen wohnen innerhalb weniger Autostunden in Großstädten wie Boston, New York City oder Montreal, viele Briten fliegen sogar aus London ein. Die Wintersport-Industrie macht hier bedeutende Umsätze. Wer aus New York anfährt, streift den Schauplatz des legendären Woodstock-Festivals von 1969.

Auch ein Großteil der wichtigen Ski-Internate wie die Burke Mountain Academy, in der die in Vail geborene Slalom-Olympiasiegerin Mikaela Shiffrin ihre Skitechnik perfektioniert hat, liegen in Vermont. Sie habe später von den “europäischen” Verhältnissen hier profitiert, betonte Shiffrin einmal. Bode Miller ist im 150 Meilen von Killington entfernten Franconia in New Hampshire aufgewachsen und hat dort seine einzigartige Renntechnik entwickelt.

Auf ihr skifahrerisches Können sind alle Ostküsten-Skifahrer stolz. Sie haben sich mit dem “East Coast Skier” sogar einen eigenen Qualitätsbegriff geschaffen. Denn aufgrund der niedrigen Seehöhe und der feuchten Atlantik-Luft lernt man hier das Skifahren vermehrt auf eisigen und schwierigen Pisten statt im luftigen Pulverschnee der Rockies.

Der Österreicher Rupert Huber ist in den 1960ern Profiskirennen in Killington gefahren. Der Salzburger erinnert sich an heiße Bewerbe gegen Asse wie Billy Kidd, Jimmy Heuga, Pepi Gramshammer oder später auch Jean-Claude Killy sowie an arktische Temperaturen in Vermont.

“Hier wurde der amerikanische Alpinskifahrer geboren und hier wurde schon Kunstschnee gemacht, als man die Technologie bei uns daheim noch gar nicht kannte”, weiß Huber. “Deshalb nennt man den Pulverschnee hier auch scherzhaft blue ice.” Blaues Eis also.

Bei den kommenden Technik-Auftritten der Damen wird es wohl nicht so schlimm kommen. Obwohl Anfang der Weltcup-Woche eine Front einen Temperatursturz sowie gut 30 Zentimeter Neuschnee brachte und gleichzeitig ein Sturm mit bis zu 100 km/h über den nur 1.291 Meter hohen Killington Peak herfiel.

Nachdem man seit Oktober wegen der hohen Temperaturen wochenlang mit 120 Kanonen um jedes Kunstschnee-Kristall auf einem einsamen Schneeband gekämpft hatte, ist nun am Renn-Wochenende sogar “Weihnachtsstimmung” angesagt. Wie Shiffrin flogen deshalb auch die ÖSV-Damen früher als geplant aus Colorado herbei, nachdem nun auch Trainings- und Einfahrpiste zur Verfügung steht.

Dass die Vergabe von Weltcuprennen an die Ostküste ein Risiko gewesen sei, glaubt Demschar nicht. “Wir haben Aufzeichnungen, die über 35 Jahre besagen, dass wir in einem Jahr sind, in dem es vor Thanksgiving kalt wird. Es hat genau gestimmt.” Letztlich wurde auf dem Rennhang “Superstar” eine über zwei Meter dicke Schneedecke produziert. “Wir hätten schon Dienstag locker ein Rennen fahren können”, sagte Demschar zur APA.

Die Idee, wieder Skirennen an der Nordostküste zu fahren, hat Hintergründe. Weil Aspen diesen Winter das Finale im März austrägt, war der November-Termin frei. Und damit der Weg zu Rennen in Killington, nachdem man laut Demschar ursprünglich sogar ein Rampen-Skirennen im Baseball-Stadion der Red Sox in Boston angedacht hatte.

Während diesmal alle Herren-Rennen in Nordamerika wegen Schneemangels abgesagt werden mussten, bewährte sich nun mit Killington ausgerechnet das am niedrigsten liegende Nordamerika-Ressort. Das Ziel liegt auf nur 760 Metern. “Jede Minute haben wir genutzt, um Schnee zu produzieren”, berichtet Demschar stolz. Er bezeichnete die Rennpiste mit ihrem steilen Starthang als “Mittelding zwischen Maribor und Kranjska Gora” sowie als Herausforderung für die Damen.

Zufallssiegerin werde es hier eher keine geben, ist der ehemalige Coach überzeugt. “Aber warten wir mal ab, wie sich die Piste noch entwickelt.” Denn an der US-Ostküste sei das vom Jetstream, der Topografie und der Atlantik-Nähe geprägte Wetter launisch. “Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte fünf Minuten, sagt man hier”, so Demschar.

Deshalb werde man den Kraftakt auch erst bejubeln, wenn die letzte Läuferin am Sonntag im Ziel sei. “It isn’t over, until the fat lady sings”, zitierte Demschar. Das Stück ist nicht vorbei, bevor der Vorhang fällt.

(APA)

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