Wirtschaftskammer warnt mit WPZ-Analyse vehement vor “Öxit”

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Leitl warnt vor dem Verlust von 150.000 Jobs bei einem Öxit
Leitl warnt vor dem Verlust von 150.000 Jobs bei einem Öxit - © APA (Archiv)
Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl (ÖVP) hat – untermauert mit einer Analyse des Wirtschaftspolitischen Zentrums (WPZ) – vehement vor einem “Öxit” gewarnt. Ökonom Christian Keuschnigg hat auf Basis der Analyse, die den Öxit als ökonomisch höchst gefährlich einstuft, auf den Abbau von Handelsbarrieren, den die EU-Mitgliedschaft gebracht habe, verwiesen.

Bei einem Öxit, also einem Austritt Österreichs aus der EU, sei mit Zöllen und Bürokratiekosten zu rechnen, die österreichische Unternehmen jetzt nicht hätten. Leitl warnte gleichzeitig vor dem Verlust von 150.000 Jobs bei einem Öxit. Seit dem EU-Beitritt haben die österreichischen Gesamtexporte real um 153,8 Prozent zugenommen, jene in die EU um 124 Prozent, sagte Keuschnigg am Dienstag, als er seine von der Wirtschaftskammer (WKÖ) beauftragte Analyse präsentierte.

“Österreich könnte bei einem EU-Austritt bis zu 150.000 Arbeitsplätze verlieren. Ein Öxit wäre ein schwerer Rückschlag für den Standort, er würde zu geringeren Lohnsteigerungen führen”, warnte Leitl. Ein Öxit hingegen würde die positiven bisherigen Wachstumseffekte für Österreich wieder umkehren und langfristig zu einem BIP-Verlust von mehr als 7 Prozent führen – also in etwa jener Summe, die Keuschnigg als bisher positiven Effekt der Mitgliedschaft in Höhe von plus 7,2 Prozent errechnet hat. Dem Verlust stehe ein Maximum an möglichen Einsparungen in Höhe der Nettobeiträge Wiens an Brüssel von weniger als 0,4 Prozent des BIP gegenüber.

Die Direktinvestitionen ausländischer Konzerne in Österreich und österreichischer Firmen in der EU haben der Analyse zufolge stark zugenommen. Mit 566.000 Beschäftigten stellen ausländische Unternehmen in Österreich – Leitl hob etwa Siemens und Infineon hervor – ein Fünftel der Beschäftigten, ein Drittel der Umsatzerlöse und rund ein Viertel der Wertschöpfung. Dazu komme die Hälfte der industriellen F&E-Tätigkeiten von Töchtern internationaler Konzerne in Österreich.

Vor allem hob Keuschnigg die dynamischen Effekte hervor. Die EU-Integration lasse nämlich die heimischen Exportunternehmen – von denen es in Österreich ob des kleinen Binnenmarkts besonders viele gebe – expandieren. Die Spezialprodukte vieler Hidden Champions ließen sich hierzulande oft gar nicht anbringen. Auch steigere die EU-Integration die Standortattraktivität Österreichs für Direktinvestitionen.

Statistische Effekte aus dem Zugang zum Binnenmarkt bezifferte Keuschnigg mit rund zwei Prozent des BIP – das Fünffache der Nettobeiträge an die EU. Dies dank regulatorischer Harmonisierungen, die Kosteneinsparungen im Handel ermöglichten und die Exporte und die einhergehende Wertschöpfung steigerten. Umgekehrt führten Einsparungen bei Importen zu Preissenkungen und würden die Realeinkommen stärken. Das bringe wieder zusätzliche Nachfrage. Da der beiderseitige Marktzugang dank der Mitgliedschaft leichter sei, verschärfe sich der Wettbewerb, was die genannten Effekte wieder verstärke.

Die EU-Personenfreizügigkeit sorge wiederum für qualifizierte Zuwanderung sowohl aus den alten als auch aus den neuen EU-Staaten im Osten, so Keuschnigg. Die Quoten an Zuwanderern mit Sekundar- und Tertiärabschluss liege über dem Durchschnitt der österreichischen Bevölkerung.

Leitl gab Öxit-Befürwortern auch zu bedenken, dass ein Austritt Österreichs aus der EU keine Antwort auf die weltweiten Entwicklungen sein könne. Dabei verwies er auf die regionalen Hegemonialmacht-Bestrebungen der Türkei aber auch auf die USA (“America First”) und Russland, das Präsident Wladimir Putin stark machen wolle. Daher brauche Österreich die EU, um sich in der Globalisierung behaupten zu können – und die EU gehöre gestärkt. Sonst würde man sich selbst schwächen.

Besorgt zeigte sich der WKÖ-Präsident weil laut einer weiteren Studie (ORF/Sora) 28 Prozent der jüngeren Österreicher aus der EU austreten wollten. Die Politik setze sich immer auf Themen, die es in der Bevölkerung gebe. Daher will Leitl lieber mit den Austrittswilligen in Kontakt treten, um sie von der Union zu überzeugen, als eine Wahlempfehlung abzugeben.

Es gehe um eine Weiterentwicklung Europas, so Leitl. Damit argumentierte auch Keuschnigg: “Außerhalb der EU hat man weniger Einfluss als innerhalb. Das ist kein Gewinn von Autonomie – im Gegenteil”, so der Ökonom. “Die Mitgliedschaft ist extrem wichtig für die Entwicklung der heimischen Wirtschaft”, so der Ökonom mit Verweis auf die vielen Hidden Champions im Land die höchste Exportraten haben.

Ein Sukkus der WPZ-Analyse des früheren IHS-Chefs ist, dass man bei einem EU-Austritt schlicht nicht mehr mitbestimmen könne. Vor allem würde ein Öxit aber einen Umkehr der vielen Vorteile bedeuten, die Österreich dank der Mitgliedschaft habe, warnte Keuschnigg. Ein Öxit bedeute auch einen Austritt aus der Eurozone. Dem Euro als Leitwährung würde sich Österreich aber erst wieder indirekt anschließen müssen. “Dann würde man die Geldpolitik einfach passiv nachvollziehen.”

Der langfristige Einkommensgewinn dürfte der Studie zufolge jedenfalls sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) betragen. Dem gegenüber stehen Nettobeitragszahlungen von knapp 0,4 Prozent, so Keuschnigg. Ein Austritt sei mit Kosten verbunden, denn die Teilnahme am Binnenmarkt würde man – wie etwa die Schweiz oder Norwegen – nicht gratis bekommen.

(APA)

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