Wölfe in Salzburger Almgebieten polarisieren

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Die Wolfpopulation nimmt wieder zu.
Die Wolfpopulation nimmt wieder zu. - © JOHANNES EISELE / AFP/Archiv
Mehrere Wolfsrisse haben in jüngster Vergangenheit in Salzburg zu einer Diskussion über das Miteinander von Mensch und Tier geführt. Während Agrarlandesrat Josef Schwaiger (ÖVP) schwerwiegende Folgen für Salzburgs Landwirtschaft und Almenkultur fürchtet, sieht der WWF eine gefährdete Tierart bedroht.

Ein Wolfsriss auf der Pinzgauer Alm Mitte Juni, bei dem mehrere Jungtiere gerissen worden waren, hat die Debatte in Salzburg neu entfacht. Wolfsbeauftragter Georg Rauer nahm am 11. Juni Speichelproben von Bisswunden. Eine DNA-Analyse hat nun bestätigt, dass es sich bei dem “Wilderer” um einen Wolf gehandelt habe. Das Tier stamme aus einer kroatischen Population, heißt es aus dem Büro von Schwaiger, “laut Rauer war dieses Tier vorher noch nie in Salzburg”.

Natürliche Ansiedelung der Wölfe in Europa

Seit etwa 30 Jahren breiten sich Wölfe in Europa wieder natürlich aus. Nach Österreich wandern sie unter anderem aus Italien, der Schweiz, Slowenien und der Slowakei ein. Heuer wurden bereits in Niederösterreich, Oberösterreich und Salzburg Wölfe nachgewiesen. Im Vorjahr bekamen neben Niederösterreich und Salzburg auch Vorarlberg, Tirol und die Steiermark Besuch: Vier verschiedene Individuen wurden 2015 bestätigt.

Landesrat Schwaiger versprach nach dem jüngsten Wolfsriss eine finanzielle Entschädigung – 220 Euro für ein getötetes Schaf, 110 Euro für ein Lamm. Dass dies keine dauerhafte Lösung sein kann, ist aber klar. Es muss etwas passieren, aber was?

An dieser Frage scheiden sich derzeit die Geister. Nachdem Schwaiger gegenüber den Salzburger Nachrichten in den Raum gestellt hatte, Wölfe in bestimmten Gebieten zu betäuben, schaltete sich am Dienstag der WWF in die Diskussion ein. “Fachlich ist dieser Vorschlag ein Nonsens”, stellt Christian Pichler vom WWF klar: “Gefährdete Arten wie Wölfe stehen unter strengem Naturschutz und dürfen nur in Ausnahmefällen und von Veterinärmedizinern betäubt werden, etwa wenn Gefahr für Menschen in Verzug ist. Außerdem lässt der Agrarlandesrat die Antwort offen, wohin er die betäubten Wildtiere bringen würde.”

WWF fordert Zäune, Schutz- und Hütehunde

Stattdessen rät der Wolfexperte zu Herdenschutzmaßnahmen. Durch in der Schweiz, Frankeich und Italien seit vielen Jahren bewährte Herdenschutzmaßen, etwa eine Kombination aus Elektrozäunen mit Schutz- und Hütehunden – könne auch bei weit größeren Wolfsbeständen die Schäden an Nutztieren gering gehalten werden. „Im Interesse der Bauern wäre es, solche Lösungen endlich auch in Österreich durchzusetzen, die Betroffenen darüber aktiv zu informieren und sie finanziell zu unterstützen“, fordert Pichler.

“Wölfe sind von Natur aus Nahrungsopportunisten, also Tiere, die vor allem das fressen, was leicht zu erbeuten ist. Wenn Schafe ungeschützt auf der Alm stehengelassen werden, ist das für einen Wolf wie die Einladung zum Buffet”, erläutert Max A. E. Rossberg, Vorsitzender der European Wilderness Society mit Sitz in Tamsweg (Lungau). “Trotzdem wird bei jedem neuen Schafriss der Eindruck erweckt, als wäre dies ein überraschendes Ereignis, und schon wird der Bösewicht aus dem Märchen auch in der Realität zur gefährlichen Bestie erklärt, die bekämpft werden muss”, so Rossberg. Eine Betäubung der Wildtiere sei jedenfalls kein taugliches Mittel und obendrein streng verboten, stellt der Experte klar.

Herdenschutzmaßnahmen finanziell nicht vertretbar

Für Schwaiger wiederum sind die von den Naturschützern geforderten Herdenschutzmaßnahmen nur eine “theoretische Lösung”. “Hunderte Hektar große Almflächen wolfsdicht einzuzäunen, Nachtpferche für Schafe auf Almen zu errichten und Hirtenhunde anzuschaffen, die nicht nur Wölfe sondern auch Wanderer als Feinde der Schafe sehen, ist für die Almbauern existenzbedrohend, für die öffentliche Hand nicht finanzierbar und für den Tourismus verheerend”, kontert der Landesrat.

Er will zuerst geklärt wissen, welche Folgen die Wiederansiedlung des Wolfes nicht nur für die Landwirtschaft, sondern für alle Lebensbereiche der Menschen in Salzburg hat. “Der ländliche Raum ist kein Zoo, sondern vor allem Lebensraum und Wirtschaftsraum für Menschen. Es gibt im Pinzgau bereits eine große Alm, auf die keine Tiere mehr aufgetrieben werden und ich habe keine Argumente, um die Almbauern von dieser Entscheidung abzubringen.” Denn wenn eine Alm zehn Jahre lang unbewirtschaftet bleibe, wachse sie völlig zu und könne nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden. Neben dem drohenden Verlust von Kulturlandschaft gehe es aber auch um den Aspekt der Artenvielfalt, betonte Schwaiger.

Sollte man bei dem Diskurs zu dem Ergebnis kommen, dass gesellschaftliche, regionalwirtschaftliche, soziokulturelle und finanzielle Aspekte einer weiteren Verbreitung des Wolfes im hohen Maße entgegenstehen, “muss über die Anpassung der Flora Fauna Habitat-Richtlinie der EU (eine Naturschutzrichtlinie, Anm.) beraten werden”, erklärte der Landesrat. Das wäre für ihn ein deutliches Zeichen der EU, dass diese im Sinne der Menschen handle “und nicht um jeden Preis ein gut gemeintes Naturschutzprojekt durchsetzt”.

Konkrete Maßnahmen, die danach erfolgen sollen, nennt Schwaiger nicht.

(APA/SALZBURG24)

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