18. September 2012 11:24; Akt.: 18.09.2012 11:24

Zen-Meister des Regenwaldes

Tierschützer in Costa Rica erforschen die rätselhaften Faultiere. Tierschützer in Costa Rica erforschen die rätselhaften Faultiere. - © APA/ dpa
Sie bewegen sich, wenn überhaupt, in Zeitlupe, hängen schlafend in Bäumen und trinken nie. Das seltsame Verhalten der Faultiere gibt den Menschen bis heute Rätsel auf.

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In Costa Rica erforschen Tierfreunde seit 20 Jahren den Alltag der zotteligen Säuger, doch ihre Fortschritte sind fast so langsam wie ihre Forschungsobjekte. Dafür gelingt es ihnen zunehmend, den Ruf der Tiere als angebliche Faulpelze zu verbessern.

Das Refugium für die Faultiere liegt in Penshurt an der Karibikküste des mittelamerikanischen Landes, 215 Kilometer von der Hauptstadt San Jose entfernt. Ein kristallklarer Fluss durchzieht den tropischen Regenwald. Ideale Bedingungen für Faultiere: feuchtes Klima und jede Menge Ameisenbäume, deren Blätter die Tiere am liebsten fressen.

500 Faultiere in Schutzzone

Der Costaricaner Luis Arroyo und seine aus den USA stammende Frau Judy Avey gründeten die 130 Hektar große Schutzzone vor 20 Jahren. 500 Faultiere lebten seither dort. Die meisten kamen verletzt an – von Autos überfahren, von Anrainern angegriffen – oder als verwaiste Jungtiere.

Bei den Menschen in der Region sind die Tiere nicht besonders beliebt. Sie nennen sie “Kukulas” oder “faule Bären”, viele bringen sie mit Hexerei in Verbindung. “Mich schmerzt, dass die Leute sie nicht zu schätzen wissen”, sagt Avey. “Die Tiere sind nicht faul, nur langsam. Von ihrer Ruhe könnten wir lernen, in unserer stressigen Welt gelassen zu bleiben.” Als umsichtig, neugierig, eigenbrötlerisch und strategisch beschreibt Avey die Faultiere. Sie seien die “Meister des Zen” unter den Lebewesen des Regenwaldes.

Die etwa einen halben Meter langen Tiere sind Verwandte des Ameisenbären und des Gürteltiers. In Costa Rica gibt es zwei Unterarten der Faultiere, wie der Tiermediziner Marcelo Espinosa erklärt: Das Braunkehl-Faultier (Bradypus variegatus), das zu den Dreifinger-Faultieren zählt, und das Hoffmann-Zweifingerfaultier (Choloepus hoffmanni).

In Penshurt leben nicht alle der Tiere auf Bäumen. Einige liegen in Körben, ganz Junge schlafen in Brutkästen und umklammern darin Plüschtiere, als wären diese ihre Mütter. Kommen die Tiere als Babys in das Refugium, verbringen sie dort ihr ganzes Leben, denn sie können sich in freier Natur nicht mehr zurechtfinden. Erwachsene Tiere werden, wenn sie ihre Verletzung auskuriert haben, wieder in die Freiheit entlassen.

“Niemand wollte sich um ihn kümmern”

Faultier ‘Buttercup’ (Butterblume) schläft in einem Hängesessel aus Rattan und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Er war der erste Bewohner des Refugiums vor 20 Jahren, nachdem seine Mutter von einem Auto überfahren worden war. “Niemand, auch keine Zoologen, wollten sich um ihn kümmern, denn niemand kannte sich mit Faultieren aus”, erzählt Avey. “Aber wir haben uns in ihn verliebt. Er kletterte auf meine Brust und blieb dort. Er ist mein Schützling.”

Pro Tier kostet der Aufenthalt in Penshurt jährlich umgerechnet etwa 300 Euro. Das Refugium finanziert sich durch einen kleinen Zoo, ein Hotel und Führungen für Touristen. Internet-Videos über die Faultiere locken Reisende nach Penshurt. “Wir haben sie bei Youtube gesehen und wollten sie uns dann aus der Nähe ansehen”, sagt Briggs Lebeacq, der zusammen mit seiner Freundin aus den Vereinigten Staaten angereist ist.

Faultiere schlafen 18 Stunden täglich

Hier können sie alles über die seltsamen Tiere erfahren. Der Stoffwechsel der Faultiere ist so langsam, dass ihre Verdauung einen Monat dauert. Zweimal am Tag fressen die Tiere und einmal pro Woche klettern sie von ihrem Baum, um auf der Erde ihr Geschäft zu erledigen. 18 Stunden täglich schlafen sie.

Auch die Fortpflanzung ist ungewöhnlich. Wenn die Weibchen des Braunkehl-Faultiers brünstig sind, stoßen sie einen Schrei aus, damit die Männchen sie finden. Es dauert bis zu drei Tage, bis das Männchen beim Weibchen angekommen ist. Wie die zweite Faultier-Art sich paart, ist noch unbekannt, genauso wie die Lebensdauer. (APA)



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