Jetzt Live
Startseite Archiv
Archiv

Annett Louisan: "Bin sehr sexistisch"

Als neubrünetter “Teilzeithippie” zeigt sich die deutsche Popelfe Annett Louisan auf ihrem neuen Album. Mit Video

Und obwohl die Texte zum Teil merklich melancholischer sind als auf dem Vorgänger, stehen die vielfältigen Spiele zwischen Mann und Frau immer noch im Zentrum der frechen und offenen Lyrics: “Ich muss mir selber anlasten, dass ich sehr sexistisch bin”, sagt Louisan lachend im APA-Gespräch. “Ein Mann könnte solche Texte nicht singen, der wäre sofort als Macho abgestempelt.” Im März kommt Louisan für zwei Konzerte (1.3., Orpheum, Graz, und 2.3., Wien, Stadthalle F) nach Österreich.

Nachdem Louisan zuerst, noch vor Beginn der Interviewfragen, anbringt, dass das neue Album mehr von einer “gewissen Leichtigkeit” hat als der Vorgänger “Das optimale Leben”, bestätigt sie: Es ist auch viel melancholischer als ihre bisherige Musik. Das neue Album ist “vom ‘Er und Sie’ wieder hin zu einer ‘Ich’-Platte. Es ist sehr nahe an mir dran, das macht sich sehr stark bemerkbar”, sagte Louisan, die sich kürzlich von ihrem Ehemann getrennt hat. Ihr verspieltes Debüt-Album “Boheme” mit dem ersten Hit “Das Spiel” ist “ja auch schon fünf Jahre her. Als Mittzwanzigerin glaubt man, man weiß alles. Mit 31 schleicht sich ein kleiner, neuer Realismus ein, der mit ein bisschen Ironie hilft, die täglichen Demütigungen des Erwachsenenlebens besser zu ertragen.”

Im neuen Album, das musikalisch breiter gefächert ist als frühere, wird deutlich: “Das Spiel” ist aus, zumindest jene leichte, erotische Verführungsspiel, das Louisan in ihrem gleichnamigen Hit von ihrem Debütalbum so kindlich-erotisch besungen hat. Dass sich die Stimmung verändert hat, zeigt sich gleich im Opener: Der heißt immerhin “Das schlechte Gewissen”, ein Gefühl, das im heiter-ironischen Gefühlskosmos der Louisan-Platten bisher auffällig fehlte. “Es ist reflektierter, vielleicht weil man sich auch bewusst wird, was für Verletzungen man hinterlässt”, sagt auch Louisan. Doch dann geht’s auf der Platte gleich weiter zum “Sexy Loverboy” und der wortverspielten “Siezgelegenheit”: Denn es gibt zwar, wie auch bei “Die nächste Liebe meines Lebens”, traurige Momente auf dem neuen Album. Aber sie sei ein “durchaus positiver Mensch und kann sehr gut über mich lachen, und über das, was passiert”, versichert die Sängerin.

Dass sie nun brünett ist statt blond, war eine “persönliche Entscheidung” und habe nichts mit einem bewussten Imagewechsel zu tun. “Es war Zeit, die Zotten abzuschneiden. Wenn man weiß, wer man ist, braucht man diese Maskeraden nicht mehr. Ein typischer Frauenprozess”, lacht Louisan. Dass sie seit “Das Spiel” gerne als Pop-“Lolita” bezeichnet wird, findet sie zwar mittlerweile ein bisschen langweilig, aber: “Ich kann gut mit dem Begriff der ‘Lolita’ leben, weil das auch ein Teil von mir ist. So etwas kann man nicht kreieren.” Mit dem veränderten Äußeren ist sie “höchstens unbewusst” vom Image der unschuldigen Blondine weggelaufen: “Ich habe persönlich das Gefühl, dass ich so weit davon weggegangen bin, und das Publikum schreit auch nicht mehr nach ‘Das Spiel’, die wollen Neues. Ich habe mich davon freigemacht.”

“Das Spiel” hat aber nicht nur ihr Image bestimmt, sondern auch jene Diskussion ausgelöst, die Louisans Karriere seither begleitet: Denn in ihren Texten sind die Frauen zwar meist die Klügeren und am Schluss die Gewinner, die Männer werden besiegt. Doch ist dieses Besiegen oft gleichbedeutend mit Flachlegen: Die Frauen der Louisan-Songs definieren sich insgesamt, so wie die vier postfeministischen Freundinnen aus “Sex And The City”, dann doch wieder über die Männer. Das hat Louisan auch Kritik von feministischer Seite eingebracht.

“Gutes Thema”, lacht Louisan. “Das war ein Zwiespalt, in dem ich immer gesteckt bin. Ein heikles Thema!” Sie glaube, dass “Emanzipation und Weiblichkeit immer noch zu sehr getrennt werden”. Und Emanzipation bedeute für sie nicht, dass “eine Frau den Weg des Mannes geht. Eine Frau kann Kinder kriegen und muss Job und Familie unter einen Hut kriegen. Ich bin selbstbewusst, aber stehe zu meiner Weiblichkeit – und all dem, was mit diesem Spiel zwischen Mann und Frau zu tun hat.”

Dem Song “Das Spiel” steht sie immer noch positiv gegenüber: Denn sie hatte “Glück, dass es am Anfang diese Bombe gab”. Und der Text entspricht ihrem Credo: Denn für sie müssen ihre deutschsprachigen Lieder “Inhalt, Philosophie und Erotik” haben. Verkaufs-Schema sieht sie darin keines: “Kunst ist immer nur dann schön, wenn sie es nicht sein will.”

Die Songs für “Teilzeithippie” sind während der Vorsaison auf Ibiza entstanden, wo sich Louisan mit Kreativpartner und Texter Frank Ramond von dortigen Aussteigern im Sinne des Albumtitels haben inspirieren lassen. Selber ans Aussteigen denkt sie nicht, sie hat “noch viele Träume”: Der bekennende Paris-Fan will gerne einmal in der Seine-Stadt ein Konzert geben. “Ich brauche Träume – sonst würde ich vielleicht gar nicht mehr aufstehen!” Von Georg Leyrer

Annett Louisan – “Drück die 1”

Aufgerufen am 22.11.2018 um 11:38 auf https://www.salzburg24.at/archiv/annett-louisan-bin-sehr-sexistisch-59605105

Kommentare

Mehr zum Thema