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Der "Ring" als Puppenspiel in Salzburg: Harley Davidson und Glitzersakko inklusive

Das Konzept klingt wie ein Gag. Das 16-stündige Wagner-Epos "Der Ring des Nibelungen" in einer Fassung für zwei Schauspieler und Marionetten in einer handlichen Zwei-Stunden-Version. Aber was das Salzburger Landestheater Freitagabend im benachbarten Marionettentheater auf die Bühne gebracht hat, ist weder Gag, noch Persiflage, noch Blödelei.

Diese Version von Wagners Schwergewicht ist wie ein Humor-Test für Wagnerianer, den das Salzburger Opern-Publikum mit Bravour bestanden hat. Musikalisch kann diese "Ring"-Produktion, für die Aufnahmen der Wiener Philharmoniker mit Georg Solti aus den Jahren 1958 bis 1964 verwendet wurden, natürlich nicht mehr sein, als ein "Best of Wagners Ring". Vom Feuerzauber und dem Walkürenritt bis hin zu sämtlichen in Klang gefassten Schwüren, Flüchen, Streits und Morden hat Puppenspieler und Musik-Mixer Philippe Brunner Wagners "Hits" geschickt aneinandergereiht. Das Gewicht dieser gigantischen Partitur erschließt sich so naturgemäß nur ansatzweise.

Geflecht aus Helden und Göttern heiter auf den Punkt gebracht

Erzählerisch aber - und das ist die Legitimation dieser respektlosen Entrümpelungsaktion - funktioniert das Regie-Konzept von Carl Philip Maldeghem sogar ganz ausgezeichnet. Die zwei Schauspieler Tom Oberließen und Christiani Wetter mischen sich des grandiosen Effektes wegen zwischendurch als die Riesen Fafner und Fasolt unter das von Marionetten dargestellte "Ring"-Personal. Meist aber erzählen, moderieren und kommentieren sie das pathetische und urdeutsche Drama knapp, witzig und flott und ersparen dem Publikum das wagnerianisch endlose Auswalzen von Nebensträngen des Nibelungen-Liedes. Das Geflecht aus Helden und Göttern wird heiter auf den Punkt gebracht, ohne das Ränkespiel um Zauberring, Himmelsschlösser, Rheintöchter, Drachen und Tarnkappen lächerlich zu machen. Dieses Filettieren gibt den Blick frei auf die oft von schwülstiger Langatmigkeit fast erstickte Substanz der Erzählung. Nichts ist sakrosankt - ein wenig Frischluft schadet auch dem "Muffel" Wagner nicht.

Siegmund schwingt sich mit Sieglinde auf Harley

Ohne mit schwerblütiger Ernsthaftigkeit in Konflikt zu geraten, lockert Maldeghem seine Arbeit durch Regietheater-Elemente auf. So rollen Wotan als Konzernchef und "PR-Berater" Loge mit Glitzersakko im schicken, amerikanischen Cabrio über die Bühne, während Siegmund sein Zauberschwert aus der Weltesche fummelt und sich dann auf seine Harley Davidson schwingt. "Braut" Sieglinde sitzt auf dem Sozius, und der Gaul Grane stakst zum Schießen komisch hinterher. Auch der Kampf zwischen Fafner als Drache und dem "Proleten" Siegfried ist bühnentechnisch eindrucksvoll gelungen.

Getragen wird das Bühnengeschehen von Puppen

Das Ensemble des Marionettentheaters führt die von Bühnenbildner Christian Floeren entworfenen Figuren virtuos an den Fäden. Die Spielanordnung der Marionetten wurde von Philippe Brunner und der vor wenigen Tagen verstorbenen Gretl Aicher konzeptioniert. Beide haben dafür gesorgt, dass die Marionetten nicht erdrückt werden vom Gewicht Wagners und den riesigen Menschen auf der winzigen Bühne des Marionettentheaters. Besonders amüsant ist das direkte Aufeinandertreffen der Schauspieler und der Puppen. Dadurch kommt die wagnerianische Heldenbrust erst gar nicht zum Schwellen, und der "Ring" bleibt, was er ist. Eine ganz normale Geschichte zum Erzählen für alle. Von dieser "Tetralogie an einem Abend mit Marionetten und Menschen" enttäuscht wird sein, wer dicken Wagner liebt. Wer aber Überblick bevorzugt und gerne Rosinen pickt, der kann sich bei diesem Puppenspieler-"Ring" richtig wohlfühlen. Und das Salzburger Premierenpublikum hat sich wohlgefühlt. Die nächsten Vorstellungen finden am 1., 3., 7., 8., 9. und 15. April statt. Karten sind unter Tel. 0662 / 87 15 12-222 erhältlich oder hier. (APA)
(Quelle: S24)

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