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Destruktive Liebesspiele: Schnitzlers "Weites Land" in Salzburg

Das Salzburger Landestheater hat heuer vor allem in Oper, Musical und Ballett einen guten Lauf. Aber jetzt fährt die Truppe von Intendant Carl Philip Maldeghem auch im Sprechtheater wieder volle Punkte ein. "Das weite Land" von Arthur Schnitzler begeistert, bedrückt, beschäftigt und beeindruckt. Das liegt weniger an den mitwirkenden Theaterpromis Karlheinz Hackl und Regisseur Werner Schneyder. Es ist vielmehr das gesamte Ensemble, das den Erfolg auf seine Fahnen schreiben kann - gestern, Samstag, Abend war die Premiere.

Der 75-jährige Kabarettist, Autor, Schauspieler und Regisseur Werner Schneyder hat sich ebenso klug wie zurückhaltend an diesen sprachlich und analytisch brillanten Klassiker des österreichischen Theaters herangemacht. Schneyder hat das destruktive Liebesspiel in der kranken und satten Gesellschaft des Fin de Siecle nicht eigentlich interpretiert, sondern seine geniale sprachliche Substanz frei geschaufelt. Er stellte den Akteuren auf der Bühne nichts in den Weg und überließ sie ihrer individuellen Gestaltungskraft. Die wenigen und leisen Gesten der Regie, dazu die ebenso passenden wie ein wenig uninteressanten Roben von Birgit Hutter halfen schnell hinein in diese zynische Männerwelt, in der die Ehre aus Angst vor der Liebe in den Krieg flüchtet. Einzig Christian Rinkes Bühne erinnerte daran, dass hundert und ein Jahr seit der Uraufführung vergangen sind. Rinke zeigt die Industriellen-Villa als Baustelle, als mathematischen Bauplan einer Gesellschaft, die von Artur Schnitzler und seinem Bewunderer Sigmund Freud folgenschwer und abgründig analysiert wurde. Aber gebaut wurde in dieser Welt nicht mehr viel - eher vernichtet und niedergerissen. Auf der Bühne des Salzburger Landestheaters stand ein durch Gäste entscheidend verstärktes Ensemble, das Schnitzler zu tragen und zu vermitteln imstande war. Allen voran Sascha Oskar Weis und Franziska Becker als Friedrich und Genia Hofreiter. Virtuos, wie der die Freiheit mit Verantwortungslosigkeit vertauschende Industrielle töten muss, um die Ego-Kränkung zu ertragen. Und wie seine Gattin ihre Gefühle verkauft, um nicht aus einem Männerspiel hinauszufliegen, das die Liebe pulverisiert. Gute Sprache und überzeugendes Rollenverständnis bewiesen zudem Ulrike Walther als Anna Meingold-Aigner, Elisabeth Halikiopoulos als freche, lebendige Erna sowie Gero Nievelstein als Dr. Mauer, der einzigen moralisch noch nicht kaputten Zentralfigur dieses Gesellschaftsdramas. Auch Tim Oberließen als zwischen Soldaten-Ehre und Leidenschaft gefangener Otto, Britta Bayer als zur Hysterie neigende Mamma Wahl und Christoph Wieschke als subtil sich rächender Bankier Natter machten wirklich gute Figur. Karlheinz Hackl gab die kleine Rolle des Dr. Aigner mit gestisch guten Momenten aber wenig Stimme, wenig Kraft und geringer Bühnenpräsenz. Werner Friedl mit bekanntem komödiantischem Pfiff, Peter Marton, Christiani Wetter, Wilfried Steiner, Alex Meinhardt und Tim-Fabian Hoffmann ergänzten dieses Spieler-Ensemble, das sich längeren Premieren-Applaus absolut verdient hätte. Immerhin, Schnitzler selbst ist bei der Uraufführung 24-mal vor den Vorhang geholt worden - die verdiente Truppe im Landestheater gerade zweimal. Seinen Weg zum Salzburger Publikum wird "Das weite Land" trotzdem finden. Sehr gutes Theater. (APA)
(Quelle: S24)

Aufgerufen am 21.09.2019 um 09:21 auf https://www.salzburg24.at/archiv/destruktive-liebesspiele-schnitzlers-weites-land-in-salzburg-59316922

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