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Die Grünen: Vernichtung nach Rekordjahren

Enttäuschte Gesichter bei den Grünen nach der Wahl APA
Enttäuschte Gesichter bei den Grünen nach der Wahl

Nach 11.285 Tagen ist alles vorbei: Mit 9. November 2017 sind die Grünen im Nationalrat Geschichte, Abgeordnete und Mitarbeiter arbeitslos, die Büros auf andere Fraktionen aufgeteilt. Das Wahldesaster kam trotz allem überraschend, hatten die Grünen im Parlament doch viele Auf und Abs erlebt, aber als so stark etabliert gegolten, dass kaum jemand wirklich mit ihrer Abwahl rechnete.

Unter der vorletzten Bundessprecherin Eva Glawischnig schien noch alles gut, die Grünen sonnten sich im größten Wählerzuspruch ihrer Geschichte. Achteinhalb Jahre lang setzte es Rekordwahlergebnisse, doch Glawischnigs abrupter Abgang im Mai brachte tiefe Risse zutage, die wohl schon länger bestanden hatten. Für das Ziel, endlich eine Regierungsbeteiligung im Bund zu schaffen, waren sie immer wieder übertüncht worden.

Zwist mit Peter Pilz führt zur Katastrophe

Der Zwist mit Peter Pilz, dessen Verhältnis zu Glawischnig sowohl auf der politischen als auch der menschlichen Ebene als außerordentlich schwierig galt, gab letztlich wohl den Ausschlag für die Katastrophe. Die Wähler liefen in Scharen davon; zur SPÖ, vor allem aber auch zur Liste des einstigen Gründungsmitglieds der Grünen.

Grüne fast 31 Jahre im Nationalrat

In den Nationalrat eingezogen waren die Grünen vor knapp 31 Jahren, am 17. Dezember 1986 war die Angelobung der ersten Abgeordneten. Ihre Wurzeln hatten sie in der Anti-Atomkraft-Bewegung und im Widerstand gegen das Donaukraftwerk in Hainburg. Den Sprung über die Vier-Prozent-Hürde (exakt waren es 4,82 Prozent bei der Nationalratswahl am 23. November 1986) schaffte die erstmals geeint angetretene Partei unter Freda Meissner-Blau. Die Anfangsjahre waren von personellen Querelen und dem Aufeinanderprallen des linken und bürgerlichen Flügels - Fundis und Realos - gekennzeichnet.

Gleich mit vier Spitzenkandidaten, darunter Madeleine Petrovic, trat die Partei 1990 an und hielt ihre 4,8 Prozent. Geführt wurden die Grünen zu dieser Zeit noch von Bundesgeschäftsführern, weil das Prinzip der Unvereinbarkeit von politischem Mandat und Partei galt. Ironie der Geschichte: Erster eigentlicher Parteichef war Peter Pilz, der 1992 die Funktion des Bundessprechers übernahm.

Erster Auschwung mit Petrovic

Mit Petrovic, die danach die Parteiführung für zwei Jahre übernahm, erlebten die Grünen 1994 den ersten kleinen Aufschwung auf 7,3 Prozent, ein Jahr später folgte aber schon wieder der Absturz auf die Ausgangsbasis von 4,8 Prozent. Eine, die es damals nicht ins Parlament schaffte, war die jetzt glücklose, am Dienstag zurückgetretene Ulrike Lunacek.

Van der Bellen elf Jahre an Spitze der Grünen

Petrovic' Nachfolger Christoph Chorherr übergab schon vor den nächsten Wahlen 1997 an Alexander Van der Bellen. Der jetzige Bundespräsident blieb elf Jahre an der Spitze der Grünen und verhalf ihnen zunächst zu einem kontinuierlichen Aufstieg. 1999 schafften die Grünen 7,4 Prozent, drei Jahre später 9,5 Prozent - eine Regierungsbeteiligung gemeinsam mit der ÖVP war damals in Reichweite - und 2006 11,1 Prozent. 2008 fielen die Grünen mit 10,4 Prozent wieder hinter die FPÖ und sogar hinter das BZÖ zurück, Glawischnig übernahm die Partei.

Sie trat nur einmal als Spitzenkandidatin an, schaffte 2013 aber mit 12,4 Prozent das beste Ergebnis bei einer Nationalratswahl. Auch bei den Europawahlen 2014 konnten die Grünen einen starken Zugewinn verbuchen, und in den Bundesländern führte Glawischnig die Grünen in fünf Regierungsbeteiligungen.

Das bei weitem beste Ergebnis fuhr mit Alexander Van der Bellen ein Grüner ein, der nicht als solcher antrat, aber von der Partei maßgeblich unterstützt wurde. Er gewann im Vorjahr die Bundespräsidentenwahl gegen den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer mit 53,8 Prozent.

Streit mit Pilz und Jungen Grünen

Nach diesem mit aller Kraft herbeigeführten Wahlsieg ging es rasant bergab. Nicht nur der Streit mit Pilz, sondern auch mit Teilen der Jungen Grünen trat offen zutage. Glawischnig trat gesundheitlich schwer angeschlagen zurück. Ein großer Teil ihres Teams hatte sich schon verabschiedet, zum Teil Richtung Präsidentschaftskanzlei. Auch Bundesgeschäftsführer Stefan Wallner war schon weg. Er hatte den Auftritt der Partei modernisiert und für zeitgemäße Wahlkämpfe gesorgt, sich aber nicht nur Freunde gemacht hatte.

Verunglückter Wahlkampf: Umfragedaten im Keller

Die Grünen teilten in der Folge die Verantwortung auf. Ingrid Felipe wurde Bundessprecherin, also Parteichefin, Lunacek Spitzenkandidatin und Albert Steinhauser Klubchef. Ein verunglückter Wahlkampf folgte, und die Umfragedaten sanken in den Keller. Dass man die Vier-Prozent-Hürde für den Wiedereinzug in den Nationalrat nicht schaffen würde, wollte dennoch keiner glauben - auf Warnungen davor verzichtete man daher.

Debakel bei Nationalratswahl

Am Sonntag kam es dann zum Debakel, und mit der Auszählung der meisten Wahlkarten am Montag war klar, dass es wirklich keine Grünen im Nationalrat mehr geben wird. Lunacek und Felipe traten am Dienstag zurück, und wie es nun weitergeht, ist auch angesichts der Parteischulden offen. Ein Neustart ist geplant. In die Wege leiten soll ihn Werner Kogler als Parteivize und Übergangschef.

(APA)

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(Quelle: S24)

Aufgerufen am 21.07.2019 um 11:11 auf https://www.salzburg24.at/archiv/die-gruenen-vernichtung-nach-rekordjahren-57146059

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