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Dritter Verhandlungstag im Salzburger "Sterbehilfe"-Prozess

Salzburg – Nach zweimonatiger Pause wurde am Dienstag am Salzburger Landesgericht der “Sterbehilfe”-Prozess gegen den pensionierten Salzburger Lungenfacharzt Helmut Wihan (67) fortgesetzt. Archiv-Video: “Die können mich nicht einsperren”

Auf dem Programm des dritten Verhandlungstages steht die Gutachten-Erörterung des Grazer Gerichtspsychiaters Peter Hofmann. Es soll den Geschworenen Aufschluss darüber geben, ob das mutmaßliche Opfer zur Tatzeit einen Sterbewillen bilden konnte oder nicht. Das Urteil ergeht voraussichtlich am Mittwoch.

Der Arzt soll am 13. Juni 2006 einer 70-jährigen, schwer depressiven Patientin in ihrem Haus in Obertrum (Flachgau) drei Injektionen Tramadol und Methadon in die Füße gespritzt haben, die zum Tod führten. So steht es in der Anklageschrift. Wihan wies den Mordvorwurf zurück und sprach stattdessen von “Sterbehilfe aus Mitleid”. Die befreundete Frau hätte ihn zur Mithilfe gebeten: “Sie hat sich zwei Spritzen Morphium injiziert, ich habe ihr die dritte Spritze verabreicht.” Verlangt habe er nichts dafür, die Frau habe ihm aber ein Kuvert mit 27.000 Euro gegeben.

Aufgrund des psychiatrischen Gutachten hätte dem erfahrenen Mediziner laut Staatsanwaltschaft aber klar sein müssen, dass die an Depressionen, Hypomanie, Epilepsie und Demenz leidende Frau, die auch dem Alkohol zugetan war, keinen freien Tötungswillen mehr habe bilden können. Die Anklagebehörde sieht deshalb nicht den Tatbestand “Tötung auf Verlangen” verwirklicht, der mit einem Strafrahmen von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bedroht ist, sondern “Mord” (zehn bis 20 Jahre oder lebenslänglich).

Einige Zeugen sagten in dem Prozess aus, dass die Frau mehrmals den Wunsch zu sterben geäußert hatte. Heute werden noch acht Zeugen einvernommen. Geplant ist zudem die Erörterung des Gutachtens und eine ergänzende Einvernahme des Angeklagten. “Die Plädoyers und das Urteil erfolgen wahrscheinlich am Mittwoch”, erklärte die Mediensprecherin und Vizepräsidentin des Landesgerichts Salzburg, Elisabeth Schmidbauer.

Detail am Rande: Wihan hat jetzt zum zweiten Mal einen Verteidigerwechsel vorgenommen. Heute vertrat ihn wieder Utho Hosp, den der Arzt nach dem ersten Verhandlungstag “gefeuert” hatte. Am zweiten Verhandlungstag wurde er von seinem Schulfreund Peter Cardona vertreten. Hosp wird heute von einem zweiten Verteidiger, dem Juristen Helmut Schott, unterstützt, der auf psychiatrische Gutachten spezialisiert ist.

“Sie wollte niemals gewickelt werden”

Nahezu alle Zeugen schilderten dem vorsitzenden Richter Wilhelm Longitsch, dass die 70-Jährige mehrmals einen Sterbewunsch geäußert habe. “Sie wollte niemals gepflegt und gewickelt werden. Einen Tag vor ihrem Tod hat sie am Telefon gesagt, ‘mir reicht es jetzt dann, lasst mich ja nicht hängen'”, berichtete die Schwester der Verstorbenen. Auch Freunde erzählten, dass die “sehr willensstarke Frau eigentlich nicht mehr leben wollte, weil es ihr so schlecht ging”.

 

Eine psychische Veränderung kurz vor ihrem Tod konnte die Mehrheit der Zeugen, die heute aussagten, nicht feststellen. “Sie war geistig klar”, sagte eine Bekannte aus Obertrum, die noch am Tag vor der Todesnacht mit der Flachgauerin telefoniert hatte. Und ein langjährige Freund meinte: “Ich hatte den Eindruck, dass sie keinen Lebenswillen mehr hatte. Sie war durch ihre Einsamkeit von da draußen abgeschnitten.” Auch während ihrer Depressionen habe sich ihre Schwester immer durchgesetzt und gewusst, was sie tue, betonte die Angehörige aus Innsbruck.

Nach den Zeugen durfte der Angeklagte nochmals zu Wort kommen. Wie schon am ersten Verhandlungstag verlor der Arzt mehrmals die Beherrschung und schleuderte Prozessbeteiligten beleidigende Worte schreiend entgegen. Nach der ersten Zurechtweisung durch den Vorsitzenden erklärte Wihan, er habe zur Beruhigung Valium genommen. Erneut rechtfertigte er seine Tat damit, dass er der Frau nur helfen wollte. “Natürlich bin ich schuldig. Sterbehilfe kann doch nie Mord sein. Wo ist das Motiv? Zum Schluss sah ihr Gesicht aus wie eine Fratze, so schlecht ist es ihr gegangen. Und sie ist vereinsamt. Zwei Jahre lang ist sie in ihrem Zimmer verreckt.”

Auf die Frage von Staatsanwältin Elvira Gonschorowski-Zehetner, warum er sich für eine Ethikkommission zum Thema Sterbehilfe einsetze und dann eigenmächtig handle, antwortete Wihan: Die Flachgauerin sei ein Ausnahmefall gewesen, bei anderen Patienten wäre ihm das nie in den Sinn gekommen. “Sie hat mich ja jahrelang traktiert. Kneifen, einen Menschen nicht helfen, wäre für mich unvorstellbar.” Am Nachmittag wird das psychiatrische Gutachten vom Grazer Experten Peter Hofmann erörtert.

 

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 19.11.2019 um 01:37 auf https://www.salzburg24.at/archiv/dritter-verhandlungstag-im-salzburger-sterbehilfe-prozess-59608066

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