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Ein Jahr Pussy-Riot-Protestgebet - Schriller Aufschrei mit starkem Echo

Die Verurteilung der Aktivistinnen wird international stark kritisiert. EPA
Die Verurteilung der Aktivistinnen wird international stark kritisiert.

Als am 21. Februar vergangenen Jahres junge Frauen mit bunten Sturmmasken auf dem Kopf, grellen Kleidern und Strümpfen in der wichtigsten Moskauer Kirche, der Christ-Erlöser-Kathedrale, vor dem Altar gegen die Rückkehr von Wladimir Putin in den Kreml protestierten, war der Aufschrei groß. Ebenso energisch wie ihr "Protestgebet" mit dem Text "Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin!", war die Reaktion der Staatsgewalt.

Es folgten die unmittelbare Festnahme, Untersuchungshaft, ein als Schauprozess kritisiertes Verfahren - bei dem die drei angeklagten Mitglieder der Frauenband in einem Glaskäfig sitzen mussten -, sowie die Verurteilung wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" zu zwei Jahren Lagerhaft für zwei der Künstlerinnen: Maria Aljochina (24) und Nadeschda Tolokonnikowa (23), beide Mütter kleiner Kinder. Ein drittes Band-Mitglied, Jekaterina Samuzewitsch (30), kam in zweiter Instanz frei, ihre Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Welt fordert Freilassung

International wurde der Fall heftig kritisiert. "Wenn diese drei Pussy Riot wirklich eingesperrt werden sollten, dann sperrt sich Russland selber ein", schrieb Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in einem Text, der sowohl in dem russischen Magazin "The New Times", als auch in der französischen Tageszeitung "Liberation" erschien. Politiker und Prominente, wie etwa Madonna, forderten Freiheit für Pussy Riot. Russische und internationale Auszeichnungen sowie Nominierungen für die Band ließen ebenfalls nicht auf sich warten.

Putin sprach sich zwar medienwirksam gegen ein "zu hartes" Urteil gegen die Musikerinnen aus, verteidigte jedoch die Verurteilung der drei Frauen als "richtig". Mit ihrer Protestaktion in einer Moskauer Kirche hätten die Musikerinnen "die Grundfesten der Moral untergraben".

Massenproteste als Folge

Tatsächlich kamen ihm die Proteste äußert ungelegen, die jüngste umstrittene Duma- und Präsidentenwahl hatten die größten Massenproteste Russlands seit dem Umbruch vor 20 Jahren ausgelöst. Seit seiner Rückkehr in den Kreml am 7. Mai geht Putin aus Sicht von Menschenrechtlern härter denn je gegen seine Kritiker vor, viele Gesetze wurden verschärft. Experten sprechen von einem Rundumschlag, um den Protest auf der Straße, im Internet, in Menschenrechtsorganisationen und in den Medien einzudämmen.

"In der Umgebung des Präsidenten beginnen sich Leute durchzusetzen, die für härteres, repressiveres Vorgehen sind - das ist kein Zufall", sagte der Russland-Experte Gerhard Mangott bereits kurz nach Amtsantritt Putins zur APA. Die russische Regierung habe "Angst" vor sozialer Unzufriedenheit und daraus resultierenden Protesten.

Angst vor mittelalterlichem Kirchenstaat

Eine starke Rolle nimmt hierbei laut Beobachtern nun die Kirche ein, die zunehmend an Einfluss gewonnen habe. Mit Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche plant das russische Parlament derzeit eine Verschärfung des Blasphemiegesetzes. Kommentatoren beklagen bereits eine Rückkehr in einen mittelalterlichen Kirchenstaat. Auch Pussy Riot hatten die "unheilige Allianz" zwischen Ex-Geheimdienstchef Putin und dem Patriarchen Kirill kritisiert. "Der Teufel hat uns alle ausgelacht", wies Patriarch Kirill, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, die Aktion der Frauen scharf zurück.

Russland verklagt

Die Aktivistinnen der Band zeigen sich dennoch weiter kämpferisch und wollen von ihrer Kritik nicht ablassen. Sie verklagten Russland vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte - in ihrem Verfahren sei gegen die Rechte auf persönliche Freiheit, freie Meinungsäußerung, faire Prozessführung und das Folterverbot verstoßen worden. Bei ihrer Protestaktion habe es sich um eine künstlerische und politische Darbietung gehandelt

Ironische und lustige Verzweilflungsaktion

Tolokonnikowa sagte gegenüber der russischen Zeitung "Novaja Gazeta": "Das ganze Drama um unseren Auftritt ist künstlich aufgebaut worden von den russischen Massenmedien und der Staatspropaganda, die uns aus Gotteslästerer darstellen. Dabei war es in Wahrheit eine ironische und lustige Aktion, obwohl natürlich auch eine verzweifelte. Es war sozusagen ein politischer Aufschrei aus tiefstem Herzen, der in eine ironische Form gegossen wurde." Aljochina sagte dem Blatt: "Viele Mitgefangene ... fanden es toll, was wir gemacht haben, weil wir die einzigen waren, die etwas gegen Putin unternahmen." (APA)

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