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Festspielrede von Daniel Kehlmann

Das Regietheater deutschen Zuschnitts muss im Moment ordentlich Prügel einstecken. Von einigen Intendanten für tot erklärt, hat auch Erfolgsautor Daniel Kehlmann, offizieller Festredner der Salzburger Festspiele 2009, eine Breitseite losgelassen gegen den Interpretationsstil des deutschsprachigen Theaters.

“Man darf selbstverständlich auch für die drastischste Verfremdung eintreten, aber man sollte sich deswegen nicht für einen fortschrittlichen Menschen halten”, wetterte Festredner Kehlmann beim Festakt.

Kehlmann kritisierte das Vordrängen der Regisseure in Bereiche, die den wirklich kreativen Menschen vorbehalten sein sollten: “Wo sich die Autoren zurückhalten, beanspruchen die Regisseure wiederum den Status eines Stars, dem kein Urheber, lebend oder tot, dreinzureden habe. Aber kann man Beckett als rückständig abstempeln, weil er regelmäßig Aufführungen seiner Werke untersagte, die er als entstellend empfand, weil sie von seinen akribischen Regieanweisungen abwichen”, fragte Kehlmann.

Für Kehlmann ist das Theater in Gefahr, leer und langweilig zu werden. “Denn wer ein Reihenhaus bewohnt, christlich-konservative Parteien wählt, seine Kinder auf Privatschulen schickt und sich dennoch als aufgeschlossener Bohemien ohne Vorurteil fühlen möchte, was bleibt dem anderes als das Theater? In einer Welt, in der niemand mehr Marx liest und kontroverse Diskussionen sich eigentlich nur noch um Sport drehen, ist das Regietheater zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Ideologie degeneriert.”

Immer wieder zitierte Kehlmann Festspielgründer Max Reinhardt: “Das Theater kann, von allen guten Geistern verlassen, das traurigste Gewerbe, die armseligste Prostitution sein.” Und Reinhardt in Kehlmanns Rede weiter: “Das bürgerliche Leben ist eng begrenzt und arm an Gefühlsinhalten.” In dieser Begrenztheit sah Reinhardt auch die Wurzel und die Motivation für Theater: “Wir alle tragen die Möglichkeit zu allen Leidenschaften, zu allen Schicksalen, zu allen Lebensformen in uns”, so zitiert der Autor den Theatermann und nennt das Theater den seligsten Schlupfwinkel derer, “die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben”.

Ausgangspunkt für Kehlmanns Kritik am Regiestil in Theater und Film ist die Lebensgeschichte von Kehlmanns Vater Michael, der einst erfolgreich war, dann aber als überholt und altmodisch in Vergessenheit geriet. Kehlmann schilderte eine Reihe von persönlichen Erlebnissen, formulierte seinen Respekt gegenüber seinem Vater und machte die Moden in Theater und Film verantwortlich für das berufliche Scheitern seines Vaters.

(Quelle: S24)

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