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Jazzfestival Saalfelden: Neues mit altem Material

Während internationale Festivals wie in Mulhouse oder Moers den Begriff “Jazz” aus ihrem Titel strichen, bleibt das Jazzfestival Saalfelden bei diesem Wort und hat es in seinem 30-Jahr-Jubiläum mit Leben und Sinn erfüllt.

Nicht dass die Bands, die sich bis heute, Sonntag, in der Salzburger Bergstadt treffen, den Jazz neu erfunden hätten – im Gegenteil: Ein großer Teil der 31 Formationen bedient sich stilistisch scham- und theorielos in der Musikgeschichte. Mehr noch. Ganz selbstverständlich bauen sie Elemente der Elektronik, der Folklore, der Klassik, des Klezmer und vor allem des Rock in ihre Arrangements ein und basteln Neues mit altem Material. Wie in einem Vermischen, Überarbeiten und wieder Zusammensetzen des großen musikalischen Baukastens der Improvisation.

Das begann schon im ersten Konzert des Festivals auf der Hauptbühne im Saalfeldner Kongresshaus, als Christian Muthspiel’s Yodel Group sich des alten volksmusikalischen Gesangs annahm und gänzlich ohne ironische Überheblichkeit demonstrierte, was auch drinsteckt in dieser sonst gerne im Lieblich-Rustikalen feststeckenden Musik. Eine Weltpremiere aus Saalfelden, wie sie Schule machen könnte.

Am zweiten Jazzabend, dem Samstag, begann die 13-köpfige Rova:Orkestrova’s Electric Ascension mit einem kraftvoll-dichten “Himmelfahrtskommando” in der Tradition der ungehobelt lauten Freejazz-Bands, in der kollektiv improvisierte Klangwände Dynamik und Struktur erst gar nicht aufkommen ließen. Doch dann übernahm Eric Friedlander mit seinem “Broken Arm Trio” und lud seine rund 1.400 Zuhörer zu hochvirtuosen Spaßettln mit Cello, Kontrabass und Schlagzeug ein. Mit nachgerade hübschen Motiven und extrem transparenten Klangfarben fegte dieses Trio jazzig und lyrisch durch die Geschichte kammermusikalischer Verspieltheit.

Ohne innere Struktur, fast ohne nachvollziehbares Zeitmaß und gänzlich ohne melodischen Anspruch präsentierte Freejazz-Altmeister Oliver Lake sein “Reunion Trio”. Dabei hatte das permanente Hochdruck-Gedudel des Saxofonisten mit den kratzig-schrägen, fast destruktiven Einwürfen der Gitarre von Michael Gregory ohrenscheinlich kaum Gemeinsamkeiten. Aber plötzlich doch eine Scala, doch ein simples Unisono und ein fast poppig-nettes Gitarrensolo. Die reine Energie hat doch noch ihre Tankstelle gefunden.

Steven Bernsteins “Diaspora Suite” war eine quirlige Klangwand aus Bläsern, zwei E-Gitarren und zwei Schlagzeugern. Darin fanden die zwölf Söhne Jakobs ihren biblischen Ausdruck in Hardrock- und Klezmer-Manier. Ein erfrischend anderes Nonett, in dem die orgiastischen Bauteile ebenso spontan arrangiert wie druckvoll über die Bühne geschmettert wurden. Nachdem das norwegische Sextett von Elvind Aarset Sonic im sphärisch-flächigen Psychodelic-Rock geschwelgt hatte, nicht ohne alle Drogenrausch-Träumereien mit bedrohlich düsteren Farben zu brechen, sorgten der äthiopische Saxofonist Getatchew Mekuria & The Ex & Guests & Dancer ab 01.00 Uhr früh für einen heiter peitschenden Kehraus. Wie eine Mischung aus Velvet Underground und Bonanza knüppelten die Holländer und ihre Freunde aus Afrika und England durch simpel druckvolle Loops, bis auch der verschlafenste Jazzfan ein spätes Tanzbein riskierte.

“Mehr als ausverkauft”, jubelten die Veranstalter Samstag nachts im APA-Gespräch. Ein Kartenstopp trotz zusätzlich “eingeschobener” Stehplätze, heimgeschickte Besucher, endlose Zugaben bei den Freiluftkonzerten trotz lausigem Regenwetter und gerammelt volle Konzerte auf den Almen und in den Gasthäusern. Das Publikum scheint die historisch-stilistische Suche des Jazz nach sich selbst wenig zu kümmern – ein Riesenerfolg.

Heute, Sonntag, geht es in Saalfelden weiter mit fünf Top-Bands, darunter einer Uraufführung von Wolfgang Puschnigs “Room” und zum Abschluss dem Ornette Coleman-Quartett.

(Von Christoph Lindenbauer/APA)
(Quelle: S24)

Aufgerufen am 08.05.2021 um 08:28 auf https://www.salzburg24.at/archiv/jazzfestival-saalfelden-neues-mit-altem-material-59623270

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