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Kino goes Theater: "Rausch der Macht" nach Claude Chabrol in Salzburg

Ein Film kommt ins Theater. Ziemlich genau nach der Leinwand-Vorlage sprechen die Schauspieler fast exakt die gleichen Sätze.

Auch die Abfolge von Szenen deckt sich überwiegend. Warum sich das Schauspielhaus Salzburg diese Mühe gemacht hat, einen Film für die Bühne zu bearbeiten und dabei quasi zu kopieren, das hat Regisseur und Dramaturg Christoph Batscheider mit “Rausch der Macht” nach Claude Chabrols Film “Geheime Staatsaffären” aus dem Jahr 2006 nicht schlüssig beantwortet. Dienstagabend war die Premiere.

Die Geschichte der Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman, die sich mit korrupten Managern von Staatsbetrieben anlegt, gibt es in jeder guten Videothek. Mit Isabell Huppert in der Hauptrolle. Und mit vielen Nahaufnahmen dieser großen Kino-Schauspielerin und ihrer Kollegen. Deren Kampf um Gerechtigkeit sowie deren Lügen und Ausreden rücken in Chabrols Nahaufnahmen so nahe an den Zuschauer heran, wie es die Rampe im Theater nicht zulässt.

“Geheime Staatsaffären” ist nicht nur Gesellschaftskritik. Claude Chabrol hat vor allem eine Persönlichkeitsstudie auf die Leinwand gebracht, in der die Verbissenheit einer Frau die Hauptrolle spielt. Und die wirkt groß, nahe und bildschirmfüllend viel stärker als durch die Sätze selbst. Das Zucken um den Mund und der Blick der gerechten Entschlossenheit sind stärker als die Entrüstung über die Strukturen der Mächtigen. Variantenreiche Ausstattung und symbolträchtige Außenaufnahmen verdichten die Atmosphäre im Film zusätzlich. Das Theater verliert ganz klar nach Punkten.

Trotzdem versuchen Batscheider und sein Team dagegenzuhalten. Einmal mit Ulrike Arp. Sie ist eine sehr gute, wenn auch eher getriebene, unter Druck stehende Frau als eine dem Rausch der Macht verfallene Untersuchungsrichterin. Auch Georg Reiter, Antony Connor, Philip Leenders, Benjamin Lang und Constanze Passin strahlen über den Bühnenrand.

Die dreigeteilte Bühne von Tobias Kreft ist originell, funktioniert nach allen Richtungen und ist ästhetisch zugleich anspruchsvoll. Vor allem die Szenen aus den Vorstands-Etagen, in denen die korrupten Manager nur von den Füßen bis zu den Bäuchen zu sehen sind, die Gesichter aber verborgen bleiben, haben Sinn und Kraft.

Batscheider hat mit den wenigen Strichen im Text seines Theaterkinos und der Führung der Schauspieler auf der Bühne Theaterkompetenz bewiesen. So machen eine Reihe von sehr starken Momenten die wenigen Durchhänger der Spannung zumindest im Nachhinein vergessen. Die Vorzüge des Theaters gegenüber der DVD von Claude Chabrol hat das Salzburger Schauspielhaus allerdings nicht plausibel gemacht.

(Von Christoph Lindenbauer/APA)

(Quelle: S24)

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