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Lanzinger: "Froh, dass ich nach Kvitfjell gereist bin"

Der ehemalige Skirennläufer Matthias Lanzinger ist am Freitag an jenen Ort zurückgekehrt, an dem er vor einem Jahr so schwer gestürzt war, dass ihm infolge der linke Unterschenkel amputiert werden musste.Alle Videos über Matthias Lanzinger&nbsp&nbsp|&nbsp&nbsp|&nbsp&nbsp|&nbsp

Der Österreicher hatte am 2. März 2008 im Weltcup-Super-G in Kvitfjell (Norwegen) einen Fahrfehler begangen. Was die Fehler betrifft, die anschließend in der nicht lückenlosen Rettungskette passierten, darüber werden die Gerichte entscheiden.

Für die ORF-Sendung “Sport am Sonntag” fuhr Lanzinger am Freitag über die Piste und blieb auch an der Unfallstelle stehen. Die Herren-Abfahrt hatte er zuvor vom Zielraum aus verfolgt und war von seinen ehemaligen Teamkollegen herzlichst begrüßt worden. Von Hermann Maier wünschte sich der Salzburger die Startnummer, Maier fuhrt am Freitag mit der 30, also jener Nummer, die Lanzinger vor einem Jahr trug.

Im Interview mit der APA – Austria Presse Agentur sprach der 28-Jährige in Kvitfjell über die Bewältigung seines Schicksals und offenbarte seine Gefühlswelt.

APA: Matthias Lanzinger, Sie stehen hier in Kvitfjell im Zielraum und schauen auf den Berg zur Unglücksstelle rauf. Wie geht es Ihnen dabei?

Lanzinger: “Ich habe heute auf der Fahrt von Oslo nach Kvitfjell sehr lange Zeit im Auto gehabt, das Ganze zu überlegen. Mir sind sehr viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Als ich aus dem Auto ausgestiegen bin, da habe ich mal raufgeschaut und habe natürlich schon einmal tief durchgeschnauft. Aber es war ein sehr gutes Gefühl. Ich habe raufgeschaut, habe genau gewusst, wo bin ich gelegen bin, wie ist das passiert ist. Und ich bin jetzt schon froh, dass ich den Schritt gemacht habe, dass ich raufgefahren bin. Wenn ich auf der Piste direkt stehe und mir das genau anschaue, hoffe ich auch, dass ich mit einem guten Gewissen nach Hause fahre, dass ich über alles bescheid weiß. Und dass eher die positiven Sachen von hier heroben in Erinnerung bleiben.”

50 Meter entfernt von uns steht ein perfekt ausgerüsteter Rettungshubschrauber. Ein Jahr zu spät?

“Sicherlich wäre sehr viel möglich gewesen, wenn die ganzen Sachen damals schon ersichtlich gewesen wären, auch mit den Krankenhäusern und natürlich mit dem Hubschrauber. Aber ich bin sehr, sehr froh, dass er heuer da ist, weil es kann ja genauso an diesem Wochenende wieder etwas Schweres passieren. Und wenn dann der Helikopter einem was nutzt, dann bin ich schon sehr, sehr froh, dann hat das Ganze schon ein bisserl mehr Sinn gehabt.”

Sie haben sich am Donnerstagabend in Oslo gemeinsam mit ihrem Anwalt mit einem norwegischen Anwalt getroffen. Gibt es Neues, was die Klage gegen Veranstalter, FIS und dem Spital in Oslo betrifft?

“Es gibt keine Neuigkeiten, wir haben nur die Fakten ausgetauscht. Es ist ja das Gutachten erstellt worden, in dem als Ursache aufgekommen ist, dass die Zeit zu lange gedauert hat, dass das Krankenhaus in Lillehammer nicht dem entsprochen hat, als was es eigentlich ausgewiesen war, und dass leider Gottes auch die Ärzte in Oslo Fehler gemacht haben. Das Ganze wird jetzt hier heroben geprüft, wer für welche Sache verantwortlich ist. Dann werden wir weiterschauen, das wird sicher eine sehr langwierige Sache. Aber wie gesagt, seine Früchte hat es schon getragen hier heroben. Es hat sich was verändert, und das ist mir eigentlich im Moment das Wichtigste.”

Aber es fühlt sich derzeit niemand verantwortlich für das, was hier vor einem Jahr passiert ist?

“Nein. Es ist keiner schuld gewesen, es wird nur dargestellt, wie perfekt alles abgelaufen ist. Was wir haben, sind keine Vermutungen, sondern Tatsachen, über die wir selber nicht froh sind, dass sie so eindeutig rausgekommen sind. Mir wäre lieber, dass es anders gewesen wäre. Nutzen tut es trotzdem nichts, aber für die Zukunft gehört da sicher ein bisserl auf die Finger geschaut.”

Gehört für Sie diese Kvitfjell-Reise dazu, um abzuschließen?

“Für mich ist es sicher schon so weit abgeschlossen, aber was dazu kommt, ist, dass ich nicht weiß, was in der Zukunft ist. Bis jetzt hat es gut gepasst, aber man kann nie in die Zukunft schauen. Es läuft natürlich nach wie vor ein gewisser Prozess, und falls ich mich einmal frage, wie ist das Ganze eigentlich wirklich genau abgelaufen, dann habe ich die Antwort heute bekommen. Ich denke, das ist sicher ein weiterer Schritt, um das Ganze aufzuarbeiten. Für die Zukunft hat es mich sowieso interessiert, da mal raufzufahren, und so habe ich gleich das Rennen wahrgenommen. Und ich bin froh, dass ich es gemacht habe und nach Kvitfjell gereist bin.”

War trotzdem ein mulmiges Gefühl dabei, die Piste abzufahren?

“Ja, man weiß ja nie, wie es dann wirklich ist. Ich habe zuletzt auch viel an das alles gedacht, es war ja der Jahrestag, ich habe zu Hause viel mit meiner Freundin, meiner Familie darüber geredet. Ich habe sehr viel aufgearbeitet und bemerkt, dass es mir sehr gut getan hat. Ich hatte auch viel Zeit zum Nachdenken. Ich bin mit gemischten Gefühlen hierher gereist. Ich wusste nicht, was alles hochkommt, welche Emotionen. Aber das war ein kurzer Augenblick. Ich bin froh darüber, dass ich hier bin und alles gesehen habe. Es geht mir sehr gut.”

Die ehemaligen Teamkollegen können mit der Situation sehr gut umgehen, weil sie sehen, dass Sie das Schicksal so gut gemeistert haben. Hilft Ihnen das auch?

“Ich nehme es sehr, sehr gerne zur Kenntnis, und es freut mich für die Läufer. Ich habe am Anfang auch nicht genau gewusst, wie gehe ich mit den anderen um. Wenn ich zu viel Kontakt habe, werden sie dann zu viel an das Ganze erinnert oder abgelenkt, oder freuen sie sich mehr, wenn ich dabei bin? Für mich war es selbst ganz schwierig. Und am Anfang haben alle zu mir gesagt, sie wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Sie waren auch nicht so gut drauf. Aber als sie dann gesehen haben, dass es mir sehr gut geht, von Anfang an, als sie schon im Krankenhaus bei mir waren, da ist jeder dann mit einer riesengroßen Erleichterung rausgegangen. Sehr viele haben zu mir gesagt, dass ich ihnen geholfen habe. Das hat mich natürlich schon gefreut. Sie dürfen am Start an keine anderen Sachen denken als ans Rennen und schnell fahren. Mir geht es gut, ich habe das Ganze bewältigt. Alle anderen müssen in die Zukunft schauen – genau so wie ich – und an das nicht denken. Passieren können Sachen, das wird auch in Zukunft so bleiben.”

Sie fahren seit Jänner wieder Ski, wie oft kommen Sie dazu?

“Unregelmäßig. Ich bin nach wie vor sehr eingespannt mit meinem Studium und den anderen Sachen. Ich bin sehr viel unterwegs gewesen, aber wenn das Wetter schön ist und ich Zeit habe, nutze ich schon jede Gelegenheit zum Skifahren oder Tourengehen. Ich arbeite auch für Salomon, da ist auch ein gewisser Teil Skiprobieren. Aber ich mache alles, woran ich Spaß habe und das finde ich auch sehr gut so.”

(Das Interview führte Birgit Egarter/APA aus Kvitfjell)

(Quelle: S24)

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