Jetzt Live
Startseite Archiv
Archiv

Mit Leib und Seele Bierkutscher in Salzburg

Salzburg – Seit mehr als 500 Jahren ziehen die Bierkutschen von Stiegl durch Stadt und Land Salzburg. Die Pferde gehören zu der im Jahr 1492 gegründeten Salzburger Brauerei wie Hopfen und Malz zum Bier.

In Spitzenzeiten waren 26 Gespanne bis Oberndorf und Lofer unterwegs, heute beliefern zwei Kutschen mehrere Gastlokale und Lebensmittelgeschäfte in der Stadt und Umgebung. Die vier “Prestigepferde” lassen sich von lärmenden Fahrzeugen nicht stören. Sie werden von den Kunden sehnsüchtig erwartet.

“Gehts zruck, schiabts an, hot, hot, guat is Buam”, gibt Kutscher Herbert Schröder das Kommando zum Einparken, und schon treten die 700 Kilogramm schweren Noriker vor dem Maxglaner Gasthaus “Ganshof” langsam rückwärts. Die zwei Hengste, vier und zehn Jahre alt, warten geduldig, bis der Kutscher mit dem Ausladen der Fässer und Bierkisten fertig ist. Rund 5.000 Kilogramm Gewicht schleppt er am Tag. Sein Körper ist dementsprechend muskulös und durchtrainiert.

“Er ist mein liebster Bierfahrer, ein richtiger Pferdeflüsterer, ein Kutscher mit Leib und Seele. Er hat die Tiere gut im Griff”, schwärmt Wirtshaus-Pächterin Hannelore Ort und schleppt für die zwei Tigerschecken zur Belohnung eine Schachtel hartes Brot herbei.

Das Bierausfahren macht ihm Spaß, erzählt der 49-jährige Gespannfahrer, auch wenn die Verantwortung über “seine Buam” groß ist. Er muss sie nicht nur unfallfrei durch verkehrsreiche Straßen lotsen, er säubert auch täglich den Stall, bringt sie für die Ausfahrt auf Hochglanz und sorgt sich um ihre Gesundheit. Wenn seine Sprösslinge krank sind, übernachtet er im Stall.

Kaum zu glauben, dass Friedl und Remus zu ihrer eigenen Sicherheit nicht gemeinsam auf die Koppl dürfen, weil sie da zu Rivalen werden und miteinander kämpfen würden. Nebeneinander eingespannt demonstrieren sie friedliche Eintracht. Sie lassen sich vom hektischen Straßenverkehr nicht aus der Ruhe bringen. Schröder: “Noriker haben gute Nerven und sind klar im Kopf.” Die Rösser stammen aus österreichischer Zucht. Sie zeichnen sich durch Gutmütigkeit, Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit aus.

Passanten winken dem adretten Gespann zu, Grüße werden ausgetauscht. Beim nächsten Stopp montiert der Kutscher den Kübel unter der Ladefläche ab. Er befüllt ihn mit Wasser und entfernt den Urin, den die Pferde am Gehsteig hinterlassen haben. “Damit sich keiner aufregt.” Fallen “Pferdeäpfel” ab, wird der Straßenkehrer, der sie wegräumt, mit einer Flasche Bier belohnt.

Auch wenn die Kutsche als Prestigeobjekt gilt und das Bier regulär mittels Bahn und Lkw ausgeliefert wird, erfüllt sie doch ihren Zweck. Ob Regen, Sturm oder Schneefall, sie ist von Montag bis Freitag im Einsatz. “Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung”, schmunzelt Schröder. Eine Decke schützt die Pferde vor Kälte oder Nässe. Stollen- und Widerstifte an den Hufeisen verhindern, dass sie bei Eisglätte ins Rutschen kommen.

Bis zum Zweiten Weltkrieg zogen auch braune, schwarze und fuchsfarbene Rösser die Bierkutschen. Ochsen wurden ebenfalls eingespannt. Die viel bewunderten, schwarz-weißen Tigerschecken besaß früher nur der Erzbischof, später erwarb sie auch die Brauerei. Nach 1945 setzte Stiegl nur mehr Tigerschecken ein.

“Obwohl Wallache noch leichter zu führen sind, spannen wir ausschließlich Hengste ein”, erläutert der zweite Kutscher Hans Brunnauer. Der Grund: “Mit ihrem imposanten, hengstischen Gehabe sind sie perfekte Repräsentanten und verkörpern den ganzen Stolz der Brauereitradition.”

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 19.05.2021 um 02:15 auf https://www.salzburg24.at/archiv/mit-leib-und-seele-bierkutscher-in-salzburg-59601133

Kommentare

Mehr zum Thema