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Nett wollen sie sowieso nicht sein

Schwarzach - Alldra melden sich mit einem neuen Album zurück. Und beweisen mit "DOMM" einmal mehr, dass Dialekt auch jenseits von Klischees möglich ist.

"Alldra" waren sie auch in den letzten Jahren. Dennoch hat es rund sechs Jahre gedauert, bis die gleichnamige Vorarlberger Band diese Woche endlich ihr neues Album präsentieren kann. „Es hat immer einer Kinder bekommen“, sagt Martin Hartmann (33), der Akkordeonist der Truppe, mit einem Grinsen. Kein Wunder also, dass es das Quartett mittlerweile insgesamt auf die stattliche Anzahl von 13 Sprösslingen bringt.

In alten Häusern

Die Mitte der 90er-Jahre als Studentenband in Wien gegründete Formation besteht seit sieben Jahren neben Hartmann aus den beiden „Gründervätern“ Bernhard Breuer (37/Cajon) und Bernhard Widerin (37/Gitarre) sowie Marcello Girardelli (32/Kontrabass). Mit „DOMM“ legen Alldra ihr viertes Studioalbum vor – wenngleich der Begriff Studioalbum ein wenig irreführend ist. In zwei uralten Häusern im Bregenzerwald und im Montafon hat man sich in den letzten drei Jahren vier Mal zu den Aufnahmen getroffen – „wir haben uns kaserniert“. Und „es war die bislang schwierigste CD“, gesteht Hartmann, „weil es so lang gegangen ist. Wir haben angefangen, und dann ist nichts weitergegangen.“ Der Großteil der neuen Lieder stammt von Widerin. „Früher habe ich noch mit der Gitarre gespielt. Mittlerweile fallen mir die Sachen beim Autofahren oder im Zug ein“, beschreibt er seinen Zugang zum Komponieren. „Und wenn ich es bis daheim vergesse, ist es nicht schad‘ drum.“ Breuer hingegen erarbeitet seine Songs seit zwei Jahren am Computer, und Hartmann fällt zu seiner Arbeitsweise vor allem eines ein: „Langsam.“ Und weiter: „Du schreibst kein Lied, wenn es dir sehr gut geht“, meint er. „Du schreibst sie, wenn du nachdenklich oder in dich gekehrt bist“, fügt Widerin hinzu.

Überfällig

Mit den Liedern im Gepäck geht es dann in den Proberaum – zur Bewährungsprobe. „Bei manchen Sachen ist sofort klar, dass es passt“, so Hartmann, „bei anderen wird herumgedoktert.“ Und das kann dann durchaus problematisch werden. Daher habe man sich irgendwann entschlossen, dem Komponisten die Hoheitsgewalt über seine Werke zu geben. „Man kann nicht ewig diskutieren“, zumal auch die Zeit der Musiker neben Erwerbsarbeit, Familie und anderen Musikprojekten begrenzt sei. Von „Summer“, einem der Lieder auf der neuen CD, gebe es rund 20 Versionen, beschreiben die Musiker das oft langwierige Prozedere, „irgendwie war es nie so, wie man wollte“. Die nunmehrige CD-Produktion sei überfällig gewesen, sagen Widerin und Hartmann übereinstimmend. Geprobt wurde in den letzten Jahren zwar mehr oder weniger regelmäßig, aber nur ganz selten werden Konzerte gespielt. „Da fehlen dann Feedback und Erfolgserlebnis.“ Neue Lieder waren immer da, „aber die werden zur Last, wenn man sie nicht presst. Je älter sie werden, umso weniger passen sie“, sagt Widerin. Was sich allerdings auch wieder ändern kann. So sei sein „Alls goht da Bach abe“, das sich nun auf der CD findet, bereits Anfang der 90er-Jahre entstanden. „Ich konnte es dann nicht mehr hören und wollte immer wieder den Text ändern.“ Gemacht hat er es nicht, dafür wieder neu entdeckt. „Inhaltlich ging es da früher um ein Jugendproblem, heute ist es ein grundsätzliches gesellschaftliches“, beschreibt er die wiedergekehrte Aktualität.

Undergroundiges

Dass Alldra seit ihren Anfängen im Dialekt singen, hatte und hat nichts mit Zeitgeist zu tun, zumal das Mitte der 90er- Jahre eh keiner gemacht hat. Sie tun es, weil „es das Natürlichste ist“, so Widerin. Dabei bewegen sie sich weit fernab aller Klischees, Vorarlbergtümelei oder patriotischer Hintergedanken. „Das ist uns komplett fremd.“ Vielmehr gehe es schlicht und ergreifend darum, dass „man sich in der Sprache, in der man redet, am besten ausdrücken kann“. In den Anfängen hatte das „etwas Undergroundiges“ und war laut Hartmann wieder nicht mehr besetzt. „Man hat alles machen können“, und Alldra haben alles gemacht und die verschiedensten musikalischen Richtungen mit Dialekttexten versehen. Nahezu Pionierarbeit, die mit der derzeit existierenden überbordenden Dialektwelle nicht mehr erkennbar ist. Die Mundart sei „wieder in der Ecke der Klischees – ein Backlash“, so die Einschätzung der Musiker.

Jannersee ist überall

Dennoch denken Alldra nicht daran, ihre Position aufzugeben, wenngleich sie „mittlerweile ebenso ins heimattümelnde Eck gesteckt werden“, erzählen sie. „Allerdings nur von denen, die uns nicht kennen.“ Dass sie dort nicht hingehören, lässt sich allerdings leicht feststellen, vielmehr liefern sie wohl auch den Beweis dafür, dass man „Akkordeon auch ohne ‚Musikantenstadel‘ spielen kann“. Inhaltlich sind ihre Lieder in Vorarlberg verortet. Als Ausschließungsgrund sehen sie das nicht, zumal die Motive durchaus universell funktionieren würden: „Der Jannersee ist überall.“ Und: „In amerikanischen Liedern ist auch viel USA drin.“ Das Quartett hätte durchaus Ambitionen Richtung Deutschland, „auch wenn uns immer wieder gesagt wurde, dass mit unserem Dialekt die Grenze am Arlberg ist“. Dass dem nicht so ist, haben allerdings nicht zuletzt die Holstuonar eindrucksvoll bewiesen. „Früher haben wir auch viel mehr Konzerte in Wien als in Vorarlberg gespielt“­, erinnern sich Widerin und Hartmann. Sprachliche Missverständnisse habe es dabei durchaus gegeben, auch mit skurrilen Konsequenzen. So heißt eines ihrer alten Lieder „Es schießt mi a“. „Wir sind damals öfters gefragt worden, warum wir, ‚erschießt mich‘“ singen“, erzählt Widerin. Und es war auch dieses Lied, das vor vielen Jahren in einem Wiener Studentenheim zu einem Polizeieinsatz führte, da mit großer Lautstärke ein vermeintliches „Erschieß mich“ zu hören war.

Liebe oder Hass

Insgesamt haben Alldra die Erfahrung gemacht, dass „unsere Lieder polarisieren. Da gibt es kein lauwarm, sondern nur Liebe oder Hass“. Emotionen, die das Publikum bei Bedarf auch bei „DOMM“ wieder ausleben kann. Insgesamt ist das neue Album vielleicht ein wenig kritischer, ein wenig dunkler als seine Vorgänger, „depressiver“, meinen die Musiker. „Aber ein bisschen grantig ist nicht schlecht. Wirklich blöd wäre es, wenn alle kommen würden und sagen, ihr seid so nett.“ (NEUE /Brigitte Kompatscher)

Alldra - "Ma Sött"

(Quelle: S24)

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