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NR-Wahl: Thomas Geierspichler vermisst Behinderten-Themen

Salzburg – Der Salzburger Rennrollstuhl-Fahrer Thomas Geierspichler, frischgebackener Goldmedaillengewinner bei den Paralympischen Spielen in Peking, vermisst im Nationalratswahlkampf politische Programmschwerpunkte zur Erleichterung des Lebens von Behinderten.

“Schade, dass das kein großes Thema ist, obwohl es in Zukunft immer mehr Menschen betreffen wird”, bedauerte der 32-jährige Spitzensportler im APA-Gespräch. Er will demnächst die Landeshauptstädte auf ihre Behindertentauglichkeit testen.

Geierspichler nutzt jetzt seine Bekanntheit, um auch gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen. “Tom on Tour”, so soll der Titel der Testfahrt lauten, für die sich der Sieger im Rennrollstuhl-Marathon trotz seines intensiven Trainingsprogrammes genügend Zeit nehmen möchte, um auf das beschwerliche Alltagsleben von beeinträchtigten Zeitgenossen und die unüberwindbaren Hürden aufmerksam zu machen. Auch positive Beispiele werden aufgezeigt.

Von einer Gleichberechtigung in der Gesellschaft sei man noch weit entfernt. “Viele Gebäude sind immer noch nicht für Behinderte zugänglich”, kritisierte der Salzburger. Die politische Diskussion in der Gastronomie konzentriere sich nur auf Raucher- und Nichtraucherbereiche, nicht aber darauf, ob die Gaststätten für Rollstuhlfahrer barrierefrei erreichbar sind. “Gerade in Salzburg sind wir gezwungen, die Lokale nach ihrer Behindertengerechtheit auszuwählen, und da gibt es nicht viele. An Behinderten-Toiletten wird oft auch nicht gedacht.” Große Mankos ortet Geierspichler im öffentlichen Verkehr. “In Amerika ist jeder Bus behindertengerecht.”

Ein Behinderter werde oft als “ein Fall” gesehen, oder als “Affe im Käfig”, nicht aber als Mensch mit all seinen persönlichen Bedürfnissen, so “Rolling Tom”. “Da muss sich noch viel ändern. Viele Menschen driften durch ihre Behinderung in die sozial schwache Randgruppe ab.” Sogar im Behindertensport gebe es Benachteiligungen, zum Beispiel durch die Klassenzusammenlegung. “Schwerer Behinderte müssen bei künftigen Paralympics mit Sportlern starten, die weniger schwer behindert sind. Das wäre aber so, wie wenn im Marathon Damen und Herren gemeinsam starten würden. Dagegen und generell gegen soziale Benachteiligungen will ich ankämpfen – so in etwa wie William Wallace in ‘Braveheart’, der für sein Land, seine Ideale und seine Freiheit kämpft. Es kann nicht sein, dass immer die Schwächeren durch den Rost fallen. Wir alle haben die gleichen Rechte.”

Jeder Mensch werde im Laufe seines Lebens mit dem Thema Behinderung innerhalb seiner Familie konfrontiert. “Jeden kann es irgendwann auch selbst treffen”, weiß der Salzburger aus eigener Erfahrung: Er ist seit einem unverschuldeten Autounfall 1994 querschnittsgelähmt. Der Ansatzpunkt in der politischen Diskussion sollte vom Schwächsten ausgehen. “Eine Kette ist ja nur so stark wie ihr schwächstes Glied.”

Gerade Politiker und Funktionäre würden sich zwar gerne mit erfolgreichen Behindertensportlern fotografieren lassen, ihr Engagement für behinderte Menschen lasse aber noch zu wünschen übrig. Als positive Ausnahme nannte der Rollstuhlfahrer den Salzburger Sportreferenten LH-Stv. David Brenner (S) – “ein cooler Typ, er setzt sich für uns ein” – sowie den Salzburger Landessportdirektor Walter Pfaller. Gerade im Sport könne ein Behinderter die notwendige körperliche Fitness erreichen, um sich auch mental wieder aufzurichten. Sein Alltag sei dadurch leichter zu bewältigen, und es werde letztendlich weniger Geld für Medikamente sowie für die ärztliche und psychologische Betreuung ausgegeben, betonte Geierspichler.

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 25.06.2019 um 01:42 auf https://www.salzburg24.at/archiv/nr-wahl-thomas-geierspichler-vermisst-behinderten-themen-59601313

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