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Österreichische Pressestimmen zum Wahlausgang

Die Wahl in Österreich ist geschlagen. APA/HERBERT NEUBAUER
Die Wahl in Österreich ist geschlagen.

Die österreichischen Medien sehen eine große Aufgabe auf den Wahlsieger Sebastian Kurz (ÖVP) zukommen. Viele sehen Schwarz-Blau bereits als die künftige Regierung. Auch der Rechtsruck ist Thema. So reagieren Österreichs Medien auf das Ergebnis der Nationalratswahl.

 Helmut Brandstätter sieht ÖVP-Chef Sebastian Kurz im "Kurier" vor einer großen Aufgabe: "Sebastian Kurz hat das eine, das offizielle Wahlziel also erreicht. Er ist Nummer 1, er bekommt den Auftrag zur Regierungsbildung. Aber seine Hoffnung, mit einem deutlichen Wahlergebnis weit über 30 Prozent wirklich 'neu zu regieren', wird nicht leicht umzusetzen sein. Christian Kern war in den letzten Tagen mit heftigen Spekulationen innerhalb seiner Partei konfrontiert, wer sein Nachfolger werden soll. Viele in der SPÖ sind schon von einem Ergebnis deutlich unter Faymann im Jahr 2013 ausgegangen - Kern schaffte genau diese 26,9 Prozent. Am Wahlabend sprach er von 'Verantwortung übernehmen', was immer das noch heißt. Die FPÖ ist knapp hinter der SPÖ auf Platz 3. Ein geradezu ideales Ergebnis für Heinz Christian Strache. Mit einem deutlichem Zuwachs kann er entspannt mit Kurz verhandeln, gleichzeitig aber auch Kern schöne Augen machen."

Nowak wünscht sich "bessere Wenderegierung"

Rainer Nowak wünscht sich in der "Presse" eine bessere Wenderegierung als Anfang der 2000er-Jahre: "Nach dem Wahlsieg gilt es aus der Schwarzblaupause Wolfgang Schüssels zu lernen: Vorsicht bei der Personalauswahl, kein Triumphgeheul und gute Erklärungen. Tatsächlich rückt Österreich politisch ein Stück weit nach rechts. Allerdings nur im Wahlergebnis: Die politische Landschaft stellt sich 2017 wohl so dar wie sich die Meinung in Österreich 2015 auch tatsächlich verschoben hat. In der Flüchtlingskrise argumentierte und agierte die Regierung lange Zeit gegen die schweigende Mehrheit im Lande. Das zeigte das Wahlergebnis vom Sonntag ganz deutlich. Für SPÖ und Grüne wird es nun darum gehen, sich selbst neu aufzustellen und inhaltlich völlig frisch zu positionieren. Für die Sozialdemokratie wird das Resultat dieses Sonntags wohl den Wechsel in die Opposition bedeuten, die Abwahl aus dem Kanzleramt ist kein Auftrag der Bevölkerung, noch weiter eine Bundesregierung anzuführen. Für Noch-Außenminister Sebastian Kurz ist nach der Wahl vor den Regierungsverhandlungen. Verschnaufpause wird ihm dabei keine gegönnt werden. Die FPÖ will es ihm als Mehrheitsbeschaffer nicht leicht machen, wie zu hören ist und wird enorme personelle und inhaltliche Zugeständnisse verlangen. Die kann ÖVP-Chef Kurz nicht voll erfüllen."

Standard sieht Rechtsruck in Österreich

Petra Stuiber ortet im "Standard" einen Rechtsruck in Österreich: "Sebastian Kurz ist der Sieger der Nationalratswahl 2017, Österreich ist wieder ein Stück weiter nach rechts gerückt. Beide Ergebnisse können nicht wirklich überraschen. Kurz hat einen nahezu fehlerlosen Marathon-Wahlkampf hingelegt. Es gab keine nennenswerten Schnitzer - aber auch keine nennenswerten inhaltlichen Ecken und Kanten, an denen er hätte hängenbleiben können. Auch die FPÖ hat keine groben Fehler gemacht, sie musste sich nicht einmal besonders hart gegen Asylwerber positionieren. Diesen Part hat ihr die ÖVP freundlich abgenommen, und Heinz-Christian Strache konnte seinen anfänglichen Nachteil gegenüber den anderen Spitzenkandidaten ('wird auch nicht jünger') zum Vorteil drehen und den 'elder statesman' geben. Schwarz-Blau ist nicht nur leicht möglich, sondern, gemessen an dem hasserfüllten Wahlkampf, den Rot und Schwarz gegeneinander geführt haben, wahrscheinlich. Eine schwarz-blaue Verfassungsmehrheit wurde zwar verpasst, doch allzu weit weg ist sie nicht. Das ist die alarmierendste aller Nachrichten an diesem Wahlsonntag."

Salzburger Nachrichten sehen riesige Erwartungen an Kurz

Andreas Koller weist in den "Salzburger Nachrichten" auf die riesigen Erwartungen an Kurz hin: "Kaum ein Wahltag der vergangenen Jahrzehnte, der nicht mit dem Satz kommentiert wurde: Es ist kein Stein auf dem anderen geblieben. So auch diesmal: ÖVP auf Platz eins, SPÖ abgeschlagen, Rekordzuwachs für die Freiheitlichen, Grüne in großen Existenznöten. Da ist ganz schön viel passiert. Und dennoch ist jeder Stein auf dem anderen geblieben. Zwar hyperventilierte ein ganzes Land, allen voran die hauptamtliche Kurz-Verhinderungspublizistik in Print und online, seit Wochen dem Wahltag entgegen, als drohe unmittelbar der Weltuntergang. Doch das scheint rückblickend betrachtet ein wenig übertrieben gewesen zu sein. Dass die Nummer zwei zur Nummer eins wird und fortan mit großer Wahrscheinlichkeit eine andersfarbige Regierung amtieren wird als bisher: Das ist ein ganz normaler demokratischer Vorgang. Die Latte für den jungen Wahlsieger liegt hoch, sehr hoch. In einem Triumph wie diesem liegt bereits der Keim der nächsten Niederlage. Sebastian Kurz wird an den Erwartungen gemessen werden, die er geweckt hat. Die sind riesig."

Tiroler Tageszeitung: "Grüne stehen vor Scherbenhaufen"

Michael Sprenger sieht die Grünen in der "Tiroler Tageszeitung" vor dem Abgrund: "Schlimmer konnte es für die Grünen nicht kommen. Sie stehen vor einem Scherbenhaufen. Sollten die Grünen tatsächlich aus dem Nationalrat fliegen, dann ist das Projekt, welches 1986 gestartet wurde, gescheitert. In dem Fall braucht es eine Neugründung der Öko-Partei. Sollten sie doch noch knapp den Einzug schaffen, dann braucht es trotzdem eine Neuaufstellung und Neupositionierung. Die Grünen sind an der Zuspitzung im Wahlkampf mit den breit diskutierten rechten Themen sowie an hausgemachten Fehlern - bis hin zur De-facto-Parteispaltung - gescheitert, weniger an ihrer Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek. Durch den ausgerufenen Dreikampf um das Kanzleramt hätten die Grünen einer lauten Stimme bedurft. Doch diese fehlte. Weder in der Europapolitik noch in ihrem Kernthema Klimaschutz und Umweltschutz spürte man ein Brennen für ihre Ideen. Die Grünen sind satt und langweilig geworden. Die Grünen müssen für sich beantworten, ob sie weiterhin mit gesteuerten basisdemokratischen Entscheidungen ihre Kandidaten auswählen. Die Grünen müssen sich rasch von dem Modell einer Doppelspitze trennen. Zeit für eine lange Trauerarbeit haben sie nicht. Die kommenden Landtagswahlen stehen schon vor der Tür. Wenn es der 31 Jahre alten Partei nicht gelingt, sich rasch neu zu positionieren, droht ein Absturz ins Bodenlose."

Österreich laut Wiener Zeitung im Umbruch

Reinhard Göweil wähnt Österreich in der "Wiener Zeitung" im Umbruch: "Die SPÖ ist als Kanzlerpartei abgewählt worden, das ist - abseits des grünen Debakels - das eigentliche Ergebnis dieser Nationalratswahl. Sebastian Kurz versprach - nicht nur farblich - Veränderung. Viele Bürger glaubten ihm das und hievten die ÖVP klar auf den ersten Platz. Die SPÖ wird den Gang in die Opposition antreten, selbst wenn sich rechnerisch eine Koalition mit den Freiheitlichen ausgeht. So sehr sich die ÖVP jetzt über die ersehnte Eroberung des Kanzleramtes freuen kann, stehen Kurz damit knifflige Zeiten bevor. Erstens wird der 31-jährige 'Donau-Messias', wie ihn das deutsche Nachrichtenmagazin 'Focus' nannte, endlich erklären müssen, wie er sich diese Veränderung tatsächlich vorstellt. Eine umfassende Neuordnung der Bundesministerien ist sicher eine gute Idee, verbessert aber die Lebenssituation der Bürger nicht, und wäre bloß eine Oberflächlichkeit. In Europa wird Kurz erheblichen Erklärungsbedarf haben, warum er womöglich eine Partei in die Regierung holt, die im Vorjahr noch aus dem Euro austreten wollte, vielleicht auch aus der EU. Ob die 'ewige Regierungspartei' SPÖ es schafft, sich in Opposition zu regenerieren, wie es so schön heißt, bleibt abzuwarten. Und die Grünen werden auch in ihrer Wiener Partei aufräumen müssen."

Koalitionsfrage nicht für alle bereits geklärt

Christian Haubner hält die Koalitionsfrage im "Neuen Volksblatt" noch nicht für geklärt: "Österreich hat gewählt. Dennoch sind letztgültige Aussagen nicht zuletzt deshalb schwierig zu treffen, weil die vielen Wahlkarten noch bis Donnerstag ausgezählt werden. Was man sagen kann: Sebastian Kurz ist mit der neuen ÖVP der klare Sieger dieser Wahl. Eine Mehrheit will ihn als künftigen Kanzler sehen. Kurz ist es gelungen, jene Themen anzusprechen, die die Menschen bewegen. Die Mehrheit der Menschen will eine Veränderung im Land. Offen ist, wer nächster Bundeskanzler wird. Zwar ist davon auszugehen, dass Kurz mit der Regierungsbildung beauftragt wird. Es könnten aber auch SPÖ und FPÖ eine Koalition bilden. Es bleibt spannend."

(APA)

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 24.07.2019 um 08:30 auf https://www.salzburg24.at/archiv/oesterreichische-pressestimmen-zum-wahlausgang-57114400

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