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"Rapper Romeo" und "Independent Julia" im Schauspielhaus

Irgendwann versuchen es alle. Kein Theater und kein Regisseur, die auf die Dauer die Finger lassen könnten von der Liebesgeschichte aller Liebesgeschichten. 

William Shakespeares “Romeo und Julia” gehört, das sei hier einfach einmal behauptet, zu den weltweit meist gespielten Stücken der vergangenen 400 Jahre. Daher darf Romeo längst nicht mehr Romeo sein und Julia längst nicht mehr einfach Julia. Eigenständig, unverwechselbar und persönlich muss sie sein, die Sicht auf den besten Schmachtfetzen der Weltliteratur. Auch das Schauspielhaus Salzburg konnte sich dem nicht entziehen und hat mit Catharina Fillers eine Regisseurin verpflichtet, die das Drama am Kragen packte und versuchte, es in die Gegenwart zu holen. Am Donnerstagabend war die Premiere.

Es begann wie die West Side Story. Die Capulets und Montagues stehen sich als Rowdy-Gangs gegenüber, pöbeln herum und zücken Springmesser. Bald rappen die Halbstarken mit gereimten Original-Sätzen aus der Renaissance und fegen durch eine wunderbare Mischung von Jahrhunderte auseinanderliegenden textlichen Eigenheiten und sprachlichen Moden. Emotional starke Independent-Sounds, Lounge-Grooves und leichtfüßige Party-Atmosphäre in den verschiedenen Spielarten von Nachkriegs-Unterhaltung heben die Stimmung. Jugendlich-sportliche Choreographien der Schauspielhaus-Helden verbinden sich mit skurril-witzigen Kostümen von Susanne Ellinghaus, die den Verliebten und ihren verbohrt hassenden Mitspielern eine freche Mischung aus Rapper-Look und zeitloser Spießigkeit übergestülpt hat. Es hätte ein guter Theaterabend Abend werden können.

Doch mit dem Fortschreiten der Handlung vom Rahmen in den Kern des Liebesdramas entlarvte Shakespeare selbst alles bis dahin gezeigte als bloße Oberfläche. In der Innigkeit der alles überflutenden Liebe funktionierte das Design nicht mehr. Existenzielle Leidenschaft und Gag vertragen sich nicht. Catharina Fillers hat das gewusst und sich aus dem Staub gemacht. Romeo und Julia waren zunehmend sich selbst überlassen.

Der Form dieses ambitionierten Modernisierungsversuches gänzlich beraubt, stand der Theaterabend plötzlich nackt da. Shakespeares Sätze waren plötzlich nur noch Shakespeares Sätze. Zeitlos, grandios – aber plötzlich so unendlich oft gehört, ein wenig verbraucht und gänzlich ohne treibende Energie – der Anfangs-Pfiff von einem tiefen Seufzer übertönt. So leicht lässt sich Shakespeare eben doch nicht in Pop verwandeln.

Die Spieler haben ihre Sache gut gemacht, immer wieder überrascht das Schauspielhaus mit Talenten aus der hauseigenen Schauspielschule. Maria Spanring etwa gab eine sprachlich gute Julia, sowohl in der komödiantisch-peppigen “Romeo und Julia”-Show, als auch in der klassischen Liebestragödie. “Romeo” Manuel Löwensberg brillierte vor allem im ersten Teil mit körperlicher Beweglichkeit, zeigte aber Schwächen in der klassischen Sprachbehandlung. Trotzdem eine recht gute Besetzung.

“Der Alte” Georg Reiter als Capulet, Ulrike Arp als dessen Frau und Marcus Marotte als Montague haben ebenso unterhalten wie Sven Kaschte und Thomas Pfertner als die Rabauken Tybalt und Mercutio. Florian Eisner (Paris), Oliver Hildebrandt (Pater Lorenzo) und Ogün Derendeli (Fürst) komplettierten ein insgesamt gutes Ensemble, in dem viele dort ihre Grenzen fanden, wo Shakespeare pur zu spielen gewesen wäre. Insgesamt ist diese Produktion auf halben Weg in die Moderne versandet und – allen wirklich berührenden Momenten zum Trotz – an Meister Shakespeare selbst gescheitert.

(Von Christoph Lindenbauer/APA)

William Shakespeares “Romeo und Julia” im Schauspielhaus Salzburg. Regie: Catharina Fillers, Ausstattung: Susanne Ellinghaus. Mit: Georg Reiter, Ulrike Arp, Maria Spanring, Sven Kaschte, Benedikt Vyplel, Marcus Marotte, Manuel Löwensberg, Oliver Hildebrandt, Ogün Derendeli, Florian Eisner und Thomas Pfertner. Details zu den weiteren Vorstellungen und Eintrittspreisen unter 0662 / 8085-0 und http://www.schauspielhaus-salzburg.at.

 

(Quelle: S24)

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