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Salzburger Festspiele: Dichter zu Gast Daniel Kehlmann las aus "Ruhm"

Keine Frage, Daniel Kehlmanns Festspielrede war eine der dürftigsten seit Jahren. Prügel für den Interpretationsstil des deutschen Regietheaters kommen, wenn überhaupt, um Jahre zu spät und haben als Beitrag zur gesellschaftlichen und kulturellen Lage der Welt keinen Funken an Relevanz.

Aber Kehlmanns Bücher werden – unterschiedlichen Rezensionen zum Trotz – vom Publikum förmlich verschlungen. Auch “Ruhm”, Kehlmanns im Jänner bei Rowohlt erschienener Roman, führte wochenlang die deutschen Bestsellerlisten an. Nicht zu Unrecht, wie auch das Publikum der Salzburger Festspiele am Montagabend im Landestheater feststellen konnte.

“Ruhm” ist ein Roman in neun Geschichten, und zwei davon hat der “Dichter zu Gast” dieses Festspielsommers gestern vorgelesen. Kehlmann begann mit “Rosalie geht sterben”, und er brauchte keine drei Sätze, um diese Figur zum Angreifen plastisch darzustellen. Kehlmanns krebskranke alte Frau reist in eine Sterbehilfe-Wohnung nach Zürich. Immer wieder versucht die zum Sterben bereite und doch im Leben so verwurzelte Rosalie mit ihrem Autor und Schöpfer, also Kehlmann, zu verhandeln. Und der lässt sich erweichen, schenkt ihr Heilung, Jugend und als Draufgabe auch noch Schönheit, nicht ohne selbst nach der Gnade zu schielen.

Kehlmanns Spiel mit den verschiedenen Ebenen von Realität ist virtuos. Er schafft seine Wirklichkeiten wie ein Marionettenspieler, der weiß, dass er selbst am Faden hängt. Witzig, sarkastisch, locker, todernst und dennoch massentauglich. So auch die in Chat-Sprache verfasste Erzählung vom Internetjunkie, der als Wirklichkeitsflüchtling im Buche steht und Teil einer ganz anderen Geschichte werden will – aber “voller Container und exciting wie Sau”.

Knapp, präzis und auf den Punkt gebracht, das sind Kehlmanns Texte, und das war auch seine nur gut einstündige Lesung. Perfekt, alle waren begeistert. Schade nur, dass dieser kluge junge Kopf seine Festspielrede so billig gegeben hat.

Salzburgs “Dichter zu Gast” hat zusammen mit Schauspielchef Thomas Oberender insgesamt sieben Veranstaltungen kuratiert. So steht ein Abend mit dem Zauberkünstler Juan Tamariz (2. August) ebenso auf dem Programm wie Lesungen und Künstlergespräche mit Tom Stoppard (3. August), Adam Thirlwell, (5. August), Michael Maar (8. August) oder Georg Kreisler (10. August).

(Von Christoph Lindenbauer/APA)

 Daniel Kehlmann: “Ruhm”. Ein Roman in neun Geschichten. Verlag Rowohlt, 2009. 208 Seiten. Salzburger Festspiele: 0662 / 8045-0, http://www.salzburgfestival.at.

(Quelle: S24)

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