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Salzburger Festspiele: Reaktionen und Pressestimmen zu Kehlmanns Rede

Mit seiner Kritik am deutschsprachigen Regietheater in seiner Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele hat Daniel Kehlmann in den Feuilletons der vergangenen Tage für Kontroversen gesorgt.

Uneinigkeit herrscht unter Kommentatoren und Theatermachern, ob Kehlmanns Vorwürfe zur “drastischen Verfremdung” von Theatertexten durch Regisseure als “unglaublicher Schwachsinn”, “pauschales Verschwörungsgedudel” oder “gut und wichtig für die sich selbstüberschätzende momentane Theaterszene” zu werten sind – oder ob gar das Theater selbst “gesunkenes Kulturgut” ist. Kehlmann, von der APA um ein Gespräch gebeten, möchte vorerst keine Stellungnahme abgeben und verwies auf ein in der kommenden Ausgabe des “Spiegel” erscheinendes Interview.

Von einem “unglaublichen Schwachsinn, dem etwas peinlich Privates anhaftet”, spricht Regisseur Claus Guth, dessen “Cosi fan tutte” heute Abend in Salzburg Premiere feiert, in der Donnerstagausgabe des “Kurier”. Scharfe Kritik wird auch im “Hamburger Abendblatt” laut, wo der Intendant des Deutschen Theaters Berlin, Ulrich Khuon, Kehlmanns Rede als “pauschales Verschwörungsgedudel” verurteilt. “Es ist unverantwortlich, dies an einer Stelle wie der Eröffnung der Salzburger Festspiele zu tun.” Frank Baumbauer, ehemaliger Intendant der Münchner Kammerspiele meint: “Es gibt kein Regietheater. Es gibt nur gutes oder schlechtes Theater” und wünscht sich: “Daniel Kehlmann soll bitte solche Reden nicht mehr halten.”

“Aber wer wollte Daniel Kehlmann böse sein für den Schmarren, den er da (…) verzapft hat”, heißt es in einem Kommentar von Christian Bos im “Kölner Stadtanzeiger”, in dem die “berufliche Malaise” seines Vaters als Hauptmotiv des Autors vermutet wird. Auch die “Berliner Zeitung” ortet unter dem Titel “Alles Idioten, außer Papa” in Kehlmanns Rede “mehr ein familienpsychologisches denn ein theaterkritisches Dokument”: Nachdem der “mächtige Vater” als Regisseur keine Erfolge mehr verbuchen konnte habe es der Sohn “in Salzburg den Ungläubigen heimgezahlt. Diesen schon irrwitzig subjektiven Ausgangspunkt seiner Kritik nicht unterschlagen zu haben, das hat doch schon wieder Größe.”

Zu einem Abgesang auf das Theater selbst holt Tilman Krause in der “Welt” aus: Kehlmanns Rede sei “in allem richtig. Aber nur ein Punkt ist wirklich interessant.” Nämlich dass Kehlmann sich “nicht einmal mehr die Mühe gibt, anhand von Beispielen seine Thesen zu untermauern”. Woraus der Kommentator schließt: “Regietheater ist Unsinn – das versteht sich von selbst.” Theater überhaupt sei “gesunkenes Kulturgut, von unserer Überflussgesellschaft verwaltet, nicht gestaltet. Es hat seine Zeit gehabt.”

Ganz umgekehrt wird in der “Kölnischen Rundschau” argumentiert: Mit gelungenen Arbeiten des von Kehlmann so angegriffenen “entstellenden” Regietheaters – darunter auch Martin Kusejs Wiener Inszenierung des “Weibsteufel” die “in ihrer psychologischen Präzision” fast so aussieht “als wäre sie von Andrea Breth.” Diese wiederum stellt sich in den “Salzburger Nachrichten” jedoch hinter Kehlmann und befindet seine Rede als “gut und wichtig für die sich selbstüberschätzende momentane Theaterszene”. Sie selbst, bekannt für ihre Textgenauigkeit, findet es “in der Tat verwerflich, Stücke der Weltliteratur so zu verstümpern, dass sie nicht mehr zu erkennen sind.” Die “sogenannten modernen Regisseure werden diese Rede verdammen, da sie sich ja sonst ernsthaft mit sich selbst auseinandersetzen müssten”, so die Regisseurin, deren Inszenierung von Dostojewskis “Verbrechen und Strafe” ab 18. August in Salzburg wieder aufgenommen wird.

Versöhnlichere Stimmen sind in den “SN” auch mit dem Salzburger Schauspielchef Thomas Oberender versammelt, der in der Rede “bei genauerer Betrachtung” weniger eine “Abrechnung mit dem Regietheater als eine Warnung vor einem repressiven kulturellen Klima” zu erkennen vermeint. “Das verstehe ich gut, das ist mir herzensnah.” Die “Einseitigkeit seiner Rede scheint mir verbunden zu sein mit einem biografischen Schmerz”, so Oberender, der soeben ein feinsinniges Buch über Theater vorgelegt hat (“Leben auf Probe”, Hanser Verlag). Dass Kehlmann Max Reinhardt “als Kronzeugen für seinen Protest” aufgerufen habe, sei allerdings nicht schlüssig: “Denn Max Reinhardt war letztlich der Erfinder des Regietheaters.”

Aus Salzburg meldet sich im “Hamburger Abendblatt” auch Jürgen Flimm verständnisvoll zu Wort: “Ich war von der Rede sehr berührt”, so der Festspiel-Intendant. “Man merkt, dass der Junge Daniel damals sehr gelitten hat, als es seinem Vater nicht gut ging.” Inhaltlich habe Kehlmann aber “nicht in dem Maß recht, wie er es gern hätte”. Matthias Hartmann, Intendant des Wiener Burgtheaters, hegt “große Sympathie” für Kehlmann und würde sich freuen, wenn er etwas für das Theater schriebe. “Leider macht er aus seiner Ideologiekritik eine neue Ideologie”: “Regietheater ist genauso wichtig und notwendig wie der Dienst am Autor. (…) Nur weil das Regietheater oft langweilig geworden ist, darf man es nicht grundsätzlich verdammen.”

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 15.05.2021 um 02:31 auf https://www.salzburg24.at/archiv/salzburger-festspiele-reaktionen-und-pressestimmen-zu-kehlmanns-rede-59622208

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