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Salzburger Festspiele: Sakrale, intime und gigantische Nono-Oper

Über hundert Musiker, Sänger, Schauspieler und vor allem Kameraleute und Kabelträger verwandeln die riesige Bühne der Felsenreitschule in einen futuristischen Ameisenhaufen. Bühnenbildnerin Vicki Mortimer hat die Arkaden zugeklebt und den Raum in eine Höhle ohne Ausgang verwandelt.

Auf einer enormen, grau-schraffierten Leinwand gibt es von Leo Warner und Sebastian Pircher koordinierte, live gedrehte und geschnittene Bilder zu sehen. Die kommen aus fünf eisernen Kammern, in denen fünf Frauen arbeiten, leben und leiden. Und dazu: Musik von Luigi Nono für großes Orchester, Chor und Solisten. “Al gran sole carico d’amore” hat am Sonntagabend bei den Salzburger Festspielen seine Premiere erlebt.

Erst dreimal ist Luigi Nonos große Oper “Al gran sole carico d’amore”, übersetzt, “Unter der großen Sonne, mit Liebe beladen”, in Szene gesetzt worden. Einmal bei der Uraufführung 1975 in Mailand. Dann 1978 in Frankfurt von Jürgen Flimm und dann 1998 von Martin Kusej in Stuttgart. Die Salzburger Premiere dieser Azione scenica über die weibliche Seite der kommunistischen Hoffnung ist also erst die vierte Inszenierung in der Operngeschichte. Und das Salzburger Publikum hat dieses gigantische und zugleich intime Spektakel, in dem auf fast sakrale Art und Weise das Lebensgefühl des kommunistischen Ideals und der Frauen dieser großen sozialen Idee beschworen werden, aus gutem Grund einhellig beklatscht.

Louise Michel, die Vorkämpferin der Pariser Commune des Jahres 1871, hantiert mit einem Vorderlader. Tania Bunke, Guerilla-Kampfgenossin von Che Guevara und Fidel Castro, hackt Ausspioniertes in eine klapprige Schreibmaschine. Eine Mutter aus Russland und eine Mutter aus Turin warten auf ihre Klassenkampf-Söhne und färben Tücher rot. Die Hure Deola leidet stumm und verweigert sich den reichen Freiern, die sie aussaugen bis aufs Blut. Am Ende wird sie doch schwanger und schwelgt im kommenden Mutterglück.

Luigi Nonos Werk ist keine Oper im herkömmlichen Sinn. Es gibt weder Handlung noch Interaktion der Figuren. Der Text ist eine Zitaten-Sammlung von Autoren wie Lenin, Marx, Castro, Brecht, Gorki, Che Guevara, Rimbaud oder Pavese. Im Mittelpunkt stehen fünf historische oder fiktive Frauen, die in die geschichtlichen Schlüssel-Ereignisse des Kommunismus verwickelt waren.

Katie Mitchell versucht, diese kämpferischen oder passiv-leidenden Frauenfiguren mit Schauspielerinnen und Live-Kameras greifbar zu machen. In aufwendiger als auch eindringlicher Bildersprache holt Mitchell dieses Leiden und Hoffen, Wütend-sein und Resignieren ganz nahe heran ans Premierenpublikum. Großformatige Gesichter und Alltagsszenen, randvoll mit drastischer Symbolik der Armut und des Aufstandes auf weibliche Art. Und doch: Die Gebete und all die Inhalte sozialer Hoffnungen bleiben abstrakt, Persönlichkeitsbilder der linken Frauen entstehen nicht. Die bleiben Flickwerk, Blitzlicht und Collage. Wie die Texte des Librettos auch.

Anfangs klingt Nono wie einer, der sich sträubt gegen das Gehört-werden. Schrill, krass, eruptiv und undurchdringlich wirken die Klangkonstruktionen des großen, 1990 gestorbenen Venezianers. Aber wer eintaucht in die harte Schale hört atemberaubend Kühnes. Hört Klangfarben, Witz, Rhythmen (manchmal sogar zwei Rhythmen gleichzeitig), fesselnde Motive und vor allem musikalisch extrem dichte Atmosphäre. Dazwischen stehen Ingo Metzmacher, die Wiener Philharmoniker, die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, sowie zwölf Solo-Sänger.

Metzmacher führt souverän durch die hoch komplizierte Partitur. Die Philharmoniker haben hervorragend gearbeitet und nicht nur den schwer lesbaren Notentext in verständlichen Klang verwandelt, sondern vor allem auch die rekonstruierten Original-Tonbänder nahtlos ins Klangbild integriert. Unterm Strich: Ein außergewöhnliches, wiewohl hoch anspruchsvolles Opern-Ereignis mit politischen, musikalischen, ästhetischen und szenischen Ecken und Kanten.

(Von Christoph Lindenbauer/APA)

“Al gran sole carico d’amore”, azione scenica in zwei Teilen von Luigi Nono. Koproduktion der Staatsoper Unter den Linden in Berlin und der Salzburger Festspiele. Felsenreitschule. Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher. Es musizierten die Wiener Philharmoniker und die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor. Regie: Katie Mitchell, Bühnenbild und Kostüme: Vicki Mortimer. Live-Videos koordiniert von Leo Warner und Sebastian Pircher. Die Schauspieler: Susan Bickley, Julia Wieninger, Birgit Walter, Laura Sundermann, Christopher Purves, Helena Lymbery und Andre Schuen. Die Sänger: Elin Rombo, Anna Prohaska, Tanja Andrijic, Sarah Tynan, Virpi Räisänen, Susan Bickley, Peter Hoare, Christopher Purves, Andre Schuen, Thomas Köber und Max Lütgendorff. Die weiteren Aufführungen: 6., 9. und 14. August. 0662 / 8045-0 oder http://www.salzburgfestival.at.
(Quelle: S24)

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