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Salzburger Festspiele: Wiener Philharmoniker und Einpeitscher Dudamel

Der Sommer war lang für die Wiener Philharmoniker. Vier Opern, fünf große Konzertprogramme sowie Musikcamps für junge Musiker und Nachwuchs­philharmoniker, und dabei sind die vielen Nebenjobs mit diversen Ensembles noch gar nicht mitgezählt.

Arbeitsüberlastung kann aber nicht auf das Publikum abgewälzt werden, schließlich sind die Eintrittskarten genau so teuer wie am Anfang der Festspiele. Dass das fünfte große philharmonische Konzertprogramm am Donnerstagabend im Großen Festspielhaus nicht zu einem verschlafenen After-work-Gefiedel verkam, haben die Gäste aus Wien zwei Leuten zu verdanken. Ihrem Dirigenten Gustavo Dudamel und dem Geiger Nikolaj Znaider.

Der eine packte das Violin-Konzert von Tschaikowski derart resolut bei den Hörnern, dass es eine Freude war. Znaider pfiff auf Perfektionismus. Aber dafür entlockte er seiner Guaneri-Geige himmlischen Schmelz, kostete die göttlichen Hauptthemen dieses Konzertes aus und zelebrierte die hochvirtuosen Passagen mit unglaublicher Lockerheit. Immer schien er drüber zu stehen über den technischen Schwierigkeiten. Und so blieb ihm die Kraft, das Konzert lustvoll über die Rampe zu schmeißen und Katz und Maus zu spielen mit Tschaikowski und den Philharmonikern, die kaum noch wussten, wie ihnen geschah.

Wie eine weiche, träge Masse stolperte das Orchester hinterher und reagierte fast immer spät und unbeweglich. An Gustavo Dudamel lag das nicht, er gab genaue Zeichen und kommunizierte blitzwach mit dem Solisten. Aber die Wiener Philharmoniker schienen irgendwie gar nicht mehr in Salzburg zu sein.

So begann auch Strawinskys “Le sacre du printemps” nach der Pause. Aber von Bild zu Bild gelang es Dudamel besser, sein Orchester aufzuwecken und mitzureißen. Grandios, wie der 28-Jährige die Musik im Körper hat. Wie unter Strom tanzte er die vor allem rhythmisch so komplexe Partitur vor, gab jeden Akzent mit ekstatischem und doch kontrolliertem Ganzkörpereinsatz und “peitschte” das Orchester unter die kalte Morgendusche, so dass für die Musiker an beschaulich-verkuscheltes Abspielen eines Routine-Programms wohl nicht mehr zu denken war.

So entwickelte sich nach und nach ein klangfarblich düsterer, aber doch zunehmend kraftvoller Strawinsky, in dem die Bläser noch einmal Luft holten, die Schlagzeuger das Schwitzen nicht scheuten und auch die Streicher sich zum Benützen des vollen Bogens aufrafften. Kratzig wie es sein soll, auch gelegentlich wuchtig und fett war dieses Frühlingsopfer, für das sich die Wiener Philharmoniker den Schlussapplaus dann doch noch redlich verdient haben. Zu danken war das dem feurig-pulsierenden Dirigenten aus Venezuela, der sich weniger ausgelaugte Musiker für sein philharmonisches Debüt durchaus verdient hätte.

(Von Christoph Lindenbauer/APA)
(Quelle: S24)

Aufgerufen am 07.05.2021 um 12:01 auf https://www.salzburg24.at/archiv/salzburger-festspiele-wiener-philharmoniker-und-einpeitscher-dudamel-59623801

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