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Salzburger Festspiele: Young Directors Project startete mit Road-Movie

Theater ohne Bewegung mit entmaterialisierten Schauspielern. Enge, telefonzellenartige Räume, spärlich düstere Beleuchtung und abgrundtiefe Tristesse. Dieses Bühnenkonzept hat Autor und Regisseur Kenneth Collins mit einem durchgehenden Film zu “Welcome to Nowhere” kombiniert.

Der erste von vier Beiträgen zum diesjährigen “Young Directors Project”, der experimentellen Theaterschiene der Salzburger Festspiele, ist ein Roadmovie im Theaterformat. Am Dienstagabend war die Premiere im Salzburger Republic.

Es geht um Sex, Vergewaltigung, Mord, die Freiheit der Straße, die Einsamkeit des Trampers, die Unfähigkeit zu lieben und die Sehnsucht nach ganz normalem Leben. 70 Minuten lang sind Straße, Landschaften, wortlos-traurige Helden und stumme Gewalttätigkeiten auf der Leinwand zu sehen. Die Film-Schauspieler stehen darunter auf der Bühne und besprechen den Film wie körperlose Synchron-Sprecher im Filmstudio. Ohne Aktion, auf engstem Raum und ohne direktes Spiel miteinander. Das ist die Performance der Theatergruppe Temporary Distortion aus New York für die Salzburger Festspiele.

Tief und düster ist die Stimmung. Unendlich melancholisch kommen die Texte von Hippies, Truckern, Trampern und Huren. Erzählt wird nicht linear. Von allen Seiten wird das Lebensgefühl hoch stilisierter Einsamkeit, in der die hohle Sprachlosigkeit bedeutungsschwanger wirkt, beleuchtet. Der Sexualmord erscheint als einziger Ausweg, sich als Mensch zu fühlen und Nähe zu erleben. Amerikanisch bis zum Abwinken und beseelt von einer schwarz-weißen Todessehnsucht, wie sie das große US-Kino seit Jahrzehnten formuliert. In “Dead Man” von Jim Jarmusch hat dieses Lebensgefühl einen filmischen Höhepunkt erlebt.

Formal aber war diese Performance durchaus spannend. Der durchgehende Film hat nichts mit der allgegenwärtigen Videoästhetik zu tun. Kino trifft auf Hörspiel mit Live-Songs, sie beschnuppern sich und versuchen es miteinander. Das Theater ist der Raum dafür, wie ein Motel für Durchreisende, namenlos und anonym.

Auch wenn “Welcome to Nowhere” weder dauerhaft brauchbare Theater-Alternativen aufzeigt, noch für sich gesehen atemberaubendes Theater war: Den Umgang der Festspiele, des Premierenpublikums und der Medien haben die Schauspieler nicht verdient. Sofort nach Ende der Vorstellung, als der ohnehin spärliche Applaus einsetzte, stürzten sich fünf, sechs Fernsehteams und ein Rudel Fotografen auf die Premieren-Promis im Publikum, knallten ihre Spots auf Eliette von Karajan, Anja Kruse, Michael Schade, Sunnyi Melles, Stripperin Dita von Teese, Christiane Hörbiger und Konsorten und ignorierten die sich im Gegenlicht kaum sichtbar verbeugenden Künstler. Absolut peinlich. Damit hat Salzburg drastisch klar gemacht, worum es wirklich geht bei den Festspielen.

(Von Christoph Lindenbauer/APA)

Weitere Vorstellungen im republic: 30., 31.7., 1.8., 20 Uhr, Karten: 0662 / 8045 – 500, http://www.salzburgerfestspiele.at.

(Quelle: S24)

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