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Sinnliche Trockenheit: Chetturs "Beautiful Things" in Salzburg

Es war, als würden Außerirdische mit ihren menschlichen Marionetten testen, wie sich deren Körper bewegen lassen. Als betrieben sie eine mathematisch trockene Analyse menschlicher Beweglichkeit, um die Parameter für ein Roboter-Softwareprogramm zu berechnen.

“Beautiful Things 1” der indischen Choreographin Padmini Chettur war dennoch alles andere als eine unsinnliche, rein technische Kopfgeburt. Denn die tanzenden Versuchskaninchen zerrten sich zurück ins Menschsein und in den Tod. Am Dienstagabend wurde “Beautiful Things 1” bei der Sommerszene Salzburg uraufgeführt.Sechs Frauen bewegten einzelne Körperteile und erläuterten ihre Versuchsanordnung – ein wenig, als würden Lipizzaner dressiert. Erst Schulter, dann Hüfte, Knie oder schließlich Kopf. Arithmetisch, mechanisch und knochentrocken hat Padmini ihre Gruppe synchronisiert und im ersten Teil dieses 65-minütigen Tanzes so etwas wie Sinnlichkeit gar nicht aufkommen lassen. Aber dann brachen die Tänzer aus, nein schlitterten in eine Zeitlupe, rissen aneinander und meditierten so die Kopflastigkeit zurück in die Erde – ein Kontrabass hat es so gewollt.

Die minimalistische, feinfühlig-perkussive Musik von Maarten Visser hat die Anleitung dazu gegeben für das Brechen einer Strukturanalyse in einen sinnlich-existenziellen Kraftakt. Rhythmisch eindringliches Klopfen auf Saxofon und Posaune und vor allem die Urgewalt des ganz tiefen Streichinstrumentes erzeugten einen Sog, dem die trockene Mechanik bei aller Konsequenz auf Dauer nicht gewachsen war. “Beautiful Things 1” heißt Padminis erstmals gezeigte Arbeit. Aber dieser Titel verharmlost. Denn die Inderin hat nicht nur formale Schönheit geschaffen, sondern die Mathematik des Menschseins über irdisch-fleischliche Abgründe gehängt. Die Spärlichkeit des Applauses wird wohl an der Ruhe des Stücks und an der Betroffenheit des Publikums gelegen sein.

(Von Christoph Lindenbauer/APA)  “Beautiful Things 1”, Choreographie von Padmini Chettur, uraufgeführt bei der Sommerszene Salzburg. Koproduktion der Szene Salzburg, dem Theatre de la Ville in Frankreich und der Asia Pacific Week in Berlin. Info: http://www.sommerszene.net.
(Quelle: S24)

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