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Spiel der Woche: Lost-Club-Special FC Guter Nachbar

Eine absolute Besonderheit stellte der FC Guter Nachbar im Salzburger Fußball dar. Der Verein beschränkte sich ausschließlich auf die Nachwuchsarbeit und kann als eine Art Vorläufer heutiger Fußballakademien angesehen werden. Bilanz FC Guter Nachbar [.pdf – 109KB]

FC Guter Nachbar Salzburg Homepage: www.inselsalzburg.at Dachverband: – 1950: gegründet als FC Haus der Jugend, 1952: Umbenennung in FC Guter Nachbar, 19.07.1965: Rückzug vom Spielbetrieb und Auflösung Sportanlage: seit 1950 Sportanlage Haus der Jugend, Alpenstraße Salzburg Erfolge: 3 Meistertitel in den Nachwuchsbewerben des Salzburger Fußballverbandes; 1958/59 (Jugend B und Schüler B), 1964/65 (Schüler B)

Die Gründung des Hauses der Jugend geht zurück auf die amerikanische Militärverwaltung, die 1947 das Gelände des ehemaligen Landes-Schießstandes an der Alpenstraße adaptiert und ein Youth Center nach amerikanischem Vorbild errichtet hatte. Die Amerikaner stellten den Salzburger Jugendlichen professionelle Freizeiteinrichtungen zur Verfügung und versuchten nach den Grundsätzen der Re-Education nebenbei auch demokratische Ideale zu vermitteln. Für den Bau der entsprechenden Infrastruktur wurden 3 Millionen Schilling zur Verfügung gestellt. Neben dem 1950 eröffneten Haus der Jugend umfasste die Anlage einen großzügigen Sportplatz und ein nach damaligen Maßstäben ultramodernes Schwimmbad (der Name AYA-Bad verweist heute noch auf die Gründung durch die American Youth Association), da dem Sport im Rahmen der Freizeitgestaltung für die Jugendlichen eine wichtige Rolle beigemessen wurde.

Sportliche Großereignisse waren in der Anfangsphase vor allem Seifenkistenrennen, die in Maria Plain veranstaltet wurden und bis zu 20.000 Zuschauer anlockten. Auch Fußball wurde bereits unmittelbar nach Eröffnung der Anlage gespielt. 1951 wurde der FC Haus der Jugend als Schutzverein in den Salzburger Fußballverband aufgenommen. Die Besonderheit des Vereins mit dem für Fußballvereine untypischen Namen: Man verzichtete darauf, eine Kampfmannschaft zu stellen und beschränkte sich ausschließlich auf die Nachwuchsarbeit.

Die Premiere für den FC Haus der Jugend in den Nachwuchsmeisterschaften erfolgte im Herbst 1950 und verlief zunächst alles andere als viel versprechend. Gegen die starken Stadtvereine SAK 1914 und UFC Salzburg setzte es sowohl für die Jugend- als auch für die Schülermannschaft zweistellige Niederlagen. Leichter tat sich der Verein in der Anfangsphase gegen Flachgauer Mannschaften. Hier konnte man die Niederlagen in erträglichen Grenzen halten. Und im Mai 1951 konnte der FC Haus der Jugend mit Siegen gegen Viktoria Salzburg und dem SV Bürmoos die ersten Punkte einfahren.

Nach der Gründung der Good Neighbour Society durch den amerikanischen AYA-Offizier Tam Deering wurde der Fußballklub umbenannt und heißt seither FC Guter Nachbar. Auch sportlich erfolgte eine Weiterentwicklung. 1952/53 bilanzierten Jugend- wie Schülermannschaft bereits positiv. In der Folgesaison belegte das Jugendteam hinter Austria Salzburg den zweiten Platz in der Gruppe A, und mit einem 5:1 Heimerfolg fügte man dem späteren Meister die einzige Niederlage zu. Im gleichen Jahr konnte der FC Guter Nachbar auch eine Knabenmannschaft auf die Beine stellen, die jedoch nach nur einer Saison wieder verschwand. Ebenso wie der Gesamtverein, der 1954/55 an keiner Meisterschaft teilnahm.

Die Jahre nach dem Wiedereinstieg in die Meisterschaften im Herbst 1955 verliefen zäh. Zwar konnte der FC Guter Nachbar nun dann und wann auch eine Juniorenmannschaft stellen, sportlich stagnierte der Verein. Mit Josef Aglassinger erhielt der FC Guter Nachbar im Frühjahr 1957 aber einen Coach, der das Training intensivierte und bei der Fußballjugend für Disziplin sorgte. Wer beim Training während der Woche fehlte, spielte am Sonntag einfach nicht. Die Folge: In der Saison 1958/59 konnte der Verein seinen größten Erfolg feiern. Sowohl Jugend als auch Schülermannschaft wurden in ihren Gruppen überlegen Meister, die Schülermannschaft sogar ungeschlagen. Mit diesen Erfolgen hatte sich der FC Guter Nachbar endgültig unter den Spitzenteams im Salzburger Fußballnachwuchs etabliert. Auch wenn in den Folgejahren weitere Meistertitel ausblieben, platzierte man sich doch zumeist im Vorderfeld und lieferte sich mit dem Nachwuchs-Serienmeister Austria Salzburg packende Duelle. Höhepunkt war Anfang der sechziger Jahre ein 5:0-Erfolg über die Juniorenmannschaft von Bayern München, wo ein gewisser Franz Beckenbauer eben am Beginn seiner Karriere stand.

Der FC Guter Nachbar kann zwar mit keinem Spieler dieses Kalibers aufwarten, mit Bernd Langgruber wurde aber zumindest eine lokale Salzburger Fußballgröße aufgebaut. Langgruber wurde Ende der fünfziger Jahre als Straßenkicker von Funktionären des Guten Nachbarn zum Verein geholt. „Das professionelle Umfeld, die Anlage mit Sportplatz, Schwimmbad und Trainingshalle war eine richtige Idylle und damals keineswegs alltäglich“ hat der spätere Auswahlspieler seinen Stammverein nicht vergessen. „Weil der Verein keine Kampfmannschaft stellte, war man mit 18 automatisch frei und wurde von anderen Vereinen entsprechend umworben“. Langgruber, der mehrmals in das österreichische Amateur-Nationalteam einberufen wurde, landete zunächst beim USK Anif, danach bei WSG Wattens, ehe er mit Austria Salzburg 1970/71 den Vizemeistertitel in der Nationalliga feiern konnte.

Das Aus für den FC Guter Nachbar Mitte der sechziger Jahre kam überraschend. In der Saison 1964/65 sorgte die Schülermannschaft noch für einen weiteren Meistertitel. Das letzte Spiel bestritten die Junioren am 11. Juli 1965, ein Nachtragspiel gegen den TSV St. Johann wurde im Pongau mit 2:4 verloren. Einige Tage später gab der Verein in einer lapidaren Mitteilung seine Auflösung wegen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit einer Platzrenovierung bekannt.

Den Fußballplatz an der Alpenstraße gibt es schon seit mehreren Jahren nicht mehr. Der Trägerverein existiert weiter und ist nach einer Neustrukturierung Mitte der neunziger Jahre und einigen baulichen Veränderungen am Haus der Jugend nach wie vor Anziehungspunkt für zahlreiche Salzburger Jugendliche. Man versteht sich nun als Insel für über hundert Kinder, denen nach wie vor hoch professionelle Nachmittags- und Freizeitbetreuung geboten wird. Was nicht einmal Red Bull Salzburg verborgen geblieben ist. Seit mehreren Jahren legt der Salzburger Großverein die Betreuung seiner hoffnungsvollen Nachwuchskicker in die Hände des Vereins, der mittlerweile auf sechzig Jahre Erfahrung in Sachen Jugendarbeit zurückblicken kann. So bleibt zumindest ein kleiner Teil der fußballhistorischen Bedeutung eines wohl einzigartigen Nachwuchsprojekts erhalten. (me&rs)

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 07.05.2021 um 09:12 auf https://www.salzburg24.at/archiv/spiel-der-woche-lost-club-special-fc-guter-nachbar-59609350

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