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"Tod in Venedig" von Benjamin Britten in Salzburg

Leicht hat es Benjamin Britten (1913-1976) seinem Publikum nicht gemacht: “Tod in Venedig” nach der Novelle von Thomas Mann ist Brittens letztes Bühnenwerk und wird selbst in Opernführern als “sperrig und nicht leicht zugänglich” beschrieben.

Tatsächlich gibt es weder dramatische Höhepunkte in dieser zweieinhalbstündigen Oper aus dem Jahr 1973 noch eine Story, mit der sich szenisch punkten ließe. Dennoch hat das Salzburger Landestheater diese Herausforderung angenommen und einen kompakten Opernabend zustande gebracht. Die lange beklatschte Premiere war am Sonntag, Abend.

Das Publikum muss den Opernführer auch gelesen haben und ist ausgeblieben. Die gestrige Premiere war schlecht besucht, obwohl das Landestheater mit seinen beiden Britten-Produktionen (“Turn of the Screw”, 2005 und “Albert Hearing”, 2007) eine stilsichere und gute Hand für die Opern des großen Briten bewiesen hat. So auch gestern. Regisseur Stephen Medcalf hat das ruhig fließende Stück Literatur in Szene gesetzt, nicht überfrachtet mit Bildern, sondern – nahe an der zeitlichen und örtlichen Vorlage – traditionell, aber nicht bieder veranschaulicht. Jamie Vartan ist ihm als Kostüm- und Bühnenbildner zur Seite gestanden und hat das diesmal groß besetzte Mozarteum Orchester permanent sichtbar auf der Bühne platziert. Damit rückte die ein wenig blasse Handlung bis ganz an die erste Reihe des Publikums heran.

Ein erfolgreicher Schriftsteller reist nach Venedig, um Schaffenskrise und Einsamkeit zu überwinden. Dort verliebt er sich in einen blutjungen Burschen, fast noch Knaben, schlittert in eine moralisch-ethische Krise und stirbt schließlich an der Cholera. Aber diese Entwicklungs-Stadien einer Persönlichkeit werden von Britten nicht illustriert. Die Musik bleibt emotional abstrakt, obwohl Britten durchaus tonal komponiert hat. Mit einer Vielzahl greifbarer, klarer Motive hat er ein zugleich angenehmes wie harmonisch abgründiges Klanggeflecht geschaffen. Aber halt nicht dramatisch, sondern distanziert und intellektuell.

Der Erfinder der Salzburger Britten-Serie und Chefdirigent Ivor Bolton nimmt sich pro Saison nur noch für ein Musiktheater im Landestheater Zeit, und das ist heuer das Sibelius-Ballett Ende Februar. So hat Kai Röhrig “Tod in Venedig” dirigiert und – wohl auch bedingt durch den ungewöhnlichen Platz des Orchesters ganz im Bühnenhintergrund – die Flächigkeit des Klangbildes noch betont. Nichts ragt heraus, aber alles fließt. Sowohl in Medcalfs unspektakulären Bildern als auch im Orchester.

Herausragend agierten allerdings die Sänger. Die beiden Gast-Solisten Timothy Robinson als Gustav von Aschenbach und Robert Poulton in den verschiedenen Rollen vom ältlichen Geck bis zum Hotel-Coiffeur trugen die Oper, wie es im gegenwärtigen Ensemble niemand könnte. Robinsons Tenor klang, wenn schon nicht groß (was zu dieser introvertierten Rolle auch gar nicht passen würde), so doch klar, sauber und einfühlsam. Bassbariton Poulton bewies komödiantisches Talent und stimmliche Klangkultur, in der sich Größe und Feinheit die Waage hielten. Erin McMahon, Desislava Ilieva, Juan Carlos Navarro, Max Kiener, Krzysztof Borysiewicz und andere Ensemble-Mitglieder in kleineren Rollen komplettierten ein insgesamt außergewöhnlich gut eingespieltes Sänger-Team im Landestheater.

Auch das Ballett ist prominent eingebunden, Choreograph Peter Breuer hat Alexander Korobko, Marian Meszaros und Maria Gruber mit den zentralen Aufgaben betraut. Auffallend gut gelöst ist die Verbindung von Musik, Gesang und Bewegungs-Theater. Dem Haus als Ganzes bleibt zu wünschen, dass sich die Begeisterung des Premierenpublikums in den kommenden Vorführungen aller Sperrigkeit des Werkes zum Trotz auch an der Kasse niederschlägt.

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 16.05.2021 um 03:44 auf https://www.salzburg24.at/archiv/tod-in-venedig-von-benjamin-britten-in-salzburg-59611675

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