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Wiener Philharmoniker und Nott in Salzburg

Der rote Teppich war ausgelegt vor dem Haus für Mozart, die versammelte Prominenz wartete auf einen wohlklingend-kulinarischen Abend mit den Wiener Philharmonikern und Schuberts “Unvollendeter”.

Doch der Dirigent Jonathan Nott hatte anderes im Sinn: Nicht nur, dass er im zweiten “Philharmonischen” der Salzburger Festspiele am Montag, ein Programm des 20. Jahrhunderts rund um den sinfonischen Evergreen baute, auch dieser wurde konsequent entschleunigt. Einiges ging dabei durchaus auf.

Die sechsstimmige “Ricerata”-Fuge aus Bachs “Musikalischem Opfer” zu Beginn gehörte noch nicht dazu. Zu unpräzise und spannungslos stolperte die Orchesterbearbeitung von Anton Webern daher, eigenartig angesichts des ausgewiesenen Experten für die Moderne am Pult. Vielleicht war auch der Blick bereits auf die “Kindertotenlieder” von Gustav Mahler geschärft. Hier konnten die Philharmoniker in dunklen Farben schwelgen, auch die orchestertypischen Rubati passten in die morbide Fin-de-Siecle-Stimmung des schaurig-schönen Orchesterliederzyklus.

Für diesen hatte man mit Vesselina Kasarova eigentlich die optimale Solistin gewählt. Die bulgarische Mezzosopranistin interpretierte die Rückert-Gedichte denn auch hochexpressiv, bewies mitunter Mut zum Hässlichen und bot mit rauem, manchmal gebrochenem Timbre tiefe Einblicke in eine schwarze Seele. Nur: Das war oftmals gar nicht hörbar, irgendwie schien Kasarova das stimmliche Durchsetzungsvermögen gegen die füllige Orchesterfläche zu fehlen. Auch von optimaler Wortdeutlichkeit war die Interpretation weit entfernt. In den lichten Momenten (“Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen!”) aber verbanden sich Kasarovas Mezzo und die Philharmonische Klangopulenz zu einem Psychodrama mit Gänsehautfaktor.

Zuletzt also Schubert. Oder doch nicht? Denn quasi als Vorwort platzierte Jonathan Nott – ein kluger Schachzug – noch Charles Ives’ kurzes Orchesterstück “The Unanswered Question”, dessen von gezielten Bläser-Irritationen heimgesuchte Streicher-Loops pausenlos in den ersten Satz der Symphonie Nr. 7 h-Moll mündeten. Und diesem entzog der britische Dirigent konsequent das Tempo, ließ kleinste Keimzellen plausibel herausarbeiten und erzeugte durch teils geradezu statische Klangdehnungen durchaus Spannung. Obwohl dadurch der musikalische Fluss verloren gehen musste, erhielten oft gehörte Themen ungewohnte, neue Facetten, wurde die Struktur des Werks auf eindrucksvolle Art freigelegt. Auch das Andante con moto wurde jeglicher Sentimentalität beraubt, nahezu jede Stimme erhielt durch Transparenz und feine Klangbalance ihre Aufmerksamkeit. Das Publikum ließ sich auf diesen etwas anderen Schubert denn auch ein, der Schlussapplaus war durchaus wohlwollend.

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 17.06.2019 um 06:34 auf https://www.salzburg24.at/archiv/wiener-philharmoniker-und-nott-in-salzburg-59599675

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