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Wirtschaftskammer will Matura mit Lehre

Leitl will eine "kleine Revolution" Salzburg24
Leitl will eine "kleine Revolution"

Nach der Lehre mit Matura soll die Matura mit Lehre kommen - zumindest nach Vorstellung der Wirtschaftskammer (WKÖ). Künftig soll es für Maturanten die Möglichkeit geben, in der 7. oder 8. Klasse zunächst als Wahlfach die theoretischen Grundlagen dafür zu erwerben und dann nach der Reifeprüfung in einem "Intensivjahr" zur Lehrabschlussprüfung zu kommen, so WKÖ-Präsident Christoph Leitl.

"Wir wollen eine kleine Revolution", so Leitl am Montag. "Wir haben noch immer einen starken Restbestand an Imageproblemen bei der Lehre, die sich mit Sozialprestige verbinden. Da heißt's 'Wenn das Mädchen des Nachbarn in eine höhere Schule geht, muss auch unser Kind in eine höhere Schule gehen, weil unser Dirndl ist ja nicht blöder.'" Solche emotionale Haltungen beruhten auf langentwickelten Klischeevorstellungen, die nur durch eine Änderung des Systems aufgelöst werden könnten.

Daher sollten Kinder die Möglichkeit haben, mit 19 Jahren beide Abschlüsse zu haben - nämlich Lehre und Matura. Das Modell Lehre mit Matura sei bereits erfolgreich - zehn Prozent der Lehrlinge nutzten bereits diese Kombination. Dies soll nun auch umgekehrt leichter möglich werden, so Leitl. Derzeit würde Maturanten für die Lehrabschlussprüfung nur ein Jahr Ausbildungszeit angerechnet. Sie bräuchten daher zwei Jahre bis zum Abschluss. "Da überlege ich dann aber schon, ob ich in der gleichen Zeit nicht fast schon einen Bachelor habe", meinte Leitl. Daher solle ein Jahr für eine intensive Ausbildung reichen.

Darüber hinaus wünscht sich Leitl, dass eine Meisterprüfung auch den Zugang zur Fachhochschule eröffnet. Die Wirtschaftskammer startet außerdem heuer mit Berufsakademien, die Lehrabsolventen nach einigen Jahren Berufserfahrung den Zugang zu einer Ausbildung auf akademischem Niveau eröffnet.

An den Schulen verlangt die Wirtschaftskammer eine stärkere Differenzierung und Individualisierung des Unterrichts. "Heute verlangen die Lehrpläne von allen die gleichen Standards", monierte Leitl. "Wo Probleme sind, reitet man darauf herum, wo Mehrtalent da ist, liegt es brach." Wichtiger wäre es, in schlechteren Fächern eines Schülers geringere Ziele zu verlangen und in besseren Fächern höhere.

Mit den unterschiedlichen Bewertungsschlüsseln in der Neuen Mittelschule (NMS) habe eine solche Differenzierung nicht funktioniert, so WKÖ-Bildungsexperte Michael Landertshammer. Es mache auch keinen Sinn, starre Leistungsgruppen zu implementieren - diese seien in der Hauptschule mit gutem Grund abgeschafft worden.

"Äußerst kritisch" sieht die Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) den Vorschlag Leitls zur Matura mit Lehre. "Es ist verantwortungslos, den AHS-MaturantInnen einzureden, dass ein Lehrabschluss eine leicht zu holende Zusatzqualifikation ist, die man schnell neben der Matura macht", so ÖGJ-Vorsitzender Sascha Ernszt in einer Aussendung.

Vor allem in den technischen Berufen könnten mit einer "Expresslehre" die Qualitätsstandards nicht erreicht werden, argumentierte Ernszt: "Ein Auto zu reparieren lernt man nicht von heute auf morgen, und das sollen nicht jene entscheiden, die das noch nie gemacht haben." Wichtiger wäre eine Neuregelung der Lehrstellenförderung, die auch Qualitätsstandards sicherstellt. Eine "wirkliche Revolution" wäre es, wenn die Lehrausbildung laufend streng kontrolliert werde: "Derzeit kann jedes Unternehmen ausbilden, wie es möchte. Nur wenn sichergestellt wird, dass Lehrlinge für ihren Beruf gut ausgebildet werden und nicht fürs Semmel holen, hat die Lehre kein Imageproblem mehr."

Leitl hat unterdessen überdies die Hoffnung auf eine Teilnahme Österreichs an der nächsten PISA-Studie noch nicht aufgegeben. "Ich kenne Gabriele Heinisch-Hosek gut und weiß, dass sie vernünftigen Argumenten zugänglich ist", meinte Leitl am Montag.

Bildungsministerin Heinisch-Hosek hatte die Teilnahme Österreichs an allen Bildungstests der kommenden Monate gestoppt, da beim Bifie, das die Erhebungen durchführt, die Datensicherheit nicht gewährleistet sei. Darunter fallen etwa die Bildungsstandard-Erhebungen sowie die Feldtests für die PISA-Studie und die Naturwissenschafts- und Mathe-Studie TIMSS. Auf einem rumänischen Testserver einer Bifie-Partnerfirma waren im Vormonat ungeschützte Ergebnisse von informellen Schülertests aus den Jahren 2011 und 2012 aufgetaucht.

Am liebsten wäre es dem Wirtschaftskammer-Chef, wenn die Republik geschlossen an PISA teilnähme - wenn nicht, müsse einzelnen Bundesländern auf ihren Wunsch hin die Chance zur Teilnahme eröffnet werden. Bisher hat nur Oberösterreich Interesse gezeigt. Im Bildungsministerium ist man allerdings der Ansicht, dass kein Bundesland einen Alleingang unternehmen dürfe.

In anderen Staaten würden durchaus einzelne Länder oder Regionen immer wieder an PISA teilnehmen, verwies Leitl etwa auf die kanadische Provinz Quebec. "Warum soll nicht auch ein österreichisches Bundesland für Österreich stehen?" Anhand der Resultate eines Bundeslandes könne man durchaus Stärken und Schwächen der österreichischen Schule benennen.

WKÖ-Bildungsexperte Landertshammer kann das Aussetzen der Studie nicht nachvollziehen. "Bei allem Verständnis, dass die Regierung ein Budget auf die Beine bringen muss und das ein willkommener Punkt ist, wo man einsparen kann: Wenn ich Fieber habe und das Thermometer wegschmeiße, habe ich ja deswegen auch nicht kein Fieber mehr." Als weiteres Argument für ein Aussetzen bei PISA vermutet Landertshammer auch die Vermeidung von regierungsinternen Konflikten: "Wenn es wie erwartet keine besseren Ergebnisse gibt, erspart man sich auch Zoff."

(Quelle: S24)

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