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Vier Berufstätige und ihre Lehren aus der Krise

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Ein Gespräch über Motivation, Führung und Omas Geheimrezepte. 

Was haben eine Führungskraft aus der Digitalbranche, eine Mentaltrainerin, ein Experte aus dem Verkauf und eine Fachkraft aus der Tourismusbranche gemeinsam? Klingt wie der Beginn eines echten Schenkelklopfers, doch wir haben vier Personen aus unterschiedlichen Berufszweigen zu einem offenen Gespräch gebeten und mit ihnen in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geblickt. Ein Gespräch über Motivation, Führung und Omas Geheimrezepte.

Unpopuläre Entscheidungen im virtuellen Raum

Sebastian schmunzelt als wir ihn bitten, die Karten offen auf den Tisch zu legen. Seit über 10 Jahren ist der Enddreißiger im Online-Marketing tätig und leitet zurzeit ein mehrköpfiges Team aus Digitalexperten. Die aktuellen Veränderungen haben seinen bisherigen Arbeitsalltag sowie seine Kommunikationsmethoden drastisch verändert: „ Es war ein Trugschluss von mir zu glauben, dass ich die gelernten Prozesse eins zu eins in eine Homeoffice-Phase übertragen kann. Kommunikation muss an die Gegebenheiten angepasst werden. Das hat man auf die harte Tour gelernt. Nachdem schon nach kurzer Zeit erste Inputs von Mitarbeiter gekommen sind und es erste Anzeichen von Unzufriedenheit gab, wusste ich, dass ich handeln muss. Ein Umdenken war erforderlich. Die Kommunikationsmaßnahmen wurden angepasst, persönliche Gespräche intensiviert, Digitalisierung noch weiter vorangetrieben und die Arbeitsprozesse den aktuellen Bedingungen angepasst.“

Wer online sucht, findet viele Ratgeber zum Thema 'Führung in der Krise' – doch wer sich und sein Team plötzlich in einer Ausnahmesituation wiederfindet, muss schnell handelt und im Optimalfall auch richtig. Sebastian erzählt uns von seinen Erlebnissen als Teamleiter und wie sich Führung für ihn verändert hat: „Soziale Kompetenzen nehmen in diesen Zeiten einen besonderen Stellenwert ein. Empathie wird zur Hauptkernkompetenz einer Führungskraft. In Zukunft wird es wichtig sein, sich noch mehr mit Führung in Zeiten von Digitalisierung auseinanderzusetzen. Wenn die physische Anwesenheit zur Ausnahme wird – wie schaffe ich als Führungskraft eine virtuelle Souveränität? Wie kommuniziere ich auch unpopuläre Entscheidungen im virtuellen Raum? Die letzte Zeit hat mich vermehrt dazu gebracht, eigene Führung- und Kommunikationsschwächen zu analysieren und zu optimieren.“

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Kommunikation und Motivation bitte, aber richtig

Welche Auswirkung eine schlechte oder gar keine Kommunikation von Seiten der Führungskräfte auf die eigene Motivation hat, bekam die Salzburgerin Sandra zu spüren. Sie ist seit über einem Jahrzehnt in der Tourismusbranche tätig. Tagtäglich verärgerte Kunden und eine Flut an Fragen, auf die weder die Führungskräfte, noch die Angestellten eine zufriedenstellende Antwort haben: „Intern, im kleinen Team, haben wir sehr gut kommuniziert und keiner hat sich bei Entscheidungen oder den neuen Herausforderungen allein gelassen gefühlt. Doch die Führungsetage hebt nicht ab, wenn verärgerte Kunden anrufen. Es wurden Vorgänge an uns kommuniziert, die weder ausgereift noch in der Praxis umsetzbar waren. Auch die Art und Weise der Kommunikation war enorm dramatisch – die Situation war und ist für diese Branche natürlich eine Katastrophe, doch jeder ist sich dessen bewusst. Was man da als Mitarbeiter braucht, sind aufbauende, beruhigende und unterstützende Worte.“

Durch Homeoffice und Kurzarbeit hat sie viel Zeit gehabt sich über ihren Beruf, ihre Branche und Zukunftspläne Gedanken zu machen, erzählt uns Sandra im Gespräch: "Ich befinde mich momentan in einer sehr unsicheren Branche. Diese Zeit hat uns die Möglichkeit gegeben zu überlegen, was man eigentlich will. Rückblickend denke ich dass es durchaus zielführend ist, sich im Arbeitsleben mehrere Standbeine aufzubauen, sich selbst auf verschiedene Arten kennenzulernen und vor allem auf lebenslanges Lernen und Flexibilität zu setzen. Das ist und wird auch in der Zukunft immer wichtiger sein. Daher würde ich vor allem jungen Menschen raten, viele berufliche und persönliche Erfahrungen zu sammeln, um auch für Krisenzeiten besser gewappnet zu sein."

Seit vielen Jahren steht Sandra im direkten Kundenkontakt und hat in dieser Zeit gelernt Menschen einzuschätzen, auch hin und wieder schlechte Nachrichten zu kommunizieren, doch in erster Linie, die Kundenwünsche zu priorisieren. Doch auch für sie war die Flut an Stornierungen und Forderungen eine noch nie dagewesene Herausforderung: „Es kamen plötzlich nur noch verärgerte E-Mails und Anrufe. Das war natürlich auch verständlich, doch auch wir mussten uns vorab über die Lage, die aktuellen Entscheidungen und dem Vorgehen einen Überblick verschaffen. Das war für das gesamte Team sehr kräftezerrend. Aus der Politik, von unseren Partnerbetrieben und von der Führungsebene kamen beinahe stündlich neue Entscheidungen. Das hat unsere Arbeit nicht einfacher gemacht. Wer in einem großen Betrieb arbeitet, muss sich den Vorgaben der Führungsetage beugen - ich habe dadurch leider auch erkennen müssen, wie ich Krisenkommunikation auf keinen Fall handhaben würde.“

Die Grazerin Julia ist seit einem Jahr Unternehmerin. Der Zeitpunkt für die Krise hat sie und viele weitere Jung- und Kleinunternehmer hart getroffen: „Ich habe in dieser Zeit bisher unfassbar viel gelernt und sehr stark mit meinem Mindset gearbeitet um mich nicht von der Angst und Panik um mich herum anstecken zu lassen. Ich habe dafür viele mentale Tools angewandt, um mich bewusst jeden Tag zu stärken. Als Einzelunternehmer macht man sich Gedanken, ob man eine Krise wie diese übersteht. Doch statt mich darauf zu konzentrieren, habe ich nach neuen Möglichkeiten gesucht um weiterzumachen, um durch die neu erlangten Kenntnisse und Fähigkeiten gestärkter weiterzumachen als zuvor.“

Einzelunternehmer wie Julia haben durch die aktuelle Lage viele Aufträge und somit ihr Einkommen verloren. Die Mentaltrainerin arbeitet in erster Linie mit Unternehmerinnen zusammen und weiß auch aus eigener Erfahrung, welche wirtschaftlichen, jedoch auch psychischen Folgen, ein Ausnahmezustand wie dieser hervorrufen kann. Vor allem in sozialen Netzwerken versucht sie deshalb ihr Wissen weiterzugeben und Unternehmerinnen zu unterstützen. „Jeder ist für seine Energie und sein Wohlbefinden selbst verantwortlich. Und das in jeder Situation. Es gibt viele Ressourcen auf welche man zurückgreifen kann, um Unterstützung zu finden. Auch ich bin in online Foren und Gruppen aktiv und organisiere Meetings um sich weiterhin auszutauschen und gegenseitig zu inspirieren, wie man mit so einer neuen Situation umgehen kann.“

Einer für alle und alle für einen

Von einem Tag auf den anderen im Homeoffice. Keine Kollegen, mit welchen man bei der obligatorischen Vor-dem-Mittagessen-Pause intensive Gespräche beginnt, welche man bei der Nach-dem-Mittagessen-Pause in Ruhe fortführt. Kein spontaner Gedankenaustausch hindurch der Sitzplatz-Trennungs-Pflanze. Robert ist seit knapp zwei Jahrzehnten im Bereich Verkauf/Sales tätig und ist im Regelfall berufsbedingt viel unterwegs: „Durch die Krise hat sich das Leben entscheidend verändert. Den gewohnten Tagesablauf gab es plötzlich nicht mehr. Kein Gang ins Büro, kein Kundentermin. Dafür auf einen Schlag ein volles Haus in welchem man zu arbeiten versucht, Kinder die nach Aufmerksamkeit verlangen und die Zeit, zu reflektieren und Werte neu zu überdenken. Das wurde mir regelrecht aufgezwungen. Doch jetzt sehe ich es positiv, denn so hatte ich die Chance den eigenen Weg, welchen man schon so lange verfolgt, zu überprüfen. Und ich konnte endlich die geheimen Familienrezepte der Oma ausprobieren.“

Eine Erhebung von Eurostat aus dem Jahr 2018 hat ergeben, dass unter normalen Bedingungen (vor Corona) 10 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen von zu Hause arbeitet. Im Europa-Vergleich ist dies sogar relativ hoch, denn der Vergleich zeigt, dass es z.B. im Nachbarland Deutschland nur 0.5 Prozent sind. Wer sich nicht bewusst für Homeoffice entscheidet, für den verschwimmen die Grenzen zwischen den einzelnen Rollen, die wir im Laufe eines Tages einnehmen. Wenn wir am Morgen aufstehen und in die Arbeit fahren, dann sind wir Arbeitnehmer. Wenn wir zu Hause mit der Jogginghose auf der Couch liegen, dann befinden wir uns in der Rolle der Privatperson. „Ich stehe auf, dusche mich, lüfte meine Wohnung durch, steige ins Auto und fahre zu einem Termin oder ins Büro. "Jetzt brauche ich weder ins Büro zu kommen noch wäre ein Kunde glücklich, wenn ich vor seiner Tür stehe. Die Veränderungen haben mehr Flexibilität gebracht, doch mir fehlt das Büro und mir fehlen meine Kollegen und Kolleginnen“, erzählt uns Roland.

Für Sebastian nimmt das Team eine wichtige Rolle in der Zukunftsprognose ein: „Mein Team hat gezeigt, dass Zusammenhalt aktiv gelebt wird. Auch in schwierigen Phasen. Trotzdem sehe ich das Thema Teambuilding auch weiterhin als essentiellen Faktor. Unternehmen werden Teamarbeit neu überdenken müssen. Was bedeutet Teamgefüge in Zeiten, wo Homeoffice und somit eine physische Distanz vermehrt zum Einsatz kommen? Nicht zu vergessen der Faktor Mitarbeitermotivation. Hat es womöglich in der Vergangenheit gereicht gute Mitarbeiter mit einer Gehaltserhöhung zu halten, werden zukünftig andere Dinge entscheidend sein. Die Menschen werden nach mehr Sicherheit streben. Die aktuelle Lage hat uns wieder gezeigt wie wichtig es ist, die Eigenständigkeit sowie die individuelle Weiterentwicklung jedes Einzelnen aktiv zu fördern.“

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 10.05.2021 um 01:12 auf https://www.salzburg24.at/leben/im-gespraech-vier-berufstaetige-und-ihre-lehren-aus-der-krise-88162765

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