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Fein Gewandet

"Kleidung muss wieder an Wert gewinnen"

Salzburgerin (43) vereint Mode mit Nachhaltigkeit

Wir stehen vor dem Kleider-Kollaps. "Fast Fashion" hat nicht nur die Modewelt verändert, sondern auch den Umgang mit Kleidung. Kleidung ist Wegwerfware und hat in den Köpfen vieler Konsumenten keinen Wert mehr. Eine Salzburgerin will dem Konsumwahn jetzt mit einem ganz speziellen Second-Hand-Geschäft entgegenwirken.

Salzburg

100 Milliarden Kleidungsstücke werden weltweit jährlich produziert. Zwischen dem Jahr 2000 und 2014 hat sich die weltweite Textilproduktion mehr als verdoppelt. "Fast Fashion" nennt sich das Phänomen: Billigketten wie Zara und H & M stellen am Laufband preiswerte Kopien der Modestatements auf den Laufstegen in New York, Paris oder Mailand her und werfen sie auf den Markt.

Trends von heute sind der Müll von morgen

Das schnelle Geschäft (der Absatz von Kleidung beträgt jährlich rund 1,8 Billionen US-Dollar und soll bis 2025 auf 2,1 Billionen steigen) bringt nicht nur eine Reihe von Nebenwirkungen für Natur und Umwelt mit sich, sondern beeinflusst auch unser Kaufverhalten. So kauft jeder Deutsche – und in Österreich wird es kaum anders sein – rund 60 Kleidungsstücke pro Jahr oder zehn Kilo Kleidung, zeigt etwa eine Greenpeace-Studie von 2016. Kleidungsstücke im Schrank, die nie getragen werden, sind keine Seltenheit. Mode ist so günstig, dass sie zur Wegwerfware mutiert ist. Recycling – also die Umwandlung der alten Materialien in brauchbare neue Garne oder Stoffe – gibt es de facto nicht. Die Stoffe werden geschreddert und zu Putzlappen oder Füllstoffen verarbeitet, die über kurz oder lang im Müll landen. Das System sei am Rande des Kollapses, warnt Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation appelliert seit Jahren an die Hersteller und fordert neue Geschäftsmodelle.

„FeinGewandet“: Kleidung, die einen Wert hat

Und genau hier setzt eine Salzburgerin an. Die studierte Soziologin hat sich in der Vergangenheit viel mit gesellschaftspolitischen Fragen wie Massenkonsum und Massenproduktion auseinandergesetzt und sich jetzt der Nachhaltigkeit verschrieben. In ihrem Store „Fein Gewandet“ in der Salzburger Neustadt bietet die 43-jährige Fashionista seit Oktober letzten Jahres ausgewählte Second-Hand-Mode an. „Es wird in der heutigen Zeit zu viel und zu schnell konsumiert. Es ist wichtig, dass die Menschen wieder erkennen, dass Kleidung einen Wert hat. Es muss nicht nur ein Umdenken bei den Produzenten sondern auch bei den Konsumenten geben und mit meinem Geschäft möchte ich einen Beitrag dazu leisten“, erzählt Nadine Idinger im Gespräch mit SALZBURG24.

 

Second Hand ist nicht Second Hand

Wer an Second Hand denke, habe oft das Bild von schmuddeliger und aus der Mode gekommener Kleidungsstücke im Kopf. Doch das stimme so nicht mehr ganz. In Salzburg gebe es immer mehr gut sortierte Läden, die Preisklasse sei da aber meistens recht hoch. „Fein Gewandet“, das von Außen eher eine feine Boutique als ein Second-Hand-Geschäft vermuten lässt, spricht Frauen ab 35 Jahren an. Die Kleidungsstücke – von Zara bis Sportalm – sind liebevoll nach Farben sortiert und wirken auf den ersten Blick wie neu – lediglich das Etikett fehlt. „Mir ist es extrem wichtig, dass die Kleidung neu oder neuwertig ist, top gepflegt, gereinigt oder gewaschen ist. Dafür ist mir die Marke relativ egal“, so die studierte Soziologin. Einen besonderen Fokus legt Idinger auf Trachtenmoden. Zu entdecken gibt es etwa: Sportalm, Ploom oder Lena Hoschek. „Hier achte ich schon sehr stark darauf, dass ich Hersteller aus Österreich und Bayern anbieten kann.“

„Den Kreislauf zu schließen, ist nicht einfach“

Die 43-Jährige sieht ihr Geschäft als eine Art Verbindungselement für Frauen, denen sowohl Mode als auch Nachhaltigkeit wichtig sind. Den Kleiderkreisel aber tatsächlich zu schließen, sei jedoch nicht so einfach. „Viele Frauen nutzen Second Hand leider noch eher dafür, um Kleidung abzugeben, statt zu kaufen.“ Während es beim Autokauf oder bei Winter- und Kinderkleidungstauschbörsen in Salzburg bereits funktioniere, habe sich das Konzept in der Mode leider noch nicht ganz durchgesetzt. „Aber ich bin überzeugt, dass die Zeichen gut stehen, dass Second Hand einkaufen immer mehr im Alltag integriert wird. Das Bewusstsein der Menschen in Bezug auf Nachhaltigkeit und verantwortlichen Umgang mit Ressourcen, wandelt sich bereits langsam.“

Polyester: Wenn wir Erdöl am Körper tragen

"Fein Gewandet" im Herzen der Stadt Salzburg SALZBURG24/Wurzer

"Fast Fashion" hat auch unseren Umgang mit Kleidung verändert: Wie wir Mode wahrnehmen, was wir anziehen und wie lange wir etwas tragen. Und ohne Polyester wäre das rasante Wachsen von "Fast Fashion" nicht möglich. Doch was genau ist Polyester? Zahlen und Fakten.

Die Kunstfaser ist billig und einfach zu produzieren. 60 Prozent unserer Bekleidung enthält Polyester. Im Jahr 2000 wurden weltweit 8,3 Millionen Tonnen Polyester für Kleidung genutzt, im Jahr 2016 wird die Verwendung der Kunstfaser auf etwa 21,3 Millionen Tonnen und damit um satte 157 Prozent gestiegen sein. Polyester wird aus nicht-erneuerbarem Erdöl hergestellt. Rechnet man den fossilen Energieträger zur Polymerproduktion mit ein, sind die CO2-Emissionen für Polyester fast dreimal so hoch wie für Baumwolle.

Zudem weisen neue wissenschaftliche Veröffentlichungen auf bisher kaum beachtete Gefahren für Umwelt und Gesundheit hin: Synthetische Mikrofasern, zum Beispiel von Fleece-Kleidung, lösen sich in der Waschmaschine und landen in Flüssen und Meeren. Mit einer einzigen Sechs-Kilo-Waschladung von Synthetik-Stoffen können bis zu 700.000 Mikrofasern in die Umwelt gelangen.

Mikrofasern werden von Meereslebewesen und Wasservögeln unbeabsichtigt aufgenommen oder mit Nahrung verwechselt und gefressen. Außerdem zeigen Studien, dass Mikrofasern samt Schadstofflast – wie beispielsweise Weichmacher oder Flammschutzmittel – in die Nahrungskette übertragen werden können.

Aufgerufen am 24.04.2019 um 10:03 auf https://www.salzburg24.at/leben/lifestyle/fein-gewandet-salzburgerin-vereint-mode-und-nachhaltigkeit-68487709

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