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Für alle ab 18 Jahren

Experten empfehlen dringend dritten Corona-Stich

"Booster" sechs Monate nach zweiter Impfung

Corona-Impfung in Wien APA/GEORG HOCHMUTH
Experten sprechen sich für eine Corona-Auffrischungsimpfung für alle über 18 Jahren aus. Der dritte Stich soll schon sechs Monate nach dem zweiten folgen. (SYMBOLBILD)

Klar für eine Empfehlung zum „dritten Stich“ gegen das Coronavirus sprechen sich der klinische Pharmakologe Markus Zeitlinger sowie der Mikrobiologe Michael Wagner aus. Das gilt für Personen ab 18 Jahren, bei denen seit der zweiten Impfung sechs Monate vergangen sind.

Die Infektionszahlen werden zwar aktuell ganz eindeutig von den Ungeimpften getrieben, "aber man sieht, dass es auch bei den Durchbruchsinfektionen (bei Geimpften, Anm.) nach oben geht", so Zeitlinger im APA-Interview.

 

Dritter Stich "nachhaltiger"

Zeitlinger rechnet mit einer nachhaltigeren Wirkung des Drittstichs als nach den ersten beiden Impfungen: "Ich gehe davon aus, dass man nach der dritten Impfung eine viel längere Immunität hat als nach der zweiten Impfung."

Die dritte Impfung könne man mit der zweiten "nicht mehr vergleichen". Gleichzeitig betonte der Vorstand der Universitätsklinik für klinische Pharmakologie der Medizin-Uni Wien, man wisse derzeit nicht, wie lange der Schutz nach dem "Booster" anhalten werde.

Booster soll auch Nichtgeimpfte schützen

Die Auffrischung mit dem dritten Stich werde auch Auswirkung auf das Verbreitungsgeschehen haben. Es habe sich gezeigt, dass der "volle Schutz" nach der Zweitimpfung (nicht nur vor schweren Verläufen, sondern auch vor Ansteckung und damit der Weitergabe) zwei Monate anhalte. Danach gehe die Wirkung stetig zurück (womit dann auch Geimpfte wieder zu Überträgern werden können). "Indem wir Personen boostern, schützen wir wieder einmal indirekt die Nichtgeimpften", so Zeitlinger.

Gleichzeitig betonte er, dass die Immunisierung der noch Ungeimpften Priorität haben müsse. Denn es gebe einen "Riesenunterschied" bei den Infektionen zwischen Geimpften und Ungeimpften, verwies er auf aktuelle Daten. Die Inzidenz bei den Ungeimpften liege in etwa bei 600 bis 700, jene der Geimpften hingegen bei rund 150.

Großteil der Infektionen unter Nicht-Immunisierten

Die Pandemie würde selbst im Fall dessen, dass sich alle bisher doppelt Geimpften den Drittstich holen würden, nicht zum Stillstand kommen. Der Booster "wird einen Beitrag leisten, aber nicht reichen, um gut über den Winter zu kommen", sagte Zeitlinger, denn unter den Ungeimpften finde der bei weitem überwiegende Teil der Ansteckungen statt. Daher sei wie nach vor sei jeder neu Geimpfte, "epidemiologisch wichtiger als jemand, der sich geboostert hat".

Experte will Auffrischung für Ü-18-Jährige 

Seinen Wunsch, den Drittstich allen ab 18 Jahren bereits sechs Monate nach dem Zweitstich zu empfehlen - und nicht nur der älteren Generation -, untermauerte Zeitlinger mit der Datenlage: Zwischen der Altersgruppe der 18- bis 60-Jährigen und jener der Über-60-Jährigen sei hinsichtlich der Durchbruchsinfektionen kein wesentlicher Unterschied feststellbar, betonte der Experte.

Daher mache eine Unterscheidung bei der Auffrischungsimpfung nach diesen Altersgruppen keinen Sinn - und er wäre für eine klare Empfehlung, dass sich alle ab 18 Jahren den "Booster" holen. "Es wäre schon gut, wenn das Nationale Impfgremium das klarstellt", sagte er mit Blick auf die für Dienstag geplante Sitzung des Gremiums.

Situation bei Jüngeren anders

Anders verhält es sich hingegen bei der Gruppe unter 18 Jahren. In der Gruppe der Zwölf- bis 17-Jährigen komme auf zehn Infektionen bei Ungeimpften nicht einmal eine Infektion von Geimpften. Bei den Über-18-Jährigen hingegen komme auf vier Infektionen bei Ungeimpften eine Durchbruchsinfektion von Geimpften, so Zeitlinger.

Eine Empfehlung zur Auffrischung auch für Zwölf- bis 17-Jährige wollte Zeitlinger folglich noch nicht geben. "Ich würde das bei Unter-Zwölfjährigen nur für Risikogruppen empfehlen" - und für die anderen die Daten abwarten. Es handle sich dabei aber ohnehin aktuell um eine sehr theoretische Diskussion, da bei den meisten Unter-18-Jährigen der Zweitstich noch längere Zeit keine sechs Monate zurückliegen wird.

Änderungen bei Johnson & Johnson-Vakzin gefordert

Beim Vakzin von Janssen (Johnson & Johnson) wünscht sich Zeitlinger eine Änderung hinsichtlich des Grünen Passes. Denn Studien würden zeigen, dass diese Einmal-Impfung nur einen Schutz von 40 Prozent bietet (im Vergleich zu den 80 bis 90 Prozent anderer Vakzine). Man könnte überlegen, dass für die weitere Gültigkeit des Grünen Passes bei einer Impfung mit Johnson & Johnson eine Booster-Impfung verlangt wird - eventuell mit einer dreimonatigen Vorlaufszeit ab Verkündigung dieser Maßnahme, so der Experte.

"Globale Verteilungsgerechtigkeit" berücksichtigen

Klar für die Auffrischung sechs Monate nach dem Zweitstich tritt auch der Mikrobiologe Wagner von der Universität Wien ein. Sofern es auf die globale Verteilungsgerechtigkeit des Impfstoffes keine Auswirkungen hat, sieht er keinen Grund dafür, dass das Impfgremium den dritten Stich in Österreich nicht für alle ab 18 Jahren empfiehlt, sagte er zur APA.

 

Wagner betonte, dass sechs Monate nach dem Zweitstich schon ein deutliches Nachlassen der Impfwirkung zu verzeichnen sei. Vor allem der Schutz vor einer Ansteckung (und damit einer möglichen Weitergabe) gehe dann "sehr weit runter", auch bei Jüngeren. Eine noch nicht begutachtete schwedische Bevölkerungsstudie deute zudem darauf hin, dass der Immunschutz nach zweifacher Impfung bei Männern schneller nachlässt.

Aktuell würden Geimpften in Österreich "durchaus am Infektionsgeschehen teilnehmen", auch wenn die Unter-60-Jährigen vor schweren Verläufen größtenteils weiterhin geschützt sind, betonte Wagner. Mit dem Booster werde der Schutz vor schweren Verläufen deutlich erhöht, v.a. bei den Über-60-Jährigen, sagte der Wissenschafter.

Mikrobiologe verweist auf Daten aus Israel 

Der Mikrobiologe verwies auch auf aktuelle Daten aus Israel, wo sehr frühzeitig und breitflächig der Bevölkerung Boosterimpfungen angeboten wurden: An diesen sehe man, dass quer durch alle Altersgruppen zwölf bis 14 Tage nach dem Drittstich der Schutz vor Infektionen enorm ansteigt. "Das ist schon sehr beeindruckend".

"Österreich am Beginn von 4. Welle"

Österreich stehe am Beginn der vierten Welle und es gelte zu handeln, daher plädiere er für die rasche Auffrischung für alle. Denn dies habe neben einer starken zusätzlichen Schutzwirkung vor schweren Verläufen zumindest für eine gewisse Zeit auch einen stark dämpfenden Effekt auf die Übertragung des Virus. "Man kann sich aus der Delta-Welle schon rausboostern."

"Nach dem Boostern besteht ein verringertes Ansteckungsrisiko. Die Daten aus Israel belegen, dass dieser zusätzliche Infektionsschutz zumindest zwei Monate nach der Boosterimpfung stabil bleibt und es wird gerade untersucht, wie effektiv die Boosterimpfung über längere Zeiträume ist."

Geimpfte sollen testen

Um die Weitergabe zu verhindern, plädiert Wagner auch vehement dafür, dass sich auch Geimpfte regelmäßig (PCR-)testen, vor allem wenn sie sich mit vielen anderen Personen in Innenräumen aufhalten oder mit Risikogruppen zu tun haben. "Regelmäßiges Testen ist nicht belastender als Zähneputzen - und schützt in diesem Fall eben die anderen, wie zum Beispiel immunsupprimierte Personen die trotz Impfung keinen ausreichenden Immunschutz aufbauen oder Kinder unter zwölf Jahren."

Experte wünscht Zulassung für Kinder

Hinsichtlich der Impfung für Kinder von fünf bis elf Jahren hofft der Experte auf eine baldige Zulassung der auch in dieser Altersgruppe "hoch effektiven" Impfung. Man müsse im Auge behalten, dass es nicht darum gehe, ob Covid-19 für Kinder ähnlich gefährlich wie für Erwachsene oder Ältere ist, sondern man müsse die Erkrankung in Relation zu anderen (Kinder-)Krankheiten setzen.

"Natürlich haben 80-Jährige ein viel höheres Risiko", betonte Wagner. Aber man müsse auch die Langzeitfolgen der Erkrankung im Blick behalten. Long-Covid-Fälle gebe es bei Kindern im einstelligen Prozentbereich. Und eines von 3.000 bis 5.000 angesteckten Kindern erkranke schwer am sogenannten Hyperinflammationssyndrom (PIMS, MIS-C) - eine überschießende Immunreaktion mit potenziell lebensgefährlichem Verlauf. Zudem würden die derzeit noch ungeimpften Kinder unter zwölf Jahren natürlich zur Verbreitung des Virus beitragen, die aktuell hohen Infektionszahlen in dieser Altersgruppe führen zu Störungen des Schulbetriebs.

Bei Kindern sei aus epidemiologischer Sicht ebenfalls anzuraten, auch Geimpfte weiterhin zu testen, so lange bis erforscht ist, ob geimpfte Kinder wie die geimpften Erwachsenen das Virus weitergeben können. Die bestehende Praxis lautet hingegen, dass geimpfte Kinder und Jugendliche nicht mehr an den Schultests teilnehmen müssen - was seitens der Politik als Motivation für die Impfung betrachtet wird. Noch wichtiger als die Testung der geimpften Schüler wäre für Wagner aber, "dass man jeden positiven Fall ernst nimmt und evidenzbasiert darauf reagiert". Denn dadurch, dass die Schüler regelmäßig getestet werden, ist selbst ein ganz schwach positiver PCR-Tests meist ein Hinweis darauf, dass sich ein Kind gerade infiziert hat - und dann sollte die Infektionskette sofort unterbrochen werden.

Quarantäne-Regel an Schulen "unsinnig"

Für "unsinnig" hält Wagner die derzeitige Quarantäne-Regel in den Schulen, wonach in der Regel nur der positive Schüler selbst und dessen unmittelbarer Sitznachbar in Quarantäne geschickt werden. "Da die Infektion auch über Aerosole erfolgt, bringt das fast nichts." Stattdessen sollte man sofort die ganze Klasse am nächsten Tag mittels PCR-Test testen und diese "Nachtestungen" nach zwei sowie nach weiteren vier Tagen wiederholen. Und zehn Tage nach Auftreten eines positiven Falles sollten alle Mitschüler in der Klasse zur Sicherheit FFP2-Masken tragen, so Wagners Empfehlung. "Dafür müsste man niemanden in Quarantäne (abgesehen vom Betroffenen selbst, Anm.) schicken".

Auch der Infektiologe Heinz Burgmann sprach sich am verlängerten Wochenende in der "Krone" für die dritte Teilimpfung aus: "Wichtig ist jetzt vor allem, bei der Grundimmunisierung auf die Tube zu drücken. Aber auch bei der dritten Teilimpfung ist es in der jetzigen Phase des erhöhten Anstiegs durchaus sinnvoll, schon ab sechs Monaten aufzufrischen", sagte der Leiter der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin an der Universitätsklinik für Innere Medizin. "Dann haben Sie auch bei BioNTech/Pfizer wieder einen 95-prozentigen Schutz vor Infektion. Wir haben genug Impfstoff und Kapazität. Es spricht nichts dagegen. Auch immunologisch gibt es kein zu früh."

Zurückhaltend äußerte sich Burgmann zur neuen 3-G-Regel am Arbeitsplatz: "Man darf den Effekt auf die Impfquote nicht überschätzen. Es wäre angesichts der Impfdurchbrüche sogar sinnvoll, doppelt Geimpfte in Großraumbereichen zusätzlich PCR zu testen. Aerosole bleiben über längere Zeit in der Luft und ansteckend. Die Antigen-Schnelltests sollten sowieso abgeschafft werden. Bei Asymptomatischen haben sie 50 Prozent Fehlerquote", sagte er zur "Krone".

(Quelle: APA)

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