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Antwort in Biologie?

Darum sterben Frauen seltener an Corona

Gendermedizin will Unterschiede aufzeigen

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Biologische Faktoren könnten Frauen einen Vorteil bei Corona-Erkrankungen bringen. (SYMBOLBILD)

Biologische Faktoren könnten dafür sorgen, dass Frauen Covid-Erkrankungen besser überstehen als Männer. Die Gendermedizin versucht, diese geschlechterspezifischen Unterschiede zu erklären. Was es damit genau auf sich hat und womit sich die Gendermedizin sonst noch beschäftigt, haben wir für euch zusammengefasst.

Frauen sind bei Corona-Erkrankungen häufig das stärkere Geschlecht. Das Verhältnis bei den Todesfällen liege bei 60 zu 40 Prozent, erklärt Bettina Toth, Klinikdirektorin an der Innsbrucker Universitätsklinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin in einem Gespräch mit der Austria Presse Agentur (APA).

Östrogen und zusätzliches X-Chromosom als Vorteil?

Studienergebnisse aus Wuhan könnten eine mögliche Erklärung dafür liefern. Eine wichtige Rolle könnten demnach weibliche Hormone spielen. Vor allem Östrogen wirke sich möglicherweise positiv auf eine Corona-Erkrankung aus. Das könnte daran liegen, dass Östrogen den ACE2-Rezeptor herunterreguliere und die Spike-Proteine des Coronavirus somit schlechter an die Rezeptoren andocken können. "Es kommen somit weniger Coronaviren in die Gastzelle", fasst Toth zusammen. Außerdem würden Östrogene direkt immunstimulierend wirken, was einen Vorteil für Frauen darstellen könnte.

Auch das zusätzliche X-Chromosom könnte den Frauen bei Covid-Erkrankungen einen Vorteil bringen. Denn eine Vielzahl von Genen, die auf die Immunantwort reagieren, würden auf den X-Chromosomen sitzen. "Deshalb könnte die Immunantwort bei Frauen stärker ausgeprägt sein als bei Männern", so die Innsbrucker Medizinerin.

Soziale und gesellschaftliche Aspekte spielen Rolle

Neben rein biologischen müssen auch Gender-Aspekte in der Corona-Thematik berücksichtigt werden, wirft Aline Halhuber-Ahlmann, Geschäftsführerin des FrauenGesundheitsZentrums Salzburg, im Gespräch mit SALZBURG24, ein. „Weil Männer gefährdeter sind, müssten sie eigentlich vorsichtiger sein. Es hat sich aber herausgestellt, dass Frauen tendenziell umsichtiger sind, was die Einhaltung von Maßnahmen oder Kontaktbeschränkungen betrifft.“ Das könnte auch an der Sozialisierung und den gesellschaftlich vorgegebenen Rollenerwartungen liegen. Unter „Gender“ versteht man übrigens das soziale Geschlecht, das auch den Lebensstil, gesellschaftliche Rollenbilder und dessen Auswirkungen auf die Medizin umfasst.

 

Verknüpfung von Medizin und Gender

Diese Verknüpfung von Gender und Medizin wird Gendermedizin genannt und gewinnt auch abseits des Coronavirus immer mehr an Bedeutung. Am Beispiel eines Herzinfarktes lässt sich erklären, was gemeint ist: „Die häufigste Todesursache bei Frauen sind Erkrankungen des Herzkreislauf-Systems, wie etwa ein Herzinfarkt, das wurde jedoch lange vom medizinischen System zu spät erkannt", erläutert Halhuber-Ahlmann. Grund dafür sei, dass im Lehrbuch von den männlichen Symptomen, wie etwa Brustschmerzen oder „Nach-Luft-Schnappen“ gesprochen werde. 

Gendermedizin als Chance für bessere Behandlung

Bei Frauen hingegen werde es häufig abgetan, wenn sie sich unwohl fühlen. Anzeichen, die sich von den männlichen unterscheiden, würden oft auf andere Ursachen, wie etwa Hitzewallungen, Panikattacken oder Hysterie geschoben. Frauen würden außerdem selbst die Warnsignale häufig nicht richtig deuten, erst viel zu spät zum Arzt gehen und dann auch nicht mit dem Verdacht auf Herzinfarkt. Dies sei alles eine Frage der Sozialisation: „Wenn man Frauen fragt, woran sie glauben, zu sterben, sagen die meisten Brustkrebs. An einen Herzinfarkt glaubt nur eine von 13, dabei gebe es hier viel mehr präventive Methoden, als bei Brustkrebs.“ In der Gesellschaft herrsche aber oft das Bild vor, dass Herzinfarkte hauptsächlich Männer mit gewissen Symptomen betreffen würden. Eine größere Beachtung könnte Frauen bessere Behandlungsmöglichkeiten bringen. Derzeit setze die Forschung immer noch auf großteils männliche Probanden. „Viele Tests werden auch nur an männlichen Mäusen durchgeführt.“

 

Frauen leben länger, aber ungesünder

Obwohl Frauen durchschnittlich um 4,7 Jahre länger leben als Männer, ist die Lebensqualität jedoch geringer. Beeinflusst wird die Lebenserwartung vom Lebensstil, das gilt für beide Geschlechter. Laut Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer von der MedUni Wien seien zwei Jahre der längeren Lebenserwartung bei Frauen biologisch bedingt, der Rest sei auf Lebensstilfaktoren zurückzuführen. Laut Eurostat 2019 liegen in Österreich beide Geschlechter bezüglich "gesunder Lebensjahre" mit 57 Männer zu 57,1 Frauen fast gleichauf. Obwohl Frauen länger leben als Männer, würden sie sich ab 50 weniger um die eigene Gesundheit kümmern.

Lebensbedingungen wirken sich fatal aus

Hinzu kommen noch die Lebensbedingungen: „Man sieht es gerade jetzt während der Corona-Pandemie ganz deutlich, wie wichtig eigener Raum ist, gerade dann, wenn man mehrere Kinder zuhause hat. Frauen sind extrem belastet, das merken wir bei unseren Beratungsgesprächen. Außerdem haben wir einen heftigen Anstieg bei Essstörungen festgestellt“, stellt Halhuber-Ahlmann alarmiert fest. Alle sozialen Aspekte, die früher das Nicht-Essen zumindest erschwert hätten, wie Restaurantbesuche mit Freunden, würden während der Pandemie wegfallen, was die Situation verschärft haben könnte.

Psychosozialer Stress extrem schädlich

Kautzky-Willer geht davon aus, dass Rauchverzicht, mindestens 210 Minuten Bewegung wöchentlich, gesunde Ernährung, Körpergewicht im „Normalbereich“ und nicht mehr als 15 Gramm Alkohol pro Tag die Lebenserwartung um zehn beschwerdefreie Jahre steigern könne. Abseits von diesen individuellen Maßnahmen stelle sich für Halhuber-Ahlmann aber auch die Frage, welche gesamtgesellschaftlichen Strukturen gegeben sein müssen, um Übergewicht, Alkohol- und Zigarettenkonsum oder Drucksituationen zu verhindern. Denn: „Psychosozialer Stress hat genauso starke Auswirkungen wie Rauchen.“

(Quelle: SALZBURG24)

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