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Lockerungsschritte

Öffnung laut Forscher "hohes Risiko"

Rendi-Wagner warnt vor steigenden Infektionszahlen

Mit den für Montag angekündigten Öffnungsschritten an Schulen oder im Handel gehe man angesichts der unklaren Verbreitungslage der ansteckenderen SARS-CoV-2-Varianten "ein hohes Risiko" ein, sagte der Mikrobiologe Michael Wagner von der Uni Wien im Gespräch mit der APA. Der Initiator der SARS-CoV-2-Monitoringstudie an Schulen sieht die dort vorgesehene "Testpflicht" positiv.

Wie gut die verwendeten "Nasenbohrertests" asymptomatisch Infizierte identifizieren, sei fraglich.

Die mit dem bisherigen Lockdown erzielte Stabilisierung der Fallzahlen sei die eine Seite der Medaille. Mit diesem aktuellen Infektionsgeschehen sei es aber "sehr wahrscheinlich, dass die Zahlen wieder ansteigen", wenn Öffnungsschritte gesetzt werden. Aufgrund der höheren Infektiösität der Virenvarianten könne dieser Anstieg auch recht schnell vonstattengehen, so Wagners Einschätzung: "Die Frage ist, ob die zusätzlich getroffenen Maßnahmen ausreichen, um diese Beschleunigung zu kompensieren." Die angespannte Situation in Portugal zeige, wie schnell das mitunter gehen kann.

CORONA PK NACH TREFFEN DER BUNDESREGIERUNG MIT DEN LANDESHAUPTLEUTEN KURZ  ANSCHOBER =.jpg APA/HELMUT FOHRINGER
Vor der Verkündung durch Regierung und Landeshauptleute hatte die Regierung sowohl mit der Opposition als auch mit Experten beraten.

Schulen und Handel öffnen, Friseur nur nach Test

Der Lockdown wird gelockert. Dazu hat sich die Regierung am Montag in einer Konferenz mit den Landeshauptleuten entschieden. Die Lockerungen im Überblick findet ihr hier:

Aus rein epidemiologischer Sicht, wäre es für den Mikrobiologen besser gewesen, wenn zuerst das gesetzte Ziel der 7-Tages-Inzidenz um die 50 erreicht worden wäre, bevor mit Öffnungen begonnen wird. Dem stünden aber mit der wirtschaftlichen und psychologischen Situation auch ganz klare und nachvollziehbare andere Argumente gegenüber. "Das kann ich aber epidemiologisch nicht bewerten", betonte Wagner.

Experte über Corona-Tests an Schulen

Die nunmehrige breite und regelmäßige Verpflichtung zum Testen für die Teilnahme am Präsenzunterricht an Schulen sieht der Wissenschafter als grundsätzlich "sehr gut" an. Wie gut die dort verwendeten Verfahren beim Aufspüren von asymptomatischen Infizierten tatsächlich sind, könne aber momentan nicht beantwortet werden. Wagner: "Ich glaube, das müsste man wirklich einfordern." Auf ihre Genauigkeit überprüft sei dieses Verfahren nämlich großteils anhand von symptomatischen Patienten geworden - "das ist ein großer Unterschied", so der Molekularbiologe.

Er sehe die Gefahr, dass diese Tests mitunter auch infektiöse Kinder und Jugendliche übersehen. Angesichts dieser Frage sollte man auch überlegen, welches Signal etwa bei Eltern ankommt, wenn ihr Kind in der Schule negativ getestet wurde, und sich Menschen dann in vielleicht falscher Sicherheit wähnen. Trotzdem mache eine derartige Strategie "bei regelmäßigem Einsatz Sinn", betonte Wagner, der hier vor allem eine Minimierung des Gesamtrisikos im Schulbereich hervorhebt.

Welche Viren-Varianten gibt es an den Schulen?

Keine Aussage könne auf diese Weise aber über das Erkrankungsgeschehen an Schulen direkt gesagt werden. Diese erlaubt die "Gurgelstudie", die an Volksschulen, Mittelschulen und AHS-Unterstufen mittels Gurgeltests das ganze Schuljahr über die Häufigkeit aktiver Corona-Infektionen bei Schülern und Lehrern in ganz Österreich repräsentativ erhebt. In der ersten Testrunde (bis Ende Oktober) waren 40 von über 10.000 Teilnehmern Covid-19-positiv (Prävalenz: 0,39 Prozent). In der zweiten, durch den Lockdown gebremsten Runde (bis Mitte November) errechneten die Wissenschafter eine Prävalenz von 1,44 Prozent.

 

Damit lag man in etwa in der Größenordnung, wie es sie laut der fast zeitgleichen Erhebung der Statistik Austria zu diesem Zeitpunkt in der Gesamtbevölkerung gab. Nach einer Verschiebung durch das Bildungsministerium soll die dritte Testreihe erst am 8. März starten. Vor allem, um jetzt auch herauszufinden, wie stark die Viren-Varianten an den Schulen kursieren, brauche es das Weiterführen der Studie, bei der von nun an eine derartige Analyse vergesehen wäre, so Wagner.

Coronavirus könnte länger unter Schülern kursieren

In einem "Policy Brief" des Complexity Science Hub (CSH) sowie der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) zeige eine Clusteranalyse, dass es bisher zwar auch an Volksschulen zu gehäuften Fällen gekommen ist. Dies war jedoch seltener als an Schulen für ältere Kinder. Der Auslöser von Übertragungen an Volksschulen ist demnach meist eine Lehrerin oder ein Lehrer. Während in Volksschulen mehr als 90 Prozent der Cluster von Lehrkräften ihren Ausgang nahmen, lag dieser Anteil bei den Oberstufen-Clustern nur noch bei knapp 20 Prozent. Dieses Papier habe zum nunmehrigen Entschluss, die Schulen wieder zu öffnen, beigetragen, sagte Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) am Dienstag bei einer Pressekonferenz.

Wagner führte ins Treffen, dass gerade die Gruppe der Kinder und Jugendlichen voraussichtlich auch noch lange nicht geimpft wird. Das heißt wiederum, dass auch bei insgesamt geringerem Infektionsgeschehen das SARS-CoV-2-Virus gerade dort noch länger kursieren könnte, was etwaigen Virenvarianten in die Hände spielen könnte. Daher sei ein "Virenvarianten-Monitoring" in den Schulen mittelfristig durchaus entscheidend, sagte Wagner.

Rendi-Wagner kritisiert Lockerungen

SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner hat der Regierung vorgeworfen, mit ihren angekündigten Öffnungsschritten die Kontrolle über das Corona-Virus abgegeben zu haben. In einer Pressekonferenz bewertete sie am Dienstag die Rückkehr zum Präsenzunterricht an den Schulen zwar als "dringend notwendig", die darüber hinaus gehenden Lockerungen hält sie aber für "ein großes Risiko".

Angesichts der hohen Infektions- und der niedrigen Impfzahlen befürchtet Rendi-Wagner, dass es in wenigen Wochen wieder ein exponentielles Wachstum der Infektionszahlen und damit den nächsten Lockdown geben wird. Sie erinnerte an das von der Bundesregierung selbst genannte Ziel von 700 Neuinfektionen pro Tag. Das sei ein wichtiger Wert, um die Kontrolle zu behalten, weil bis dahin auch das Contact Tracing funktioniere. Dieses Ziel und damit auch die Kontrolle habe die Regierung aufgegeben.

Furcht vor großen Menschenmassen

Wenn der Bundeskanzler einen exponentiellen Anstieg als "realistische Szenario" bezeichnet habe, dann habe er eingestanden, die Kontrolle über das Virus nicht zu haben und trotzdem die Öffnungen beschlossen, kritisierte die SPÖ-Vorsitzende. Sie äußerte die Hoffnung, dass nicht wieder Bilder von großen Menschenmassen vor und in Geschäften entstehen. Angesichts schon geschaltener Werbungen habe sie da aber wenig Hoffnung. Die Verantwortung dafür würde jedenfalls die Bundesregierung tragen, nicht die Bevölkerung, die Länder, die Bürgermeister oder sonst wer. Dass der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) bei der Pressekonferenz die Lockerungen mitgetragen habe, kommentierte Rendi-Wagner mit dem Hinweis, dass er auch auf das Risiko hingewiesen habe.

Ziel müsse eine maximale Kontrolle über das Risiko und das Virus sein und nicht umgekehrt. Deshalb hätte es Rendi-Wagner bevorzugt, die Schulen zwar jetzt nach den Semesterferien zu öffnen, für die anderen Bereiche aber noch zwei bis drei Wochen durchzuhalten, um die Infektionszahlen weiter zu senken. Gleichzeitig müsse die Zahl der Impfungen und der Tests erhöht und vor allem die Wohnzimmertests für alle kostenfrei zugänglich gemacht werden. Wenn die Hälfte der Bevölkerung zwei Mal pro Woche diese Selbsttests durchführe und die anderen Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden, dann könne die Kontrolle über das Virus gelingen.

Lehnt SPÖ Lockerungs-Verordnung ab?

Die SPÖ-Vorsitzende hätte auch nicht ein bestimmtes Datum genannt, das von der Regierung mehrfach verschoben werden musste, sondern ein objektivierbares Ziel. Das wäre für die Bevölkerung auch ein "wichtiger Motivationsfaktor" gewesen, um die Maßnahmen einzuhalten.

Ob die SPÖ die Verordnung mit den Lockerungen im Hauptausschuss des Nationalrates mittragen werde, ließ Rendi-Wagner noch offen. Sie bedauerte, dass diese Verordnung nicht schon in der heutigen Sitzung des Hauptausschusses auf der Tagesordnung steht. Wenn die Verordnung vorliege, werde man sie prüfen, es gehe aber eher in die Richtung einer Ablehnung, meinte die SPÖ-Vorsitzende, die zuletzt die Maßnahmen der Regierung noch unterstützt hatte.

(Quelle: APA)

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