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Actiongeladenes Seminar

Wenn du in den Lauf einer Waffe schaust

Bundesheer schult Reporter für Kriegseinsätze

Survival-Training, Sprengungen und Geiselhaft: Ein nicht ganz alltägliches Seminar absolvierte eine Handvoll Medienvertreter beim österreichischen Bundesheer. Auch wir waren dabei und haben uns angesehen, worauf sich Journalisten, die aus einem Kriegsgebiet berichten, vorbereiten müssen.

Ein Krisen- oder Kriegsgebiet stellt gänzlich andere Bedingungen an das journalistische Arbeiten als ein Land zu Friedenszeiten. Wenn verfeindete Parteien aufeinandertreffen, muss ein Kriegsreporter mit Gefahren wie Minen, Beschuss oder Gefangennahme umgehen können. Bei einem zweitägigen Seminar, das vom Jagdkommando des Bundesheeres und dem Einsatzkommando Cobra der Polizei am Truppenübungsplatz Allentsteig in Niederösterreich abgehalten wurde, bekam eine Gruppe von Journalisten einen Einblick in diese Welt.

Auch wenn wir bei SALZBURG24 wohl eher nicht in solche Situationen geraten werden, so lohnt es sich dennoch stets, den eigenen Horizont zu erweitern und neue Perspektiven kennenzulernen. Die Neugier war letztendlich der Grund dafür, warum wir an diesem Seminar teilnahmen. Die Eindrücke dieser zwei äußerst ereignisreichen September-Tage wollen wir hier chronologisch darstellen.

Zwei Tage am Truppenübungsplatz Allentsteig

  • Tag 1, 10 Uhr: Wir treffen in Stift Zwettl im Waldviertel ein und werden von Jagdkommando-Soldaten empfangen. Gemeinsam geht es zu Fuß zu einer Unterkunft, in der – passend zum Szenario – ein behelfsmäßiger Lehrsaal eingerichtet wurde. Es folgen Erfahrungsberichte der Journalisten Gerhard "Franky" Tuschla und Christian Kreuziger, danach gibt das Jagdkommando erste Einblicke in die Gefahren von Kriegsgebieten.
  • Tag 1, 15 Uhr: Nach einem gemeinsamen Mittagessen lernen wir, wie man einen Unterschlupf aus einem Regenschutz errichtet. Im Anschluss gibt es einen Crash-Kurs im Bereich Handfesseln und wie man sich daraus befreit. Nach ein paar praktischen Befreiungsversuchen geht es auch schon weiter mit dem nächsten Thema: Kartenkunde und Navigieren.

Journalisten als Geiseln

  • Tag 1, 19 Uhr: Zum Abendessen gibt es, wie beim Bundesheer üblich, sogenannte "KV" (Kaltverpflegung) – also Brot und Aufstriche. Der dicht gedrängte Terminplan erlaubt jedoch kein Durchatmen, gleich geht es weiter mit einem Vortrag zum richtigen Verhalten bei Gefangennahme und Geiselhaft.
  • Tag 1, 23 Uhr: Die Vorträge dauern bis in die Nacht und unter uns macht sich Müdigkeit breit. Gegen 23 Uhr war es dann so weit: Eine Gruppe Maskierter stürmt den Lehrsaal und nimmt die Journalisten gefangen. Mit einem Sack über dem Kopf werden wir auf Fahrzeuge verladen und zu einem unbekannten Ort gekarrt. Dort angekommen, werden uns Handschellen angelegt und wir müssen stundenlang in einem Raum ausharren, während die Geiselnehmer – gespielt von filmreif geschulten Soldaten – nicht von uns ablassen und teilen uns ihre Forderungen mit. Der Schlafentzug sorgt bei einigen für Konzentrationsschwäche, wir warten sehnlich auf die Befreiungsaktion des Jagdkommandos.

Übernachten im Freien

  • Die Befreiungsaktion passiert gegen 3 Uhr: Wir werden zu Fahrzeugen gebracht und in ein Waldstück gefahren. Dort angekommen wird gegen 4 Uhr morgens ein weiteres Mal ein Unterschlupf gebastelt, wir schlafen etwa drei Stunden unter freiem Himmel, für viele wohl eine nicht ganz alltägliche Erfahrung.
  • Tag 2, 7.30 Uhr: Die Jagdkommando-Soldaten wecken uns und umgehend geht es zur nächsten Ausbildungsstation: Das Frühstück muss zubereitet werden, zuerst gibt es jedoch eine Einführung in das Errichten einer Feuerstelle sowie Feuermachen mit verschiedenen Zunderarten. Danach wird dehydrierte Nahrung mit kochendem Wasser zubereitet.

Infos zu Minen und Sprengmittel

  • Tag 2, 9 Uhr: Darauf folgt ein Vortrag zum Aufbereiten von Wasser. Im Anschluss geht es actiongeladen weiter: Wir steigen in zwei Hubschrauber vom Typ AB212 und fliegen im Tiefflug zur nächsten Ausbildungsstation.
  • Tag 2, 11 Uhr: Ein Jagdkommando-Soldat begrüßt uns und gibt einen Ausblick auf die nächsten Stunden. Thema ist eine der größten Gefahren für Journalisten in Kriegsgebieten: Minen und Sprengsätze. Die Experten des Bundesheeres gehen auf verschiedene Arten und Typen ein. Im Anschluss folgt eine Sprengvorführung, um die Wucht dieser Waffen veranschaulichen zu können.

Welche Deckungen schützen tatsächlich?

  • Tag 2, 12 Uhr: Mit der Wirkung von Waffen geht es im Anschluss weiter. Dieses Mal nimmt ein Jagdkommando-Soldat verschiedene Deckungen – Holzbretter, eine Autotür oder Ziegelsteine – mit Pistole, Sturmgewehr und Scharfschützengewehr unter Beschuss. Ziel ist es, die Wirkung dieser Waffen auf verschiedene Deckungen zu zeigen – ein grundlegendes Wissen für Menschen in Kriegsgebieten. Im Anschluss haben wir zudem die Möglichkeiten, selbst mit einer Pistole zu feuern. Natürlich unter Aufsicht.

Erneute Gefangennahme

  • Tag 2, 15 Uhr: Wir sind nun seit mehr als 24 Stunden der geballten Information der Soldaten ausgesetzt. Zeit zum Verarbeiten dieses Wissens bleibt dabei kaum. Das straffe Rahmenprogramm wird weiter fortgesetzt, nun übernehmen Polizisten der Cobra die Ausbildung. Weiter geht es mit einer weiteren Übung, dem richtigen Verhalten an Checkpoints. Dazu wird den Seminar-Teilnehmern ein Fahrer zugewiesen, der Auftrag ist, bei einer Pressekonferenz über einen fiktiven Warlord zu berichten.
  • Doch dazu kommt es nicht: Schon am Checkpoint gibt es Probleme mit den Journalisten-Ausweisen, es fallen Schüsse, Unruhe bricht aus. Wir müssen einen angeschossenen Kämpfer – unter den misstrauischen Augen seiner Kameraden – versorgen. Daraufhin werden die Reporter erneut gefangen genommen und mit verbundenen Augen in ein Gebäude geführt. Dort müssen wir ein Verhör über uns ergehen lassen.

Mittlerweile ist es 20 Uhr geworden. Es folgt eine Nachbesprechung, ehe das nicht alltägliche Seminar zu Ende geht. Erschöpft, voll mit neuen Eindrücken und letztendlich auch froh darüber, dass das Seminar nun vorbei ist, blicken wir auf zwei ereignisreiche Tage zurück, die sich mehr anfühlten, wie eine ganze Woche.

Wie wichtig ein derartiges Training ist, zeigt ein Blick auf diese Zahlen: Alleine in diesem Jahr wurden laut Reporter ohne Grenzen 23 Journalisten und vier Medienmitarbeiter getötet, fast 500 Journalisten, Blogger & Co befinden sich in Haft.

(Quelle: SALZBURG24)

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