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Ali Wajid im Interview

"Jetzt weiß ich, wie stark ich wirklich bin"

Ex-Flüchtling über Kampf um Rückkehr nach Salzburg

Wajid Ali, Kenia Wajid Ali/Facebook
Ende Jänner ist Ali Wajid von Salzburg nach Kenia ausgereist. Im Herbst will er über ein Studentenvisum wieder zurückkehren.

Der ehemalige Flüchtling und Kellner-Lehrling in Salzburg Ali Wajid lebt seit Ende Jänner in Kenia. Im Herbst will er mit einem Studentenvisum nach Salzburg zurückkehren. Mit uns hat der 23-Jährige über sein jetziges Leben in Nairobi, seine Wünsche und Sehnsüchte gesprochen.

Salzburg

Ende Jänner ist Ali Wajid vor der bevorstehenden Abschiebung freiwillig nach Kenia ausgereist. Der Pakistani, der 2015 aus familiären Gründen aus seinem Heimatland geflüchtet ist, befand sich von Juli 2018 bis Jänner 2019 in der Stadt Salzburg im Kirchenasyl. Sein Fall hat damals für enorme mediale Aufmerksamkeit gesorgt, da er als Vorzeigebeispiel für die Integration von Flüchtlingen galt und dennoch aus Österreich abgeschoben werden sollte.

Du bist jetzt seit über fünf Monaten in Kenia. Wie geht es dir und was hast du bisher erlebt?

Ich habe in diesen fünf Monaten in Nairobi viel erlebt, das ich bisher in Österreich nicht erlebt habe. Ich habe viel Neues über eine andere Kultur gelernt und darüber, wie die Menschen sind. Ich wohne in einem Studentenheim und verbringe meine Zeit hauptsächlich dort. Und ich habe mich in einer Bibliothek angemeldet. Wenn ich Zeit habe, gehe ich dort hin, um zu lesen.

Was liest du denn gerade?

Im Moment lese ich ein Buch von Winnie Mandela, die Frau von Nelson Mandela. Ich lese, was mir Kraft gibt und versuche aus den Biografien andere Menschen zu lernen.

Wajid Ali, Jenny Wajid Ali/Privat
Ali Wajid im Studentenheim in Kenia.

Fühlst du dich wohl in Nairobi?

Nein, ich fühle mich nicht wohl.

Warum?

Weil meine Zukunft unsicher ist, meine Gedanken sind nicht frei. Ich weiß nicht, was morgen passiert. Auch mein Visum hier ist schon ein paar Mal abgelaufen und ich musste ein paar Mal zur Grenze und wieder zurück. Aber ich bin froh, dass ich hier bin und versuche positiv zu bleiben.

ali wajid strebt studium in #salzburg an - unterstützung auch weiterhin dringend notwendig. Wajid Ali, Elisabeth Mayer, Erzdiözese Salzburg, Josef P. Mautner

Gepostet von Bernhard Jenny am Donnerstag, 4. Juli 2019

Welche Gedanken, Gefühle und Sehnsüchte begleiten dich am meisten?

In der Nacht ist es für mich oft schwer zu schlafen, weil ich viel zu viel nachdenke. Und manchmal kommen die negativen Gedanken einfach. Aber Bernhard Jenny betreut mich sehr gut und im Kirchenasyl in Salzburg hatte ich eine Psychologin, mit der ich auch heute noch immer wieder in Kontakt bin. Man weiß erst, wie stark man ist, wenn man erkennt, dass man keinen anderen Weg hat.

Aber manchmal, wenn ich hier die Studenten oder andere Menschen in meinem Alter sehe, macht mich das traurig. Ich denke mir, wenn ich in Salzburg hätte bleiben können, würde ich jetzt mit 23 Jahren auch auf eigenen Beinen stehen. Und ich vermisse meine Freunde und das Wetter in Salzburg.

Magst du den Sommer?

Ja, sehr sehr gerne!

Und den Winter?

Den Winter mag ich auch. Da hab ich nämlich Snowboarden gelernt. Das war im Jahr 2016 in Flachau. Da habe ich meine ersten Salzburger Freunde kennengelernt, sie sind Snowboard- und Skilehrer. Ich habe heute noch Kontakt mit ihnen.

Was ist im Moment dein allergrößter Wunsch?

Wieder zu Hause in Salzburg zu sein. Schon als ich in Salzburg war, war mein größter Wunsch in Salzburg bleiben zu können.

Was ist dir an Salzburg so ans Herz gewachsen?

Ich habe hier in kurzer Zeit so viel erlebt und Erfahrungen sammeln dürfen, die mich verändert haben. Die Menschen haben mich so gut aufgenommen und mir geholfen, das bedeutet mir sehr viel und berührt mich immer noch.

Du willst ab Herbst in Salzburg ein Studium beginnen. Wie schätzt du deine Chancen tatsächlich ein, dass du nach Salzburg zurückkehren kannst?

Aus meiner Sicht zu 100 Prozent. Wenn ich mich an all das zurückerinnere, das ich erlebt habe – die Verhaftung oder das Schiff, das auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland fast untergegangen ist – sehe ich, was ich alles geschafft habe. Mir wurde ein zweites Leben geschenkt und aus diesem Grund habe ich sehr große Hoffnung, dass das mit dem Studentenvisum klappt.

Du möchtest Philosophie, Politik und Ökonomie studieren. Warum diese Studienrichtungen?

Ökonomie hatte ich schon zwei Jahre am Kolleg in Pakistan. Philosophie und Politik interessieren mich sehr.

Verfolgst du von Kenia aus auch die Politik in Österreich?

Ja, natürlich. Ich verfolge jeden Tag die Nachrichten aus Österreich und schaue mir regelmäßig die ZIB2 an.

Meine Fragen sind damit beendet. Gibt es noch etwas, das du gerne sagen möchtest?

Ja. Die letzten drei bis vier Jahre haben mich erwachsen werden lassen. Diese Erfahrungen, die ich gesammelt habe, die vor allem mit der unterschiedlichen Mentalität der Menschen in Pakistan und Österreich zu tun hat, möchte ich weitergeben. Ich möchte ein Botschafter sein, etwas verändern und die Menschen zusammenbringen.

Wer weiß, vielleicht schreibst du mal ein Buch?

Ja, genau das habe ich vor. Und genau deshalb lese ich im Moment auch viele Biografien. Ich werde damit anfangen, sobald das alles abgeschlossen ist und ich endgültig in Sicherheit und zu Hause in Salzburg bin.

Lieber Wajid, wir wünschen dir für die nächsten Wochen und Monate viel Kraft und vielleicht sehen wir uns an deinem 24. Geburtstag im September ja schon in Salzburg. Vielen Dank für das Interview!

(Quelle: SALZBURG24)

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