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Sonntags-Talk

"Ein Armer geht nicht hungrig vom Haus"

Flüchtlingspfarrer Alois Dürlinger im Interview

IMG_5618.jpg SALZBURG24/Naderer
Alois Dürlinger beim Interview vor der Pfarre Herrnau.

Der gebürtige Pinzgauer Alois Dürlinger ist Salzburgs erster Flüchtlingspfarrer. Bei seinen Bemühungen rund um Menschen auf der Flucht hat er bereits einiges mitgemacht, im Sonntags-Talk erzählt uns der Geistliche von seinen Erlebnissen und woher sein ausgeprägter Wille kommt, Menschen in Not zu helfen.

Dürlinger hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu helfen. Ob im Fall Ali Wajid, nächtigenden Bettlern in der Stadt Salzburg oder die Betreuung Hinterbliebener beim Kriseninterventions-Team des Roten Kreuzes – Dürlingers Engagement kennt keine Grenzen, wie er im Interview ausführlich beschreibt.

SALZBURG24: Herr Dürlinger, Sie werden als Flüchtlingsbeauftragter oder auch Flüchtlingspfarrer bezeichnet. Hat es diesen Begriff schon vor 2015 gegeben?

ALOIS DÜRLINGER: Meines Wissens nach hat es diesen Begriff vorher nicht gegeben. Damals beim Jugoslawienkrieg hat es zwar auch ziemliche Fluchtbewegungen gegeben, aber in meiner Erinnerung war die nicht so groß und dicht in der Wahrnehmung. Diözesan hat es damals aber keinen Zuständigen gegeben.

Wie sind sie zu dieser Rolle gekommen?

Wir haben in St. Veit (Pongau,Anm.) im Mesnerhaus und in der Folge im Pfarrhof im November 2014 die ersten zwölf Männer aufgenommen, die auf der Flucht waren und in Österreich Asyl beantragt haben. Ich sage wir, weil es da einen ganz aktiven Pfarrgemeinderat gab. In kleiner Runde fragte da eine Frau, ob wir im Mesnerhaus nicht Flüchtlinge aufnehmen sollten. Und ich sagte, warum nicht. Genau so schnell hat sich die Entscheidungsfindung ereignet und wir haben daraufhin die Räume adaptiert. Etwa ein halbes Jahr später haben wir den Pfarrhof geöffnet. Die Zahl der Flüchtlinge ist daraufhin auf 25 gestiegen. Wir haben dann in der Pfarre Goldegg ebenfalls Räume angemietet und in Summe 50 Leute aufgenommen. So waren wir das größte diözesane Quartier.

Daraufhin kamen vermehrt Medienanfragen und die Quartiersuche wurde drängender, woraufhin der Erzbischof bei mir anrief, und mich fragte, ob ich ihn unterstütze, vor allem auch gegenüber der Medien, denn ich hätte Erfahrung hat er gemeint. So bin ich dann zu seinem Assistenten und Sprecher geworden. Das war dann im Sommer 2015, begonnen haben wir im Herbst 2014. Wir waren also ein gutes halbes Jahr der großen Fluchtbewegung voraus.

Wir reagieren Flüchtende mit anderem Glauben auf Sie?

Die Verschiedenheit der Religionen war von Anfang an kein Problem und ist nie eines geworden. Ich habe auch niemandem geraten, den christlichen Glauben anzunehmen. Manche waren schon der Ansicht, dass man das aus missionarischer Absicht tun müsse. Denen entgegnete ich, dass Mission weder eine Frage der Worte und der Aufforderung, sondern ein Erleben ist. Der ein oder andere Flüchtende hat sich ja dann auch für das Christentum interessiert, bis hin zur Konversion. Aber ich würde nie jemandem dazu raten, denn das ist ein riesiger Lebensschritt.

Alois Dürlinger SALZBURg24/WURZER
Alois Dürlinger ist Flüchtlingsbeauftragter der Erzdiözese Salzburg.

Welche Erfahrungen haben Sie als Flüchtlingsbeauftragter gemacht, gibt es Erlebnisse, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Hunderte. Halbe Nächte Gespräche geführt, Fluchtgeschichten, alles rund um die Einvernahmen, Negativ-Bescheide, Positiv-Bescheide, zweiter Negativ-Bescheid, Flucht auf der Flucht – also, dass Menschen sich entschlossen haben, Österreich wieder zu verlassen aus Angst vor Abschiebung.

In St. Veit, wo ich gewohnt habe, gibt es zwischen Mesnerhaus und Pfarrhof einen großen Torbogen. Durch diesen Torbogen habe ich viele kommen und viele gehen gesehen – bewegend. Und als einige Flüchtlinge mitbekommen haben, dass ich etwas verkühlt bin, haben sie Blumen gekauft und sind damit vor meiner Türe gestanden. Das sind schon bewegende Momente.

Wie ist hier Ihre Erfahrung im Umgang mit den Behörden?

Die erste Behörde ist da natürlich das BFA, das Bundesamt für Asyl. Dort habe ich mit der Direktorin und dem stellvertretende Direktor eine gute Zusammenarbeit erlebt. Was die sogenannten Interviews oder Einvernahmen angeht – da war ich ja bei etlichen als Vertrauensperson mit dabei – da habe ich die ganze Palette erlebt, von sehr kompetent, genau, gründlich und fair, bis hin zu herablassend und erniedrigend.

Aktuell gibt es ja den Fall um den afghanischen Kochlehrling in Unken (Pinzgau, Anm.), der abgeholt und abgeschoben werden sollte und sich nun in Kirchenasyl befindet. Wie sehen sie diese Angelegenheit?

Nun, das Kirchenasyl gibt es ja nirgends mehr als Rechtsinstitut, sondern als Begriff aus früheren Zeiten, in denen die Kirche heilige Bezirke hatte. Im Fall von Unken ist zu sagen, dass der dortige Pfarrer, Ernst Mühlbacher, völlig eigenständig und schnell gehandelt hat. Ich würde es so zusammenfassen: Er hat sein Gewissen befragt, sich gefragt, was vernünftig ist und hat Barmherzigkeit walten lassen. So gesehen hat er meinen Respekt und meine Unterstützung.

Gibt es beim Thema Asyl Ihrerseits Wünsche an die neue Regierung?

Gewissen, Vernunft und Barmherzigkeit – das wäre auch für eine Regierung ein gutes Anforderungsprofil. Aktuell liegt ja seit Tagen in der Luft, dass man in Lehre Befindliche nicht mehr abschiebt. Ich würde das ausweiten auf in Ausbildung oder Arbeitsprozessen Befindliche.

Seit dem Einsetzen der großen Fluchtbewegung sind nun gut vier Jahre vergangen. Warum ist das Thema Asyl und Migration nach wie vor so sensibel?

Sensibel ist das Thema, weil es um Menschen in Bedrängnis geht. Ich glaube aber auch, dass es dort und da einfach an Klarheit und an einem Mindestmaß an Mut fehlt, Position zu beziehen. Es ist ja kurios. Seit dem Einsetzen der Flüchtlingskrise sind vier Jahre vergangen und die Zahlen haben sich weit reduziert. Der öffentliche und vor allem der politische, rechte Diskurs aber schafft es und bemüht sich, das Problem künstlich groß zu halten. Und deshalb entsteht eine ganz sonderbare Stimmung. Die Wahlkämpfe haben natürlich das ihre dazugetan.

Sie haben sich im vergangenen Winter der Bettler im Volksgarten angenommen, deren Strafen für das Nächtigen übernommen sowie Unterkünfte zur Verfügung gestellt. Woher kommt Ihr ausgeprägter Wille, so vielen Menschen in ihrer Not helfen zu wollen?

Ich stamme aus einer großen Bauernfamilie mit einer soliden, aber offenen religiösen Prägung. Und ich glaube, ich habe in dieser Familie einen Grundanstand gelernt. Als ich Kind war, waren noch regelmäßig Bettler unterwegs, die von Hof zu Hof gegangen sind und Essen erbeten oder eine Nacht genächtigt haben. In meinem Elternhaus gab es einen Grundsatz: „Ein Armer geht nicht hungrig vom Haus“ – das ist vielleicht meine Grundprägung.

Herr Dürlinger, Sie sind im Pinzgau geboren, haben die letzten 30 Jahre im Pongau verbracht und leben nun in der Stadt Salzburg. Fehlt Ihnen das Innergebirg manchmal?

Ich sag so: Wenn ich bei mir in den oberen Stock gehe, sehe ich in Richtung Pass Lueg, den Untersberg, den Staufen und den Gaisberg. Sicher, das Innergebirg ist eine sehr schöne Gegend, also wenn mir sehr danach ist, fahre ich einfach hinein. Ich habe ja gewusst, worauf ich mich mit dem Wechsel einlasse und habe das Glück, dass dort wo ich bin, ich mich auch zuhause fühle.

Herr Dürlinger, vielen Dank für das Gespräch.

Sehr gerne.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

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