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Atlantiküberquerung

"Zuerst gibt man im Kopf auf"

Salzburger Sportpsychologe über die Herausforderungen

Günter Amesberger, Archivbild Neumayr/SB
Günter Amesberger weiß, wie man sich auf Extremsituationen menalt vorbereiten kann. (ARCHIVBILD)

Seit Mitte Dezember ist der Salzburger Wolfgang „Dewey“ Fankhauser mit seinem Ruderboot auf dem Atlantik unterwegs. Sein Ziel: Das 4.800 Kilometer entfernte Antigua. Der Salzburger Sportpsychologe Günter Amesberger weiß, welche Strategien beim Durchhalten helfen und, welche Vorbereitungen es braucht.

Als verrückt hat Fankhausers Familie das Vorhaben bezeichnet, wie er im Interview mit SALZBURG24 schilderte (zum Gespräch). Amesberger sagt, dass die Überlegungen hinter solchen Extremabenteuern oft rationaler seien, als häufig vermutet wird: „Die Menschen setzen damit einen Meilenstein in ihrer Biografie. Da kalkulieren sie sehr intensiv im Hintergrund.“

4.800 Kilometer über den Atlantik rudern? Nur mit Muskelkraft und alleine an einem Stück? ???? Wolfgang Fankhauser ist...

Gepostet von SALZBURG24 am Donnerstag, 9. Januar 2020

Strategien zum Durchhalten

Jene, die solche Wagnisse in Angriff nehmen, haben laut dem Sportpsychologen ein klares Ziel vor Augen. Essentiell ist dabei, dass vor allem sie selbst das Ziel für realisierbar halten. Zudem legt man sich Strategien zu, um durchzuhalten. Gerade wenn es um sehr lange Strecken gehe – wie auch beim Salzburger Extremruderer – zerlegt man sich die Route in kleinere Abschnitte, damit sie nicht unendlich erscheint. Bei einer Fahrt über den Atlantik gebe es wohl wenig Anhaltspunkte, an denen man die zurückgelegte Distanz festmachen könnte, vermutet Amesberger.

In der Vorbereitung sei es wesentlich, die möglichen Herausforderungen – mentaler sowie körperlicher Natur – genau durchzugehen und sich jeweils Wege für deren Bewältigung zu überlegen. „Gerade bei Ausdauerstrecken wird viel mit Ablenkungsstrategien gearbeitet“, weiß der Psychologe. Als Beispiel nennt er einen Spaziergang, der viel schneller vergeht, wenn man nebenbei plaudert, als wenn man sich Gedanken darüber macht, wie weit man noch gehen muss.

Wolfgang Fankhauser, Dewey, Rudern, Talisker Atlantic Challenge FMT-Pictures/FM
Der Salzburger will nur mithilfe eines Ruderbootes den Atlantik überqueren.

Atlantiküberquerung: Energiehaushalt muss passen

Ein weiterer Knackpunkt sei die Ernährung. Unter solch extremen Bedingungen muss der Energiehaushalt stimmen, dazu müsse man oft mehr trinken oder essen als man eigentlich wolle. „Der Sportler muss sich genau überlegen, woran er merkt, dass dieses Gleichgewicht einigermaßen passt und funktioniert. Das geht man mental auch x-Mal durch.“

Amesberger: "Mehr leisten, als leistbar erscheint"

Wie entscheidend die mentale Stärke für Extremvorhaben ist, verdeutlicht Amesberger mit einem Zitat des bekannten Sportpsychologen Hans Eberspächer: „Man gibt immer zuerst im Kopf auf.“ In diesen Momenten sollte man sich voll und ganz auf sein Ziel konzentrieren. Stößt der Körper an sein Limit, sind „Personen solchen Schlages in der Lage, über diese Grenze drüberzugehen und mehr zu leisten, als leistbar erscheint.“

Selbstermächtigung und soziale Anerkennung

Spezielle Persönlichkeiten würden diese Leute aber nicht mitbringen. „Es ist eher die Frage, wo kommt das Ziel her, warum ist mir das so wichtig, was gewinne ich daraus: Diese Werte machen es aus, dass Personen so etwas durchhalten“, ist Amesberger überzeugt. Der Reiz liege auch darin, für die Erreichung des Ziels völlig allein zuständig zu sein. „Das ist etwas, dass man in der Gesellschaft selten erlebt, aber für die Selbstdefinition ein wichtiger Aspekt.“ Zusätzlich kann eine solche Erfahrung das Selbstwertgefühl stärken, soziale Anerkennung bringen und auf existenzielle Fragen des eigenen Lebens Antwort geben.

(Quelle: SALZBURG24)

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