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Hürden für Behinderte

Bei Barrierefreiheit ist Salzburg "30 Jahre hinterher"

Gehörlose und Rollstuhlfahrer fordern Verbesserungen

Rollstuhl, Behinderung, SB Bilderbox
Menschen mit Behinderung müssen in Salzburg immer noch viele Hürden überwinden. (SYMBOLBILD)

Menschen mit Behinderung müssen in Stadt und Land Salzburg im Alltag nach wie vor viele Hürden überwinden. Zwei Tage vor dem internationalen Tag der Menschen mit Behinderung haben wir Betroffene befragt, wo es Nachholbedarf gibt und was das Land Salzburg dafür macht.

Seekirchen am Wallersee

Gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen erarbeitet das Land Salzburg den Landesaktionsplan „MIT-einander“ zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Das Ziel sei eine inklusive Gesellschaft, in der jeder Mensch die gleichen Chancen, Rechte und Möglichkeiten zur Teilhabe hat. Aktuell seien die Umsetzungen für Betroffene allerdings ausbaufähig, wie SALZBURG24 von den Vereinen der Gehörlosen und Rollstuhlfahrer erfuhr.

Corona-Pandemie verzögert Umsetzung

Der Landesaktionsplan wurde im Juni 2018 gestartet. Aufgrund der Corona-Pandemie verzögerte sich die Weiterführung des Prozesses, ab April konnten schließlich wieder Workshops zu den verschiedenen Themenbereichen durchgeführt werden, teilt das Land in einer Aussendung mit. Die UN-Verordnung sei allerdings schon vor zehn Jahren beschlossen worden. Ihre Umsetzung hinke daher weit hinterher, merkt der Geschäftsführer des Salzburger Gehörlosenverbandes, Reinhard Grobbauer, gegenüber SALZBURG24 an.

 

Gehörlose klagen über Mangel an Information

Das Thema Corona-Pandemie ist auch bei den Gehörlosen seit knapp zwei Jahren ein Brennpunkt. Grobbauer, selbst taub, ließ seine Anliegen über Gebärden-Dolmetscher Andreas Schodterer telefonisch übermitteln. „Wir bekommen keine schnellen Informationen in Gebärdensprache. Meist kommt alles nur langsam und fehlerhaft bei uns an“, so der Geschäftsführer. Es müsse auch besser erklärt werden, wie man mit Gehörlosen kommuniziert. „90 Prozent der Leute nehmen ihre Maske nicht ab, wenn sie mit Gehörlosen sprechen“, so der Salzburger. Das macht Lippenlesen unmöglich.

ORF wehrt sich gegen Untertitel

Gerade in pandemischen Zeiten sind Informationen sehr wichtig. Umso größer der Ärger, dass TV-Sendungen wie „ORF Salzburg“ nicht mit Untertiteln versehen werden. „Wir setzen uns seit Jahren dafür ein. Der Verband und das Land Salzburg würden sogar Kosten dafür übernehmen“, prangert der 62-Jährige an. „Aber der ORF sagt nur, dass das technisch nicht umsetzbar ist“, ärgert sich Grobbauer. „Österreich ist 30 Jahre hinterher!“ Laut ORF-Kundendienst sollte der Service möglich sein bzw. ist in Planung.

Es hätte allerdings auch viele Fortschritte gegeben. Von 100 Prozent sei man in Österreich und Salzburg allerdings noch weit entfernt. So hätten Gehörlose zum Beispiel erst am Tag danach von Sirenenproben aus der Zeitung erfahren. Vom tatsächlichen Alarm bekommen sie nichts mit. Große Einschnitte gebe es im Freizeitbereich: „Es ist unmöglich einen Dolmetscher für private Situationen zu bekommen oder ins Kino und Theater zu gehen, da es keine Untertitel gibt“, zeigt Grobbauer auf.

Besser seien Ämter in der Stadt Salzburg ausgestattet. Hier gibt es viele digitale Angebote, wo in Gebärdensprache übersetzt wird. Im Land Salzburg hinke man noch hinterher, aber es werde besser, auch weil der Verband hier eingebunden ist.

Italien als Vorbild

Auch der Verein „Rolling Home“ wünscht sich Verbesserungen für Rollstuhlfahrer in Stadt und Land Salzburg. „Italien ist hier ein absolutes Vorbildland. In Städten wie Grado oder Lignano hat jedes Beisl ein Rollstuhl-WC, teilweise sogar mit Hebelift“, erzählt Obfrau Martina Auberger im S24-Gespräch. In Salzburg fehle einfach der Zugang, um zu verstehen, was Menschen mit Behinderung benötigen.

Gesetz für Barrierefreiheit gefordert

Rollstuhlgerechte Rampen vor Geschäften oder an Gehsteigen und Toiletten würden nicht umgesetzt, weil es nicht vorgeschrieben ist. „Es sollte ein Gesetz gemacht werden, sonst passiert nichts. Nur so schafft man ein Bewusstsein“. Förderungen sollten dafür laut Auberger als Anreiz dienen. „Das Gesetz empfiehlt nur, straft aber nicht“. Bereits kleinste Hürden könnten für Rollstuhlfahrer oft nur schwer überwindbar sein. „Es kommt auf die Art der Behinderung an. Während ein Querschnittgelähmter im Oberkörper mehr Kraft hat, ist ein Mensch mit einer Spastik schwer eingeschränkt“, weiß die Obfrau.

Das Problem gebe es zum Beispiel vor vielen Geschäften in der Salzburger Altstadt. Besser zugänglich seien die meisten Einkaufscenter, aber auch der Großteil der Öffis in Salzburg oder Aubergers Heimatgemeinde Seekirchen. Generell sei der Ortskern in der Flachgauer Gemeinde gut ausgebaut, was Barrierefreiheit betrifft.

Menschen mit Behinderung in Planung einbauen

Das würde sich Auberger für ganz Salzburg wünschen. Daher wäre es wünschenswert, wenn zum Beispiel Rollstuhlfahrer in die Planungen einbezogen würden. Weil das Verständnis für die notwendigen Bedingungen ganz anders sei. Noch gebe es überall diese „kleinen Hoppalas“, die Rollstuhlfahrern den Alltag erschweren. „Es gibt zum Beispiel viel zu wenig öffentliche Behinderten-Toiletten. Das ist schwach für eine Touristenstadt wie Salzburg“, zeigt die Flachgauerin nur eines von vielen Beispielen auf.

Betroffene arbeiten für Inklusion

Für eine Verbesserung forciert das Land Salzburg nun die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Zusammenarbeit mit Betroffenen. Elf Menschen mit Behinderungen begleiten daher als Expertinnen und Experten in eigener Sache den gesamten Prozess des Landesaktionsplans. "Für uns ist ein wesentlich wichtiger nächster Schritt die Begleitung und auch Beobachtung der Umsetzung der Maßnahmen. Denn wir sind der Meinung, dass uns diese Maßnahmen zur Umsetzung der Menschenrechte für Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen ein großes Stück zu einer inklusiveren Teilhabe in unserer Gesellschaft näherbringt", ist sich Gruppenmitglied Sonja Stadler sicher.

(Quelle: SALZBURG24)

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