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Parasiten richtig entfernen

Salzburger Arzt über Zecken, FSME und Borreliose

Christian Bsteh räumt im Interview mit Mythen auf

Um Zecken – die klitzekleinen linsenförmigen Parasiten mit acht Beinen – ranken sich zahlreiche Mythen und Fehlinformationen. Wir haben mit Dr. Christian Bsteh über mögliche gesundheitliche Risiken eines Zeckenstiches, das richtige Entfernen und die Bedeutung einer FSME-Impfung gesprochen.

Salzburg

Weltweit gibt es über 800 verschiedene Zeckenarten, in Österreich sind 18 davon heimisch. Zu diesem Thema haben wir Christian Bsteh, Fachgruppen-Obmann für Neurologie in der Österreichischen Ärztekammer, zum Interview getroffen.

SALZBURG24: Wo fühlt sich eine Zecke besonders wohl am menschlichen Körper?

DR. CHRISTIAN BSTEH: Zecken können sich nahezu überall am Menschen festsetzen. Sie krabbeln am Körper entlang, weil sie sich auf Nahrungssuche befinden. Die kleinen Tiere bevorzugen die warmen und feuchten Gegenden, also in den Achseln, der Leistenbeuge, im Bauchbereich um den Nabel herum oder am Haaransatz hinter dem Ohr.

Überträgt eigentlich jede Zecke auch Krankheiten?

Nein, absolut nicht. Wie bei jedem Infektionsgeschehen ist nur ein gewisser Prozentsatz der Zecken Krankheitsüberträger. Der Anteil hat aber zugenommen und die Zecken haben sich räumlich ausgebreitet.

Zu welcher Zeit im Jahr kann in unseren Gefilden mit Zecken gerechnet werden?

Exakt kann man das nicht sagen, weil sich das durch die Änderungen der Wärmeperioden verschiebt. Heuer wurden schon Ende Februar erste Aktivitäten festgestellt, im März dann auf jeden Fall. Im letzten Jahr ging es bis in den milden November hinein. Die erste richtige Frostperiode läutet dann das Ende ein.

Wie entferne ich eine Zecke richtig?

Wer oft draußen unterwegs ist, der sollte sich angewöhnen, abends den Körper nach möglichen Zeckenstichen abzusuchen. Wenn man eine Zecke entdeckt, die sich schon festgesetzt hat, ist nur wichtig, dass sie auch entfernt wird. Relativ unerheblich ist es, ob die Kopf- und Beißwerkzeuge noch am Körper haften bleiben. Diese Sorge ist übertrieben.

SB: Zeckenbiss, Zecke, Zeckenstich, FSME, Borreliose APA/NOVARTIS VACCINES
Eine Zecke krabbelt auf der Haut eines Menschen. (SYMBOLBILD)

Die Zecke wird an der Basis gepackt. Dabei ist es eigentlich egal, ob man eine Pinzette, Gabel oder Schlaufe dabei hat. Wichtig ist, den Parasiten möglichst nahe an der Haut zu fassen und abzuziehen. Und es ist egal in welche Richtung. Der gefüllte Ballon des Tieres sollte nur möglichst nicht ausgedrückt werden.

Und wie kann man sich präventiv gegen Zecken schützen?

Die Zecke springt an auf 37 Grad und Buttersäuregeruch (Schweiß, Anm.), darum ist lange Kleidung das Entscheidende. Herkömmlicher Insektenschutz hilft nicht. Es gibt auch sicher viele Hausmittel, die ich aus medizinischer Sicht aber nicht empfehlen möchte. Ein häufiger Irrtum ist, dass Zecken von Bäumen herunterfallen. Das passiert nur sehr selten. Der Hauptort, wo sie auf den Menschen übergehen, ist höheres Gras und Buschwerk.

Welche konkreten Gefahren können von einem Zeckenstich ausgehen?

Hauptsächliche Infektionen, die hierzulande von einer Zecke übertragen werden können, sind die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und die Borreliose.

 

FSME-Erreger sind im Speichel der Zecke zu finden und kommen so rasch in den Körper des Wirten, also Menschen. Hier reichen nur einige Stunden aus, bis die Infektion stattfindet. Ganz anders ist das bei der Borreliose: Die Erreger finden sich im Darm des Tieres. Erst nach etwa zehn Stunden – also nach der Nahrungsaufnahme der Zecke – werden die Borrelien in den Blutkreislauf des Menschen übertragen.

Wie äußern sich beide Erkrankungen?

FSME wird durch einen Virus ausgelöst und führt zu einer Hirnhaut- und Hirnentzündung, die mit Kopfschmerzen und Nackensteife auch glimpflich ablaufen kann. Dennoch kann sie schwere Hirnschäden auslösen. Es gibt nur eine vernünftige Maßnahme, die ich doppelt und dreifach unterschreiben kann: Impfen! Die FSME-Impfung ist unproblematisch und sehr sicher in der Durchführung sowie im Bezug ihrer Wirksamkeit.

Und wie ist es bei der Borreliose?

Da ist es anders, weil die Erkrankung im weitesten Sinne bakterieller Natur ist. Der Erreger kommt durch den Parasiten in den Körper und bleibt vorerst meistens lokal. In vielen Fällen folgt eine unproblematische, asymptomatische Phase. 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung hierzulande dürften eine solche Infektion irgendwann mal gehabt haben, ohne es zu merken. Das frühe lokale Stadium zeigt sich oftmals durch die sogenannte Wanderröte, die sehr charakteristisch für Borreliose ist. Das passiert üblicherweise in den ersten sechs Wochen und ist nicht zu verwechseln mit der Bissstelle.

Was mache ich dann?

Wer so etwas bemerkt, sollte zum Hausarzt gehen. Im üblichen Fall wird dann für mindestens zwei Wochen Antibiotikum verschrieben. Damit hat man die Erkrankung geheilt. Zwei oder drei Wochen nach dem Biss können überwiegend das Nervensystem, die Gelenke oder der Herzmuskel entzündlich betroffen sein. Das findet aber nur bei einem ganz kleinen Prozentsatz der Gesamtinfektionen statt.

Wie wird die Borreliose diagnostiziert, wenn keine Wanderröte entdeckt wurde?

Bei einer Diagnose geht es um die Symptome, die ein Patient zeigt. Verschiedene typische Verlaufsformen gibt es bei der Neuroborreliose, die aber wohlgemerkt ein sehr seltenes Ereignis ist (3 Prozent aller Borrelioseerkrankungen, Anm.): Das kann eine Meningitis sein, was sich auf Teile des Nervensystem auswirken kann. Dann kann es zu sehr schmerzhaften Zuständen entlang einer Nervenwurzel im Lendenbereich oder – eher häufiger – im Bereich der oberen Extremitäten kommen, verbunden mit einer motorischen Schwäche und Gefühlstörungen im Bereich des Armes oder der Hand. Ein weiteres Symptom ist die Gesichtslähmung. Es kann eigentlich alles, bis auf den Riechnerv, betroffen sein. In solchen Fällen wird der Mediziner eine zusätzliche Diagnostik anstellen. Wenn der Verdacht auf eine Neuroborreliose besteht, dann ist dieser Patient stationär abzuklären und es muss zwingend eine Liquorpunktion durchgeführt werden.

Was passiert, wenn eine Borreliose nicht entdeckt und nicht behandelt wird?

Eines möchte ich dazu vorab anmerken: Eine Neuroborreliose kann nahezu immer mit einer adäquaten antibiotischen Behandlung geheilt und somit in den allermeisten Fällen bereinigt werden. Bei unerkannten Formen gibt es schon die sogenannte späte Manifestation. Chronische Gelenksentzündungen dürften dann vorkommen und es gibt auch in der Spätphase – das ist aber eine absolute Seltenheit – Schädigungen im Nervensystem, die eher das Rückenmark betreffen und zu Lähmungserscheinungen führen können, verbunden mit Blasenstörungen. Auch im Gehirn können Veränderungen stattfinden, die sich beispielsweise in Psychosen auswirken können – das ist aber extrem selten.

Interview mit Christian Bsteh, Neurologe, Arzt, Arztpraxis, SALZBURG24 / Marcel Wurzer
S24-Redakteur Thomas Pfeifer (li.) beim Interviewtermin in der Praxis von Dr. Christian Bsteh in der Stadt Salzburg.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass anstatt Borreliose eine Multiple Sklerose diagnostiziert wird?

Dem typischen Bild entspricht es nicht. Aber besonders die multiple Sklerose (MS) ist eine unglaublich vielgesichtige Erkrankung, die alle möglichen neurologischen Ausfälle und Symptome in verschiedener zeitlicher Abfolge generieren kann. MS ist in der Neurologie fast immer eine mögliche Differentialdiagnose. Sowas kann man schlecht ausschließen, weil bei beiden Erkrankungen zum Beispiel bei den Symptomen eine Gesichtslähmung vorkommen kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Quelle: SALZBURG24)

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