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Sozialarbeiter im Homeoffice

Corona bringt Salzburgs Bewährungshelfer an Grenzen

Verein Neustart muss Anti-Gewalttrainings pausieren

Peter Wieser 980 735.jpg SALZBURG24/Posani
Bewährungshelfer Peter Wieser arbeitet seit über 30 Jahren für den Verein Neustart. (ARCHIVBILD)

Abgesagte Anti-Gewalttrainings, Bewährungshilfe über das Telefon und Beratungsgespräche mit FFP2-Maske: Auch der Verein Neustart musste im Zuge der Pandemie seine Arbeitsweise anpassen, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Für viele Klienten sei die Situation "enorm demotivierend", schildert ein Bewährungshelfer die Lage. Manche hätten die Betreuung sogar gänzlich abgebrochen.

Mit Kurzarbeit und Homeoffice mussten sich seit Beginn der Corona-Pandemie viele Salzburger herumschlagen. Auch die Sozialarbeiter des Vereins Neustart, der unter anderem die richterlich angeordnete Bewährungshilfe übernimmt, mussten ihre Arbeitsweise anpassen. Beratungsgespräche werden teilweise von Zuhause aus geführt, manche Angebote mussten zeitweise sogar pausiert werden. Zusätzlich erschwert werde die Arbeit in der Bewährungshilfe von der "schlechten Situation am Arbeitsmarkt", berichtet Bewährungshelfer Peter Wieser im Gespräch mit SALZBURG24.

Kaum Chancen bei Job- und Wohnungssuche

Durch die wenigen ausgeschriebenen Stellen und vielen Arbeitslosen hätten die Ex-Häftlinge, die vom Verein beraten werden, zuletzt kaum eine Chance gehabt, eingestellt zu werden. Auch Amtsgänge seien aufwändig bis unmöglich gewesen. „Alles ist stillgestanden“, fasst der Sozialarbeiter die vergangenen Monate zusammen. Für die Klienten sei das „enorm demotivierend“. Manche seien sogar komplett von der Bildfläche verschwunden, etwa weil sie kein Handy besitzen, um sich telefonisch beraten zu lassen.

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Bewährungshelfer Peter Wieser arbeitet seit über 30 Jahren für den Verein Neustart. (ARCHIVBILD)

Bewährungshelfer Peter Wieser über seine Arbeit

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Der Verein Neustart betreut österreichweit sowohl Straftäter als auch Opfer von Straftaten. Bewährungs- und Haftentlassungshilfe, Anti-Gewalttrainings und Ausgleichsgespräche sollen die Kriminalität reduzieren. Die Erfolgsquote dabei lässt sich sehen: Zirka 70 Prozent jener, die auf richterliche Anordnung zur Bewährungshilfe gehen, bleiben nach der etwa drei Jahre dauernden Betreuung laut dem Verein rückfallfrei. Beim freiwilligen Täter-Opfer-Ausgleich sind es sogar 87 Prozent.

Anti-Gewalttrainings pausiert

Manche Angebote des Vereins habe man während der Pandemie immer wieder aussetzen müssen. Anti-Gewalttrainings etwa hätten zeitweise überhaupt nicht stattfinden können. Das sei in mehrerer Hinsicht problematisch, meint Wieser. Verschobene Gruppentrainings müssten nachgeholt werden, gleichzeitig kämen aber laufend neue Anfragen rein. Unterbrechungen würden außerdem die Gruppendynamik stören, Kontinuität sei durch die ständig wechselnden Corona-Maßnahmen schwer zu gewährleisten.

Arbeit für Verein Neustart in Pandemie nicht weniger

Auch die Durchführung von „Tatausgleichen“, also schlichtenden Gesprächen zwischen Tätern und Opfern, sei durch die Pandemie schwierig geworden. Betreuungsgespräche mit Maske seien allgemein eine Herausforderung, da die Mimik der Menschen als Kommunikationsmittel wegfällt. Wie viele Klienten der Verein in den vergangenen Monaten betreut hat, konnte Wieser nicht sagen. Es seien aber sicherlich weniger gewesen als in den Jahren vor der Pandemie. Der Arbeitsaufwand sei dennoch nicht gesunken, denn viele, die weiterhin Betreuung in Anspruch nehmen, hätten nun häufig besonders starkes Redebedürfnis.

„Saftladen“ in Salzburg für Notfälle offen

Umso stolzer sei man angesichts dessen darauf, dass zumindest der „Saftladen“ in der Schallmooser Hauptstraße 38 mit Ausnahme einer einzigen Woche durchgehend offen halten konnte. Das Café des Vereins sei als „tagesstrukturierende Einrichtung“ für viele Randgruppen eine wichtige Anlaufstelle, um aus den eigenen vier Wänden und unter Leute zu kommen. Essen und trinken war zwar nicht immer erlaubt, zum Duschen und Waschen und für Notfälle habe man aber auch während der Lockdowns aufgeschlossen. Für die Maßnahmen hätten die Klienten großes Verständnis. Einsamkeit und Ängste hätten bei einigen aber bestehende Krankheitsbilder verstärkt, berichtet der Sozialarbeiter.

Saftladen Saftladen
(SYMBOLBILD)

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Bewährungshelfern geht Humor aus

Für die Bewährungshelfer in Salzburg sei im Homeoffice vor allem der fehlende Austausch mit den Kollegen eine enorme Belastung. „Man ist mit seinem Frust alleine“, beschreibt Wieser die schlechte Stimmung. Langsam gehe ihnen deshalb der Humor aus. „Aber wir arbeiten ja aus Überzeugung. Solange es uns zumindest zwischendurch noch gelingt, zu lachen, schaffen wir das.“

(Quelle: SALZBURG24)

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