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Langzeitfolgen

Was machen monatelange Einschränkungen mit uns?

Wie Menschen auf die Corona-Krise reagieren

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Die monatelangen Einschränkungen gingen an den Menschen nicht spurlos vorbei. (SYMBOLBILD)

In Österreich steht der Lockdown vor einer Verlängerung, viele Menschen reagieren mittlerweile genervt auf die aktuelle Situation. Was genau machen die monatelangen Maßnahmen mit unserer Psyche und wie wirken sie sich auf unser Verhalten aus? Wir haben beim Salzburger Psychotherapeuten Friedrich Faltner nachgefragt.

Vor rund zehn Monaten wurde in Österreich mit einem Lockdown und Ausgangsbeschränkungen auf das Coronavirus reagiert. Waren damals noch viele der Ansicht, nach ein paar Wochen der Einschränkungen wieder voll ins Leben starten zu können, machte sich spätestens im Herbst Ernüchterung breit: Die Pandemie war keineswegs vorbei, die Maßnahmen wurden sogar verschärft.

Faltner: "Wir sind soziale Wesen"

Wie aber wirken sich die Maßnahmen auf die Psyche der Menschen aus? "Wir sind soziale Wesen, wir brauchen physischen Kontakt, nicht nur digitalen. Zudem wurden die Menschen aus ihrer gewohnten Sicherheit herausgerissen", teilt Friedrich Faltner, Psychotherapeut und Vorstand des Salzburger Landesverbands für Psychotherapie (SLP), im Gespräch mit SALZBURG24 mit. Dazu komme die Unsicherheit durch einen unsichtbaren Feind, der jederzeit zuschlagen kann.

Angsterkrankungen haben sich vervierfacht

Wie Faltner weiter ausführt, hat sich in den vergangenen Monaten die Zahl der Depressionen und Angst-Erkrankungen vervierfacht. Des Weiteren mache sich bei den Menschen eine Art  Verbitterung und Ärger breit. "Das führt dazu, dass es viele Theorien dazu gibt, was diese Pandemie 'eigentlich' ist." Verschwörungstheorien seien somit ein Ergebnis einer weitgehend unsicheren Gesamtsituation.

 

Unterschiedliche Reaktionen auf Corona-Krise

Die Menschen reagieren dabei mitunter sehr unterschiedlich auf die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen. Auch wenn dieses Thema in der Wissenschaft noch kaum erforscht ist, so unterteilt Faltner in drei Kategorien:

  1. Regressive Reaktion: Die Menschen ziehen sich zurück. Dabei können auch depressive Elemente enthalten sein.
  2. Verbitterung: Die Menschen gehen nach außen, sie ärgern sich und bringen ihre Wut auf Politik, Virologen und Menschen, die nicht ihre Ansicht teilen, zum Ausdruck.
  3. Nüchternheit: Menschen, welche die Krise als Problem sehen, sich an die Maßnahmen halten und dabei weder Angst noch ein Leugnen der Situation zulassen.

Wie reagieren Menschen auf das Pandemie-Ende?

In Österreich sind die Impfungen gegen das Coronavirus erst angelaufen, das Prozedere wird aus derzeitiger Sicht bis Sommer dauern. Angenommen, die Pandemie kann daraufhin für beendet erklärt werden, werden die Maßnahmen unser gesellschaftliches Zusammenleben dennoch weiter beeinflussen? Auch hier unterscheidet der SLP-Vorstand drei Gruppen:

  1. Nachholbedarf: Eine Gruppe von Menschen, die sich wieder voll ins alte Leben wirft. Also zurück in die Zeit vor der Pandemie, Events besuchen, Reisen und Sport treiben.
  2. Vorsicht: Diese Gruppe geht mit Vorsicht an die Wiedereröffnung heran. Man gibt sich zurückhaltend, achtet weiter auf die Gesundheit und die eigene finanzielle Situation.
  3. Veränderung: Diese Menschen sehen die Pandemie als Chance, etwas Neues zu lernen und verändern ihr eigenes Leben ein Stück weit. Es werden neue Lebensprioritäten gesetzt und das eigene Konsumverhalten überdacht.
 

Ist eine Rückkehr zur "Normalität" überhaupt möglich?

Doch ist eine Rückkehr zu einer Realität, wie wir sie vor der Corona-Krise kannten, überhaupt möglich? Faltner: "Die Frage ist, wie wir im Kollektiv mit dieser weltweiten, ungeheuren Erschütterung umgehen. Können wir sie bald wieder ausblenden? Hat sie nicht nur ökonomische, sondern auch psychische Spuren hinterlassen? Eröffnet sie Lernmöglichkeiten? Oder wollen wir einfach nur wieder zurück zu dem, was wir als 'normal' bezeichnen?"

Bedarf an neuen Ideen und Vorstellungen

Es komme also ganz auf den individuellen Umgang der Menschen mit diesem Dauerschockerlebnis an. "Die Frage nach den Auswirkungen hängt sehr davon ab, ob die Menschen eher die Vorstellung haben, dass alles wieder normal wird, oder ob sie der Ansicht sind, dass man nun manches vielleicht anders machen muss", gibt Faltner einen Ausblick. Dazu brauche es aber vor allem in der Politik und bei Meinungsbildnern neue Ideen und Vorstellungen.

Die Pandemie bringt jedenfalls beträchtliche Herausforderungen für die Menschen mit sich und sorgt bei vielen für Angst und Verzweiflung. Schon jetzt sei eine erhöhte Suizidrate erkennbar. Menschen, die von Angstzuständen betroffen sind, rät Faltner, das Angebot der Psychotherapeuten unbedingt zu nutzen und das Gespräch zu suchen.

(Quelle: SALZBURG24)

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