Jetzt Live
Startseite Salzburg
Verschwörungsphantasien

Wie Corona und Antisemitismus zusammenhängen

Salzburger Historikerin erklärt Verknüpfung

symb_Antisemitismus APA/dpa/Christophe Gateau
Juden und Jüdinnen sehen sich vermehrt mit antisemitischen Äußerungen konfrontiert (SYMBOLBILD).

"Die Juden stecken hinter dem Coronavirus" – das glaubt einer Studie der Universität Oxford zufolge jeder fünfte Brite. Auch bei uns befeuert die Corona-Krise den Antisemitismus, der häufig im Zusammenhang mit Verschwörungsmythen steht. Warum dem so ist und wie man hier gegensteuern kann, erklärt Historikerin Helga Embacher im SALZBURG24-Interview.

Das Ergebnis, das die jüngste Antisemitismus-Studie im März zutage fördert, gibt zu denken. Laut dieser hängen Antisemitismus und der Hang zu Verschwörungsmythen eng miteinander zusammen. 28 Prozent der Befragten empfinden die Aussage "Eine mächtige und einflussreiche Elite (z. B. Soros, Rothschild, Zuckerberg, ...) nutzt die Corona-Pandemie, um ihren Reichtum und politischen Einfluss weiter auszubauen" als sehr oder eher zutreffend. Und: "Personen mit hohem Hang zu Verschwörungsmythen sind deutlich antisemitischer als der Rest der Bevölkerung", erklärte Projektkoordinator Thomas Stern.

 

Juden als Schuldige für Krankheiten

Dass Juden für Krankheiten verantwortlich gemacht werden, ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Bereits im Mittelalter wurde ihnen als „Brunnenvergifter“ der Ausbruch der Pest vorgeworfen. "Juden machte man weit über das Mittelalter hinaus für diverse Krankheiten verantwortlich“, erklärt Zeithistorikerin Helga Embacher von der Universität Salzburg.

"Ein Beispiel dafür ist die QAnon-Bewegung, der zufolge eine einflussreiche, weltweit agierende, satanistische Elite einen Deep State anführen und Kinder entführen, gefangen halten, foltern und ermorden würde, um aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge zu gewinnen. Konkret werden Hillary Clinton, Barack Obama und Georg Soros genannt, an der Spitze der „Guten“ steht Donald Trump als eine Art Heilsfigur. In Europa sind QAnon-Anhänger oft auf ‚Corona-Demonstrationen‘ vertreten", berichtet die Expertin.

Helga Embacher Kolarik
Historikerin Helga Embacher lehrt an der Universität Salzburg.

Aktuell forscht Embacher zum Antisemitismus in der Corona-Krise. Für SALZBURG24 hat sich die Universitätsprofessorin Zeit für ein Interview genommen.

SALZBURG24: Meldungen über Antisemitismus in Österreich haben uns bereits vor der Corona-Krise erreicht. Wie lässt sich das erklären?

HELGA EMBACHER: Über Antisemitismus wird seit Beginn des 21. Jahrhunderts in Europa immer wieder diskutiert. In Österreich hat die Debatte in einem stärkeren Ausmaß erst mit dem Gazakrieg von 2014 eingesetzt. Eine Ausstrahlung auf andere Länder hatten seit 2012 erfolgte islamistische Angriffe in Frankreich und Belgien, wo Juden und Jüdinnen – zumeist gerechtfertigt als Rache für Israels Vorgehen gegen Palästinenser – brutal getötet wurden.

Antisemitismus sollte aber auch nicht als ein isoliertes gesellschaftliches Phänomen gesehen werden, sondern in Zusammenhang mit einer allgemeinen Rechtsentwicklung und der ebenso stark steigenden Islamfeindlichkeit, unterstützt durch Soziale Medien.

In Salzburg macht die jüdische Bevölkerung einen marginalen Bruchteil aus. Wieso werden über eine im täglichen Leben fast unsichtbare Bevölkerungsgruppe Verschwörungsmythen in Umlauf gebracht?

In Salzburg war die jüdische Bevölkerung, abgesehen von den unmittelbaren Nachkriegsjahren, wo hunderte jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa bis 1948 in Lagern lebten, nie wirklich sichtbar und zählt bereits seit den Neunzigerjahren weniger als 100 Mitglieder.

Antisemitismus hat zumeist auch nichts mit der jüdischen Realität zu tun, sondern ist eine Vorstellung über Juden oder eine Fantasie über Juden und Jüdinnen. Antisemitismus geht insofern über Rassismus hinaus, als dass er vor allem in Krisenzeiten als Welterklärung dient, indem dunklen Mächten oder konkret Juden wie den Rothschilds oder Soros zugeschrieben wird, für die Krise verantwortlich zu sein und diese für ihre eigenen Vorteile zu nutzen.

Fehlt es an historischer Aufklärung über den Zweiten Weltkrieg oder spielt hier auch das "Wegsterben" der letzten Zeitzeugen eine Rolle?

Meiner Meinung nach hat das allmähliche Ende der Zeitzeugen wenig mit dem gegenwärtigen Antisemitismus zu tun. Eine zumeist einmalige Begegnung mit Überlebenden ist auch keinesfalls ausreichend, um Menschen gegen Antisemitismus zu immunisieren. Man kann auch Empathie mit einzelnen Überlebenden zeigen und vom Besuch in der Gedenkstätte Mauthausen beeindruckt sein, und dennoch Israel vorwerfen, an den Palästinensern einen Holocaust zu verüben.

Umgekehrt gibt es Menschen – häufig Anhänger rechter und rechtspopulistischer Parteien – die ein sehr positives Bild von Israel haben und gleichzeitig Soros vorwerfen, die Flüchtlingskrise 2015 initiiert zu haben, um Europa zu schädigen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Heinz-Christian Strache.

Wie kommt es, dass Corona-Leugner und Impfgegner – wo eine Vielzahl dem rechten politischen Spektrum zuzuordnen ist – einen Judenstern tragen? Und wie passt das zusammen?

Es ist kein neues Phänomen, dass Menschen den Holocaust instrumentalisieren, um damit auszudrücken, dass etwas besonders schlimm oder als absolut böse zu sehen ist. Ein gut gemeintes Beispiel dafür ist Arnold Schwarzenegger, der in einem Video den Sturm auf das Kapitol massiv verurteilen wollte, indem er ihn mit der Reichspogromnacht verglich.

Politisch rechtsgerichtete Corona-Leugner bzw. Kritiker von „Corona-Maßnahmen“ wollen damit oft bewusst provozieren und erhoffen sich von diesen provokanten Vergleichen mediale Aufmerksamkeit. Gleichzeitig fallen diese Vergleiche auch nicht unter das Verbotsgesetz und man kann gerichtlich wahrscheinlich kaum dagegen vorgehen. Manchen fehlt wahrscheinlich auch das historische Wissen und somit jegliches Bewusstsein über die Wirkung derartiger Vergleiche bzw. Gleichsetzung der eigenen Situation mit Holocaustopfern.

Wie lassen sich diese antisemitischen Strömungen verhindern und welche Form der Aufklärungsarbeit gilt es hier zu machen?

Meiner Meinung nach ist die Aufklärung über den Antisemitismus ein nach wie vor schwieriges Unternehmen, da dazu ein vielfältiges Wissen notwendig wäre: Nicht nur über den Holocaust, sondern auch über die komplexe Geschichte des Israel-Palästina Konflikts sowie über die Vielfalt des jüdischen Lebens. Selbst in einer kleinen Gemeinde wie Salzburg bilden Juden und Jüdinnen keine homogene Gruppe und haben unterschiedliche Positionen zu Israel oder zum Ausmaß des Antisemitismus. Keineswegs alle haben die Koffer gepackt. Was auf alle Fälle vermittelt werden muss, ist, dass österreichische Juden und Jüdinnen nicht für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden dürfen und Synagogen der absolut falsche Ort für Demonstrationen sind.

Man muss sich aber auch darüber bewusst sein, dass ein bestimmter Prozentsatz von Menschen, vor allem wenn sie für Verschwörungsphantasien anfällig sind, nur schwer zu erreichen ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 22.09.2021 um 08:03 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/corona-krise-befeuert-antisemitismus-historikerin-helga-embacher-im-interview-104578240

Kommentare

Mehr zum Thema