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"Wir erleben einen Angriff auf die Existenz"

Corona & unser Ego – was wäre, wenn…?

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Corona und unser Ego, ein viel diskutierter Begleiter. (SYMBOLBILD)

Ein Jahr Corona – was hat es mit uns Menschen gemacht? Warum drängt die Missgunst derart an die Oberfläche, woher kommt so viel Unsicherheit und Panik? Und ist es wirklich die Politik, die dafür verantwortlich ist? Ich frage mich, was wäre, wenn…

„Sind wir durch die Krise egoistischer geworden?“ Viele würden auf diese Frage wohl spontan mit „Ja“ antworten. Neben dem Ego gewinnen aber auch drückende und verengende Eigenschaften wie Angst, Panik, Hass und Missgunst vor allem im Netz ihren Platz. Dort, wo den Gedanken freien Lauf gelassen werden kann.

Also was wäre, wenn es in unseren Köpfen, in unserem Denken, kein Richtig und kein Falsch gäbe? Was, wenn wir nicht ständig und meist völlig unbewusst Worte und Taten anderer beurteilen, wenn wir unsere Mitmenschen nicht für ihre vermeintlichen Fehlentscheidungen verurteilen würden?

Das bedeutet nicht, dass wir alles, was uns vorgesetzt wird, unhinterfragt und kritiklos annehmen müssen und wir quasi zu Unmündigen werden, die von Außen bestimmt sind. Ganz im Gegenteil: Kritik ist ein elementarer Teil unserer politischen und gesellschaftlichen Lebensform und trägt in der Regel zu notwendigen Veränderungen bzw. Entwicklungen bei. Und gerade jetzt, in Zeiten, in denen das Ungleichgewicht derart stark zu spüren ist, müssen wir jenen, die an der Macht sind und wichtige Hebel in der Hand haben, ganz genau auf die Finger schauen. Während im politischen Alltag dafür unter anderem die Opposition zuständig ist, sind es im gelebten Alltag wir – die Bevölkerung. So ist es unsere Verpflichtung zum Wohle der Allgemeinheit zu hinterfragen – und dabei auch sich selbst und das eigene Handeln nicht auszunehmen.

„Ich bin ein kritischer Bürger!“

Viele glauben das zu tun, tagtäglich, manchmal gar im Stundentakt. Unter dem Motto: „Ich bin ein kritischer Bürger!“ wird dann als Kommentar verpackt in den verschiedensten Foren und sozialen Netzwerken gebrüllt, gewütet und gejammert. Doch der Ton macht die Musik. Denn diese Besserwisserei, mit denen in der Regel all jene überschüttet werden, die Entscheidungen treffen (weil es im Übrigen ihr Job ist), wird oft begleitet von Unruhe, Verlustängsten, Panik, Gier und Hass. Hass und Missgunst jenen gegenüber, die vielleicht etwas haben könnten – materielle oder nichtmaterieller Art – was man selbst nicht hat. Und das Internet, in dem man vermeintlich anonym be- und verurteilen kann, macht eben diese Emotionen, die vom Eigeninteresse begleitet werden, noch deutlicher und vor allem schneller sichtbar.

Der prominente Begleiter heißt „Ego“

Die Krise stellt das eigene Ego mitten ins Rampenlicht, das ist inzwischen auch bei den Medienleuten angekommen. „Ich, ich, ich und nochmals ich“ titelte etwa Christian Resch von den Salzburger Nachrichten in seinem Leitartikel vor etwa drei Monaten. Und auch zahlreiche andere Medienleute thematisieren das Auftauchen der zunehmende Ich-Bezogenheit in der Krise. „Das, was wir erleben, ist ein Angriff auf die menschliche Existenz“, sagt Marion Hötzel von der Schule für Meditation und Achtsamkeit in Mondsee in unserem gemeinsamen Podcast, auf meine Frage, wo die Gründe dafür liegen könnten. Und ja, in einem existenziellen Kampf ist sich jeder selbst der Nächste.

Im Podcast sprechen wir außerdem darüber, wo die Grenze zwischen einem "gesunden Ego" und Narzissmus liegt und wie es uns gelingen kann, uns unserem eigenen Tun und Handeln bewusst zu werden, für uns selbst zu sorgen und Verantwortung für uns und unsere Mitmenschen zu übernehmen. All das, was die Politik derzeit versuche, sei lediglich ein Trostpflaster, ist Hötzel überzeugt.

Wenn es eng im Kopf wird

Wenn der vorhandene Egoismus, der ja nicht zwingend zu verurteilen ist, in Narzissmus umschlägt, kann es hingegen gefährlich werden. Denn dann zeigen sich die Menschen in ihren Verhaltensweisen und Internet-Auftritten geplagt von Ängsten, panisch, engstirnig und verwirrt. Nichts kann sie von ihrer Meinung abbringen, da sie nicht mehr in der Lage sind, Meinungen und Sichtweisen von Außen aufzunehmen. Der Kopf ist eng. Eine Gruppe von Menschen, so scheint es, die zunehmend größer wird.

Wieder neue Anker finden

Aber warum ist das alles so? Auch wenn eine vollständige Erklärung zu diesem Zeitpunkt nicht möglich sein kann, kann eine andere Perspektive vielleicht Verständnis für uns alle schaffen. Die Sicht aus der phänomenologischen Psychologie zeigt die Verletzlichkeit des Menschen auf. Corona verletzt nicht nur unsere Grundrechte und unsere Kontrolle über uns selbst verletzt, sondern hat uns mit dem Tod und der Vergänglichkeit konfrontiert. Ein Thema, das jeder von uns am liebsten weit wegschieben will. Auch wenn wir selbst nicht betroffen waren oder sind, zeigt uns die Pandemie ganz klar eines: Alles ist endlich, auch unser Leben und niemand weiß, wann es soweit ist. „Sich das zutiefst bewusst zu werden löst Hilflosigkeit und Ohnmacht aus“, sagt Hötzel. Wir verlieren unsere Anker. Wir brauchen neue – und was das ist, kann jede und jeder nur für sich selbst herausfinden. Der Weg nach Innen wird bei dieser Suche jedenfalls unumgänglich. Fakt ist, niemand und nichts aus dem Außen, und am allerwenigsten die Politik, kann uns diese Anker wiedergeben. Auch dann nicht, wenn wir danach schreien.

Und wenn wir es schaffen, unsere (kritischen) Gedanken weniger aus dem persönlichen Interesse heraus zu formulieren und dafür mehr aus unserem Herzen und im Sinne des Allgemeinwohls, dann sind wir möglicherweise an einem neuen Weg angekommen. Und vielleicht ist es genau das, was wir noch lernen müssen. Also, was wäre, wenn…

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 02.08.2021 um 05:46 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/corona-unser-ego-was-waere-wenn-102464440

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