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Fastenzeit

40 Tage ohne – Fasten in der Corona-Zeit

Warum uns „noch ein wenig mehr fasten“ helfen kann

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Fasten kann Stabilität bieten. (SYMBOLBILD)

Wir fasten seit etwa einem Jahr – an gemütlichen Abenden in Restaurants, an ausgelassenen durchtanzten Nächten, an Festivalbesuchen und Kulturveranstaltungen. Aber auch an Geselligkeit, Gemeinschaft und Nähe. Entbehrungen sind zur Normalität geworden. Wollen – oder besser gesagt – schaffen wir derzeit überhaupt ein „spirituelles Fasten“ zwischen dem kräftezehrenden „Corona-Fasten“? Diese und weitere Fragen wollen wir mit einer Psychotherapeutin beantworten.

Von Franziska Huber

Die Motivation, auf geliebte Süßigkeiten, das Gläschen Wein oder die Zigarette zum Kaffee zu verzichten, ist wahrscheinlich derzeit geringer denn je. Doch gerade in Corona-Zeiten kann die Fastenzeit helfen, zu reflektieren und zu hinterfragen, was wirklich wichtig ist im Leben. Fasten bedeutet, sich auf sich selbst zu konzentrieren und Ruhe zu finden. Fasten bedeutet, durch Verzicht zu gewinnen, nicht zu verlieren.

Traditionen können halt geben

Monika Wogrolly beobachtet in ihrer Praxis für Psychotherapie und Philosophie in Graz und Wien die letzten Monate gesellschaftliche Veränderungen aufgrund des „Corona-Fastens“: „Brauchtum, Tradition, Routinen und Regeln – darunter auch Fastenregeln – verschwimmen im neuen Zeitalter der Covid-19-Pandemie. Das Kollektiv, das gemeinschaftlich handelt, fällt weg beziehungsweise findet sich überwiegend körperlos im Netz ein. Diese Körperlosigkeit führt auch zu einer Vergeistigung und immateriellen Art der Begegnung und Beziehung. Das heißt, wir spüren anders. Die Körper, Gerüche und „normalen Empfindungen“ fehlen“, erklärt die Psychotherapeutin.

Wie wäre es also, das routinehafte Surfen in den Sozialen Medien durch einen Abendspaziergang unterm Sternenhimmel mit dem Partner oder besten Freund zu ersetzen? Anstatt einem Fernsehabend allein zuhause auf der Couch mit Alkohol kann ein Telefonat mit der Freundin / dem Freund möglicherweise zufriedener stimmen. Sich mehr Zeit für das Pflegen von Freundschaften zu nehmen – wenn auch auf digitale Weise – ist ebenfalls ein positives Vorhaben, das man in der Fastenzeit realisieren kann. Rituale, bei denen man sich selbst oder dem Partner etwas Gutes tut, sollten beibehalten oder intensiviert werden. „Gerade jetzt sind Traditionen wichtig. Sie schaffen den Rahmen einer Gesellschaft, der Sicherheit vermittelt. Aber Traditionen und Werte ermöglichen auch Selbstentfaltung, schaffen Identität und geben Halt. Ein „Gerade jetzt“- oder „Jetzt erst recht“- Denken kann Energien mobilisieren und dem Individuum das Gefühl der Selbstbestimmung wiedergeben.“, motiviert Wogrolly. Daher können auch Fastenregeln stärken und Stabilität bieten.

In sich hinein hören

Vor allem in der momentan herausfordernden Zeit der Pandemie sollte man sich nicht etwas Liebgewonnenem unter großen Mühen enthalten, sondern neue, gesündere, nachhaltigere Alternativen für sich finden. Besonders in dieser Zeit ist es wichtiger als sonst, stärker in sich hinein zu hören, was man braucht. Grundsätzlich ist der christliche Sinn der Fastenzeit, sich leer zu machen und die Flut an äußeren Reizen aus vollen Terminkalendern, üppigen Mahlzeiten und betäubenden Partynächten zu reduzieren, um Platz für Gott zu machen.

Wogrolly gibt zu bedenken, dass ein Insichkehren in Zeiten, in denen selbst die heilige Messe über das Internet vom Wohnzimmer oder Küchentisch aus besucht wird, allerdings auch schwieriger sei, da man sich nicht so leicht exklusiv auf ein Geschehen fokussieren könne.

Wichtig ist, sich gerade in der momentanen Zeit nicht durch Verzicht zusätzlich unter Druck zu setzen. Auch die systemische Psychotherapeutin rät in Ausnahmezeiten wie diesen, sich nicht zu überfordern und in einer Zeit der zunehmenden Einschränkungen nicht zwangsweise weiteren Verzicht zu üben - sondern nur, wenn es eine Sehnsucht nach Selbstbestimmung, Selbstkontrolle und Entlastung von üblen Gewohnheiten bedeute.

Verzicht muss nicht mühevoll sein

Die beschränkte Zugänglichkeit zur Gastronomie kann beispielsweise genutzt werden, das zuvor regelmäßig konsumierte Fast-Food durch selbst zubereitete, gesunde Speisen zu ersetzen. Hinsichtlich der Ernährung empfiehlt Monika Wogrolly fokussiert, intuitiv und spürsinnig, anstatt verkopft und impulsiv zu essen. Fokussierter Verzicht solle für jene Nahrungsmittel umgesetzt werden, welche vor allem zur Kompensation des Frustes dienen, wie etwa zuckerhältige Nahrungsmittel.

Während in einigen Branchen das Arbeitspensum zugenommen hat, befinden sich mehr Menschen denn je in Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit. Möglicherweise findet sich also Zeit, um sich einige Tage der Fastenzeit ehrenamtlich zu engagieren. Gerade die Fastenzeit kann auch als Chance gesehen werden, die zusätzlich frei gewordene Zeit, für die Umsetzung von Vorsätzen zu nutzen. Neben dem Start einer neuen Sportart, einem kreativen Hobby, dem Aufräumen des Dachbodens oder Ausmistens von Utensilien, kann auch das Üben von Achtsamkeit helfen, schlechte Angewohnheiten wie Stress-Essen oder Stress-Rauchen zu verringern.

Neue Formen des Fastens beschränken sich nicht nur auf das Weglassen von Schokolade, Alkohol oder Tabak, sondern integrieren auch digitales Fasten vom Handy, Klimafasten oder Konsumfasten. Es geht aber immer um zwei Dinge: Einerseits um die Erkenntnis, durch den vermeintlichen Verlust von etwas, etwas anderes, möglicherweise Besseres zu gewinnen. Und andererseits darum, Stabilität durch Rituale und Traditionen zu finden.

(Quelle: SALZBURG24)

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