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"Bio" & "fair" boomen

Was steckt wirklich hinter fairem Handel?

EZA in Köstendorf leistet Pionierarbeit

EZA Fairer Handel SALZBURG24/Wurzer
Andrea Reitinger von der EZA in Köstendorf im Gespräch mit Nicole Schuchter von SALZBURG24.

Schokolade, Kaffee oder Tee – Produkte aus der dritten Welt, auf die wir hierzulande nicht verzichten wollen, lassen seit einigen Jahren den „fairen Handel“ regelrecht boomen. Nach Bio springen immer mehr Konzerne auf den „Fair-Zug“ auf und wollen damit ihre Umsätze ankurbeln. Was aber bedeutet Fairer Handel wirklich? Und warum ist Salzburg die Wiege des fairen Handels?

Köstendorf

„Es gibt immer mehr Menschen, denen es nicht egal ist, unter welchen Bedingungen die Produkte, die sie konsumieren, hergestellt worden sind“, weiß Andrea Reitinger von der EZA in Köstendorf im Salzburger Flachgau. Die EZA gilt als Pionierin des Fairen Handels in Österreich und wurde 1975 vom Salzburger Anton Wintersteller initiiert. Das Unternehmen beschäftigt sich seit über 40 Jahren damit, was fairen Handel ausmacht und welchen Kriterien er zugrunde liegen sollte.

„Was bedeutet „fair“?

Seit einigen Jahren steigt nicht nur die Nachfrage von fair gehandelten Produkte, auch die globalen Lebensmittelplayer haben das wirtschaftliche Potential eines „fairen Touchs“ auf dem Produkt erkannt. Doch nicht überall, wo „fair“ draufsteht ist „fair“ drinnen. Also was genau bedeutet das? „Fairer Handel bedeutet für uns, dass wir nicht nur auf den ökologischen, sondern auch auf den sozialen Fußabdruck des Produkts achten. Das heißt, wir garantieren den Kleinbauern in der dritten Welt Mindestpreise“, erklärt Reitinger im Gespräch mit SALZBURG24. Für die Bauern, die nicht nur die ersten in der Lebensmittelkette sind, sondern in der Regel auch die Schwächsten, bedeute das ein wichtiges Sicherheitsnetz, da die Weltmarktpreise – besonders bei Kaffee und Kakao – hohen Schwankungen unterlegen sind.

Ein weiterer wichtiger Punkt sei die Transparenz – so kann die Herkunft jedes von der EZA vertriebenen Produkts nachvollzogen werden. „Unsere Partner werden genau beschrieben, das ist im herkömmlichen Handel nach wie vor nicht selbstverständlich“, so Reitinger. Durch diese Maßnahme sollen die Konsumenten eine informierte Kaufentscheidung treffen können.

Produkte mit dem Fairtrade-Gütesiegel sieht Reitinger als Orientierungshilfe für den Konsumenten. „Das Siegel steht für bestimmte Standards und ist mit einer unabhängigen Kontrolle verbunden“, so die EZA-Sprecherin. „Es geht uns darum zu schauen, wer hat das Produkt hergestellt, wie und unter welchen sozialen Bedingungen ist es hergestellt worden.“ Wem das wichtig ist, der müsse logischerweise auch den eigenen Lebensstil hinterfragen.

 

Was können wir tun?

Aber was ist ein Lebensstil, der die sozialen Aspekte des Handels impliziert? Sollen wir nur noch heimische, regionale Lebensmittel und Produkte einkaufen? „Nein“, sagt Reitinger. Das wäre zu kurz gegriffen. „Auf Kaffee und Kakao zu verzichten, wird an den Problemen der weltweiten Ungleichheit nichts ändern“, so die Expertin. Ein Weg könne sein, die Menge der Billigprodukte herunterzufahren und dafür mehr auf eine ganzheitliche Qualität der Einkäufe zu achten – so könne man zu einem Handel beitragen, der Menschen und Natur im Blick hat.

„Können nicht über Verhältnisse der anderen leben“

Um das erklärte Ziel von weltweit menschengerechten Handelsbedingungen zu erreichen, nimmt Reitinger auch die Politik in die Pflicht. Denn der Verbraucher habe in der Regel meist nicht die Möglichkeit sich zu entscheiden. So gebe es etwa im gesamten IT-Bereich weltweit keine Alternativen. „Es muss klare und verbindliche Regel für die Konzerne geben. Derzeit hängt die gesamte Verantwortung des sozialen Fußabdrucks von der freiwilligen Entscheidungen von Unternehmen ab. Das ist auf lange Sicht zu wenig.“ Die Unternehmen müssten dazu verpflichtet werden, ihren Handel offenzulegen und sorgfältig zu wirtschaften.

Konkret gehe es darum, dass wir Konsumenten bei Kauf eines neuen Computers oder einer neuen Waschmaschine sicher sein können, dass die Menschen, die das Produkt bzw. dessen Einzelteile hergestellt haben, nicht ausgebeutet und angemessen entlohnt wurden. „Denn wir können nicht permanent über die Verhältnisse der anderen leben.“

Das ist die EZA

EZA Fairer Handel SALZBURG24/Wurzer

Die EZA Fairer Handel GmbH wurde 1975 in Salzburg gegründet und brachte damit den Fairen Handel nach Österreich. Sie ist Pionierin im Fairen Handel und Österreichs größte Importorganisation für fair gehandelte Produkte. Gesellschafter sind der Verein Aktion 3. Welt-A3W, sowie die Katholische Männerbewegung.

Das Sortiment der EZA umfasst Lebensmittel, Handwerksartikel, Fair Fashion und Bio-Kosmetik. Dahinter stehen rund 140 Partnerorganisationen aus über 50 Ländern in Afrika, Asien, Lateinamerika und dem Nahen Osten. Mehrheitlich arbeitet die EZA mit Kleinbauernvereinigungen und Zusammenschlüssen von HandwerkerInnen bzw. deren Vermarktungsorganisationen. Bekleidung wird unter der EZA Marke Anukoo, Bio-Kosmetik unter der Marke Biosfair angeboten. Kaffees, Schokoladen, Tees, Kakao, Nüsse, Speiseöle, Fruchtsäfte und Limonaden, Zucker, Honig, Reis, Quinoa, Fußbälle sowie Bekleidung aus Bio-Baumwolle tragen das Fairtrade-Gütesiegel für Fairen Handel. 90 Prozent des Lebensmittelumsatzes tätigt die EZA mit Produkten aus Fairem Handel und kontrolliert-biologischem Anbau.

87 Weltläden kaufen bei der EZA ein

Die breiteste Auswahl an EZA-Produkten findet man in den 87 Weltläden in Österreich. Sie machen knapp 30 Prozent des EZA-Umsatzes aus. Darüber hinaus beliefert die EZA auch den Lebensmitteleinzelhandel (Spar und Rewe). Auch ein eigener Onlineshop wird von Salzburg aus betrieben

16 Millionen Euro Umsatz pro Jahr

Im Geschäftsjahr 2017/2018 erreichte das Unternehmen einen Gesamtumsatz von 16 Millionen Euro (minus 1 Prozent zum Vorjahr). Kaffee ist das stärkste Produkt des Unternehmens. Er steht für 40 Prozent des Umsatzes, gefolgt von Schokolade mit einem Anteil von zwölf Prozent. Die restlichen Lebensmittel umfassen rund 18 Prozent des Umsatzes.

Mit Fair Fashion (G.O.T.S. zertifizierte Bekleidung aus FAIRTRADE zertifizierter Bio-Baumwolle und Alpakafaser, Schmuck und Taschen) erzielte das Unternehmen 7 Prozent des Gesamtumsatzes, das Sortiment an traditionellen und innovativen Handwerksprodukten steht für 12 Prozent des Umsatzes.

EZA, Grafik, Umsatz EZA

Aufgerufen am 23.04.2019 um 12:17 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/flachgau/bio-fair-als-verkaufsschlager-was-steckt-hinter-fairem-handel-68932273

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