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Heinz Nußbaumer (75) im Sonntags-Talk: "Wir brauchen mehr Mut für das Wesentliche"

Von Muammar al-Gaddafi, Jassir Arafat über Ronald Reagan und Bill Clinton bis hin zu Zhou Enlai und dem Dalai Lama – er traf sie alle und schloss Freundschaften: Heinz Nußbaumer (75). Der Wahl-Mattseer war und ist Journalist aus Leib und Seele, leitete fast 20 Jahre das Außenpolitikressort des Kurier und war neun Jahre lang Sprecher der beiden Bundespräsidenten Kurt Waldheim und Thomas Klestil. Wir haben mit Heinz Nußbaumer im Sonntags-Talk über die Rolle Österreichs in der EU, Religion und Dankbarkeit gesprochen.

HN, Sbg24 Salzburg24
HN, Sbg24
Es ist der Freitagnachmittag vor der EU-Gipfel-Woche in Salzburg. Nach zwei verregneten Tagen blinzelt gerade wieder die warme Herbstsonne über Mattsee (Flachgau) durch, wo wir Heinz Nußbaumer (im Bild) im Schlosscafé zum Interview treffen. Er ist gut gelaunt, streckt seine Hand aus und begrüßt lächelnd mit den Worten „ich habe Sie schon beobachtet“. Nach einem raschen, aber herzlichen Wortwechsel über „das schöne Mattsee“ starten wir das Gespräch, das zwei Stunden dauern sollte. Denn zu erzählen hat der 75-Jährige viel. Und er erzählt gerne. Nicht nur über seine Treffen und Freundschaften mit politischen Schwergewichten der Vergangenheit – auch die „großen Fragen des Lebens“ beschäftigen Nußbaumer spätestens seit seiner ersten Krebserkrankung im Alter von 16 Jahren. Trotz oder gerade wegen seiner vielen körperlichen Leiden hat der in Bad Reichenhall geborene und in Salzburg aufgewachsene Athos-Pilger eine enorme Dankbarkeit entwickelt.

Und bei nahezu allen Themen, die wir behandeln, begleitet uns immer ein Name: Hugo Portisch. „Ich hatte in Hugo Portisch einen großen Chefredakteur, einen späten Vater und Bruder im Geist, der mich hinausgetrieben hat in die Welt“, sagte Nußbaumer schon 2011 in einem Interview mit der Presse. Von 1966 bis 1990 war Nußbaumer Außenpolitikredakteur beim Kurier und baute in dieser Zeit nahe Verbindungen vor allem zu israelischen und arabischen Staatsmännern auf, die von Politikern wie etwa UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim und Bundeskanzler Bruno Kreisky immer wieder gerne zur Herstellung vertraulicher Kontakte genützt wurden.

Nach neun Jahren als Pressesprecher der Bundespräsidenten Kurt Waldheim (1986 bis 1992) und Thomas Klestil (1992 bis 2004) ging Nußbaumer den Weg als freier Journalist weiter und ist heute Träger zahlreicher journalistischer Auszeichnungen und Ehrungen und Herausgeber der Wochenzeitung „Die Furche“.

Herr Nußbaumer, Sie haben im Juli ihren 75. Geburtstag gefeiert. Das hält Sie aber nicht davon ab, dass Sie nach wie vor sehr aktiv sind. Sie sind Herausgeber der Wochenzeitung „Die Furche“, halten immer wieder Vorträge und sind Gast diverser Veranstaltungen. Mögen Sie das Leben so schwungvoll?

Ja! Ich habe für die Art, wie ich mir das Leben vorstelle, sicherlich den falschen Körper – nämlich in dem Sinne, dass er nicht so belastbar ist, wie ich ihn gerne hätte. Mit der Arbeit aufzuhören, würde mich wahrscheinlich depressiv machen. Ich habe viele Gschaftln, die ich mehr und mehr abzubauen versuche. Einfach, weil ich seit dem heurigen Sommer doppelter Großvater bin und eine andere Lebenseinstellung dazu bekommen habe. Aber wenn ich in der Früh aufstehe und ich habe etwas zu tun und es ist etwas, das mich herausfordert, dann bin ich auch gesünder.

Wenn man Sie ein bisschen kennt und beobachtet, sieht man schnell, dass Sie immer ein Lächeln im Gesicht haben. Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Wenn man sich meine Biografie ansieht, hatte ich nicht sehr viele Voraussetzungen dafür, glücklich zu sein. In meinem Leben hat aber früh etwas angefangen, das mich weitgehend geprägt hat. Und das waren alle meine schweren Krankheiten. Als ich in meiner Jugendzeit den ersten Krebs bekommen habe – das war ein furchtbares Jahr – habe ich mir nach der Entlassung aus dem Krankenhaus etwas vorgenommen, das ich bis heute verwirkliche: Ich versuche, jeden Tag so anzufangen, dass ich mich über etwas Schönes freue – ob das jetzt ein Blumenfeld, ein nettes Gesicht oder was auch immer ist. Wenn man aufmerksam ist, gibt es immer irgendetwas, das schön und erfreulich ist.

Als zweite Antwort auf Ihre Frage gibt es ein weiteres großes Lebensthema: Ich fahre heuer das 33. Jahr in ein Kloster auf den Berg Athos (in Griechenland, Amk. d. Red.). Und von den Mönchen dort habe ich ein paar Lebensregeln gelernt. Eine davon ist, ein bisschen mehr an meiner Dankbarkeit zu arbeiten. Denn man ist nicht deshalb dankbar, weil man glücklich ist, sondern man ist glücklich, weil man dankbar ist. 

Und das Dritte ist natürlich mein privates Familienglück. Ich habe das Glück einer wunderbar funktionierenden Familie. Ich war so viele Jahrzehnte meines Lebens als außenpolitischer Journalist unterwegs, quasi ein bezahlter berufsmäßiger Weltenbummler. Und meine Frau hatte dafür Verständnis.

Sie haben es gerade angesprochen. Sie waren von 1971 bis 1990 Außenpolitik-Ressortleiter der Tageszeitung Kurier und danach Pressesprecher der beiden Bundespräsidenten Kurt Waldheim und Thomas Klestil. Lassen Sie uns doch etwas über Politik sprechen.

Ja, sehr gerne.

Heinz Nußbaumer mit Kurt Waldheim/SALZBURG24/privat Salzburg24
Heinz Nußbaumer mit Kurt Waldheim/SALZBURG24/privat

Zu einem aktuellen Thema: Der EU-Gipfel in Salzburg bildet den Höhepunkt des österreichischen EU-Ratsvorsitzes. Welche Rolle spielt Österreich in der EU?

Außenpolitisch ist uns vieles von dem, was mich fasziniert hätte, verloren gegangen. Wahrscheinlich ist das ein ganz natürlicher Prozess. Aber wir sind zurückgefallen. Wir sind ein Kleinstaat in der Europäischen Union. Und wenn ich dem Österreicher zuhöre, dann sagt er, wir sind bei der EU und nicht in der EU.

Wir sind gerade EU-Vorsitzland. Da fallen uns automatisch bestimmte Regie-Aufgaben zu, klar. Aber was ist eigentlich die Corporate Identity Österreichs? Wer sind wir? Was sind wir? Welches Ziel und welche Aufgabe hat Österreich eigentlich in der Europäischen Union? Wo sehen wir uns? Ich glaube, wir haben bis heute nicht zum Kern unserer nationalen Aufgabe gefunden. Wir tun außenpolitisch mehr oder weniger unambitioniert dahin.

Kann Österreich durch den EU-Vorsitz auch etwas ausrichten oder spielen wir lediglich Regie für die mächtigeren Länder?

Ich habe bis jetzt noch nicht gesehen, wo Österreich in einer der großen Fragen, die uns beschäftigen, ein eindrucksvolles Papier hingelegt hätte. Ich sehe in der zentralen Frage der Asyl- und Migrationspolitik derzeit auch keinen Ansatz.

Ich habe mir die Europäische Union mit allen Fasern meines Herzens herbeigewünscht. Und ich habe eigentlich gedacht, dass in der EU eine Art Arbeitsteilung gefunden wird und dass sich jedes Mitglied ein Land außerhalb der EU sucht und dieses ein bisschen unter seinen Schutzmantel nimmt. Zum Beispiel wir mit dem Orient, andere Länder mit dem Baltikum, dem Balkan – je nach historischen Verbindungen. Jeder versucht dort, wo er kann, dem anderen Land zu helfen. Zum Beispiel beim Ausbau des Rechts, bei der Ausbildung, der Bildung oder bei Sicherheitsstrukturen.

Das ist so aber nicht eingetroffen. Gerade da, wo ich ein bisschen mitspielen durfte, sind wir in der EU sofort auf den Kreis von größeren, mächtigeren Staaten gestoßen, die diese Fragen natürlich nicht an einen Kleinen übergeben.

Wie schätzen Sie die derzeitige innenpolitische Situation in Österreich ein?

Österreich ist ja nur ein Teil einer gesamteuropäischen Entwicklung. Viele der Grundpfeiler, die jahrzehntelang meinen Blick auf die Innen- und Außenpolitik geprägt haben, gibt es nicht mehr. Unser größtes Heiligtum, das wir hatten, war die Neutralität.

Wir sind jedenfalls nicht mehr das Land, auf das viele – vor allem in der islamischen Welt – hinschauen und sagen, du bist unser Vermittler, du bist unser Treffpunkt, du bist derjenige, der mit Briefchen zwischen Fronten hin und her gehen kann.

Innenpolitisch gesehen ist für mich der Standard des politischen Personals im Vergleich zu anderen Ländern noch immer verantwortungsbewusster. Das sind alles keine Lumpen. Politik ist natürlich ein schwieriges Geschäft, weil es aus Konkurrenz und Konsens besteht und im Ernstfall sich die Konkurrenz immer über den Konsens legt. So harmoniesüchtig ich bin, ich bin froh, dass eine Koalition streitet. Zwei unterschiedliche Parteien dürfen sich nicht aufgeben. Und genau dafür habe ich ja die beiden, damit sie sich zusammenraufen und sich einigen. Das sehe ich im Moment zu wenig.

Ich glaube, man darf von Menschen mehr Mitgefühl, Empathie und Solidarität abverlangen, als die Politik und die Medien das heute tun. Du musst den Menschen für Dinge, die notwendig sind, die Herzen öffnen und ihnen erklären, warum das jetzt notwendig ist.

Mit der derzeitigen Regierung habe ich mein Problem. Ich halte den jetzigen Bundeskanzler für ein enormes Talent und ich glaube, dass er durchaus eine Ausnahmefigur ist. Und genau deshalb hätte ich ihm zunächst noch ein oder zwei Niederlagen gewünscht. Er ist zu schnell in ein Amt geraten, das er mit erstaunlicher Perfektion ausfüllt, aber ich merke doch, dass ein bisschen etwas an Erfahrung, an größerer Gelassenheit, fehlt.

Weil wir gerade beim Herzen sind: Sie haben in der Vergangenheit sehr viele spannende Persönlichkeiten getroffen. Als Außenpolitik-Journalist waren Sie bei den Mächtigen, als Athos-Pilger bei den Mönchen. Welche dieser Begegnungen haben Ihr Herz am meisten berührt?

Im Regelfall waren die Ohnmächtigen spannender für mich als die Mächtigen. Mächtige sind in ein Korsett von Interessen eingespannt und haben oft genug auch schon ihre fertigen Vorlagen, wie sie zu reden beziehungsweise wie sie sich zu verkaufen haben. Da ist es sehr schwierig ein bisschen weiter vorzudringen.

Wenn ich jetzt von dem Bereich der persönlichen Sympathien absehe und mir überlege, was waren die spannendsten Gespräche, dann waren das mit Sicherheit die drei Stunden einer Nacht – von drei bis sechs Uhr früh – in der ich mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai (1949 bis 1976) in der Halle des Volkes in Peking gesessen bin. Der Arme musste mit mir drei Stunden reden, weil er einige Wochen vorher mit einem amerikanischen Journalisten auch drei Stunden geredet hat und es das Prinzip der chinesischen Außenpolitik war, große und kleine Länder gleichberechtigt zu behandeln (lacht). Faszinierend war das Gespräch deshalb, weil er ein unglaublich gescheiter Mensch war. Er hat mir eine Analyse des Südtirol-Problems gegeben, die mich fast zum Umkippen gebracht hatte.

Toll waren meine Gespräche mit dem König Hussein von Jordanien (1952 bis 1999). Diese waren geprägt von großem gegenseitigen Respekt. König Hussein war ein Mensch, der es verstanden hat, ein Land über Jahrzehnte in einer unmöglichen Situation am Leben zu erhalten. Er hat es geschafft, sich nach allen Seiten zu beugen, aber die Füße immer am selben Platz zu halten.

Natürlich hatte meine seltsame Nähe mit Muammar al-Gaddafi (1969 bis 1979 Staatsoberhaupt, 1979 bis 2011 Diktator von Libyen, Amk. d. Red.) auch einen besonderen Reiz. Einerseits war er so undiplomatisch, wie ich mir das nicht vorstellen konnte. Andererseits gab er mir dann 100 Kilo Orangen für meine Kinder mit, damit sie gesund bleiben.

Und um noch einen Namen zu nennen, natürlich der Dalai Lama: Der Dalai Lama ist in seiner ganzen bubenhaften Weisheit eine so außergewöhnliche Figur, über die ich jetzt einen eigenen Abend bestreiten könnte. Er hat mir übrigens einen tibetischen Namen verliehen.

Wie lautet der?

Tarkashing – der Walnussbaum (lacht). Ich habe auch einen arabischen Namen von Arafat bekommen: Abu Zakzouka – Vater des Bärtchens.

Heinz Nußbaumer mit dem Dalai Lama anlässlich dessen Besuchs des SOS-Kinderdorf Hinterbrühl./SALZBURG24privat Salzburg24
Heinz Nußbaumer mit dem Dalai Lama anlässlich dessen Besuchs des SOS-Kinderdorf Hinterbrühl./SALZBURG24privat

Sie haben es zu Beginn unseres Gesprächs bereits angesprochen. Sie fahren seit mehr als drei Jahrzehnten in ein Kloster auf den Berg Athos. Wie ist das gekommen?

Das war meine Flucht aus dieser permanenten Erreichbarkeit und der gesundheitlichen Anfälligkeit. Ich habe versucht einen Platz zu finden, wo ich auch für den Bundespräsidenten nicht x-Mal erreichbar bin. Es ist einfach ein Gesundbrunnen für mich. Ich steige dort aus dem Schiff aus, gehe in mein Kloster und bin in dem Moment ein anderer.

Was bedeutet Spiritualität für Sie?

Spiritualität ist für Menschen von heute eine Abkürzung in Grundfragen, die irgendwo am Äußeren hängen bleiben. Es haben sich Menschen Jahrhunderte und Jahrtausende etwas überlegt, waren in vielem weiter wie wir und jetzt muss das alles in ein 140-Seiten-Buch hineinpassen. Das geht sich nicht aus. Spiritualität ist mir manchmal ein bisschen zu leichtgewichtig, mich interessiert schon die Religion als Ganzes.

Für die Menschen hierzulande verliert die Religion immer mehr an Bedeutung. Sie suchen ihre Antworten auf die großen Fragen des Lebens immer häufiger wo anders – eben in der Spiritualität, in der Esoterik, usw.

Ja, keine Frage. Und werden mit Schnellkost abgespeist. Ich habe durch das Kennenlernen anderer Religionen einen irrsinnigen Respekt vor ihnen bekommen, aber es hat mir eher mein eigenes Christentum verstärkt. Und ich glaube, dass in der Grundbotschaft des Christentums alles drinnen ist, was die Welt überleben lässt: Von der Gerechtigkeit über die Freiheit und Nächstenliebe bis zur Feindesliebe.

Ich habe bei verschiedensten Treffen – sei es bei einem diplomatischen Abendessen oder mit Mächtigen und Reichen – immer versucht, die Gespräche nicht unbedingt religiöser, aber wesentlicher zu gestalten. Und meine überraschende Erfahrung ist: Das ist überhaupt kein Risiko. Die Leute am Tisch sind dankbar, wenn über etwas Gescheites geredet wird. Mut zum Wesentlichen braucht viel weniger Mut, als wir selbst glauben. Im Gegenteil, es erfüllt in einem hohen Ausmaß unerfüllte Sehnsüchte.

Zum Abschluss. Sie sind zweifacher Großvater. Was wünschen Sie sich für Ihre Enkelkinder?

Zunächst wünsche ich mir, dass ich sie noch einige Zeit erlebe. Dann gratuliere ich ihnen zu den Eltern und zu dem Umfeld, in dem sie aufwachsen dürfen. Und ich wünsche ihnen, dass sie aus diesem Umfeld nicht in eine Überheblichkeit kommen und die Türen des Herzen offen lassen für das, wie es anderen geht. Aber im Grunde wünsche ich ihnen, dass sie erkennen, was ihnen mit dem Leben für ein Geschenk gemacht worden ist und dass sie dafür dankbar sind – und dass die Welt ein bisschen so bleibt, wie ich sie erlebt habe.

Herr Nußbaumer, ich sage ein herzliches Dankeschön für das Gespräch und wünsche Ihnen alles Gute.

Vielen Dank.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

 

Aufgerufen am 11.12.2018 um 01:39 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/flachgau/heinz-nussbaumer-75-im-sonntags-talk-wir-brauchen-mehr-mut-fuer-das-wesentliche-60256969

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